50 Jahre Biafrakrieg

Geschichte Afrikas In der Geschichte Afrikas war der Konflikt eine tiefe Zäsur. Nigeria erfand sich als regionale Großmacht. Das politische Afrika stürzte in eine tiefe Krise
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50 Jahre Biafrakrieg
Unterstützer der Unabhängigkeit Biafras am 30. Mai
Foto: STEFAN HEUNIS/AFP/Getty Images

Der afrikanische Intellektuelle Ali A. Mazrui beschrieb den Biafrakonflikt einst als einen Weltkrieg in einem Mikrokosmus, nur ohne die nukleare Dimension. Die Supermächte USA und Sowjetunion buhlten um Einfluss in der Region. Die Sowjets stellten sich auf die Seite der Zentralregierung, Washington dagegen blieb lange Zeit neutral. Frankreich unterstützte Biafra, um den wachsenden amerikanischen Einfluss in Afrika zurückzudrängen. China half den Separatisten, um Moskau zu ärgern. Ostdeutsche Piloten bombardierten separatistische Stellungen, weil Biafra von der Bundesrepublik Hilfslieferungen und beschränkte diplomatische Unterstützung erhielt. Israel kämpfte seinen Krieg gegen Ägypten auf Seiten Biafras weiter. Ägyptische Piloten bemannten die MIGs aus sowjetischen Waffenlieferungen. Der Biafrakrieg spiegelte die vielen kleinen und größeren Frontlinien der Kalten Krieges wieder. Über diese Seite des Biafrakriegs ist oft geschrieben worden. Weniger bekannt ist die die Rolle des Krieges für die politische Geschichte Afrikas.

Mitte der sechziger Jahre geriet das bevölkerungsreichste Land Afrikas in eine politische Krise. Am 15. Januar 1966 putschten Offiziere im muslimischen Norden Nigerias. Der Putsch schlug fehl. Am folgenden Tag gelang es jedoch Offizieren in der Hauptstadt Lagos die Regierung zu stürzen. Nigerias Präsident aus dem Norden, Abubakar Tafewa Balewa fand dabei den Tod. Mit ihm starb die Erste Republik. Für die nächsten Jahrzehnte dominierten Militärs die Politik Nigerias.

Zum neuen Machthaber erklärten die Putschisten General Aguyi Ironsi, einen Ibo aus dem Osten. Der Osten stellte traditionell den Großteil der oberen Ränge des Militärs. Ende Juli wurde Ironsi jedoch durch einen Putsch von Offizieren unter Führung von General Yakubu Gowon aus dem Norden abgesetzt und ermordet. Dem Putsch folgten Pogrome gegen Ibo vor allem in den nördlichen Regionen Nigerias. Tausende Ibo fanden den Tod, die Überlenden flohen in den Osten.

Aus Protest gegen die Untätigkeit der Militärregierung gegenüber den Massakern boykottierte Oberst Odumwegwu Ojukwu, Militärgouverneur der östlichen Regionen, die Mitarbeit am Verfassungskomitee des neu geschaffenen Militärrates. Wenig später stellt er alle Zahlungen an die Zentralregierung ein. Das Gowon-Regime antwortete mit einer ökonomischen Blockade des Osten. Am 27. Mai 1967 kündigte Gowon eine Neuordnung der Provinzen Nigerias an, die der Zentralregierung mehr Macht geben sollte. Drei Tage später erklärte Ojukwu die Unabhängigkeit des Ostens. Der neue Staat gab sich den Namen Biafra. Lagos Antwort war eine Generalmobilmachung. Am 6. Juli überschritten Truppen der Zentralregierung die Grenzen Biafras. Der Krieg sollte 920 Tage dauern und zwischen einer und zwei Millionen Nigerianer das Leben kosten.

Der Konflikt internationalisierte sich von Beginn an. Für das politische Afrika geriet der Konflikt zu einer Zerreißprobe. Gerade hatte der Kontinent die Kongokrise überstanden, sie hatte frankofone Länder gegen anglofone, eher linke gegen konservative Regierungen gestellt. Radikale Staaten wie Ghana, Guinea und Äthiopien hatten Patrice Lumumbas Zentralregierung unterstützt. Konservative Politiker wie Nigeria's Balewa oder Houphouët-Boigny von der Elfenbeiküste sich dagegen auf Tshombes Seite gestellt.

Im Biafrakonflikt taten sich die Gräben zwischen den frankofonen und den anglofonen Ländern erneut auf. Allen voran die Elfenbeinküste trat für die Separatisten ein. Das Land gehörte zu den vier afrikanischen Ländern, das Biafra anerkannte. Dabei ging es vor allem um knallharte Machtpolitik. Der Koloss Nigeria war für Houphouet-Boigny ein Konkurrent um die Vorherrschaft in der Region. Eine Sicht, die auch die französische Regierung teilte. Auch Senegals Präsident Senghor äußerte Verständnis für Biafra. Zwar wolle er keine Sezession unterstützen, die harte Haltung der Zentralregierung und vor allem das Los der Zivilbevölkerung in Biafra ließ ihn zu einem vehementen Kritiker des Gowon-Regimes werden.

Die vormals lautstarken radikalen Staaten hatten ein Jahr zuvor ihr großes Idol Kwame Nkrumah verloren. 1966 hatte das Militär den pan-afrikanischen Messias weggeputscht. Auch Algeriens Ben Bella, einst eine wichtige Stimme der radikalen Staaten, musste sich die Ereignisse aus dem Exil anschauen. Algeriens aktueller Machthaber Houari Boumedienne stellte sich jedoch auf Seiten der nigerianischen Zentralregierung. Nyerere galt allgemein als der Nachfolger Nkrumahs für den Anführer der radikalen, panafrikanischen Staaten. Doch im Fall Biafras verweigerte Nyerere seine Gefolgschaft. Tansania war der erste Staat, der Biafra anerkannte. Zambia’s Kenneth Kaunda, ein alter Alliierter Nyereres, folgte auf dem Fuß. Nyerere waren die Militärs in Lagos nicht geheuer, wichtiger aber war seine Sympathie für die Biafra-Separatisten. Kein geringerer als Namdi Azikiwe, der ehemalige Staatspräsident Nigerias, hatte in Dar es Salaam erfolgreiche Lobbyarbeit für Biafra betrieben. Zik, wie ihn seine Anhänger liebevoll nannten, war ein Held des Unabhängigkeitskampfes und das galt viel in Tansania.

Der Konflikt um die Meinung des politischen Afrikas wurde vor allem in der OAU ausgetragen. Im November 1967 sandte die OAU eine Delegation nach Lagos. Sie sollte die Möglichkeit einer Einigung sondieren, doch ihr Abschlusskommuniqué entsprach vor allem der Position der Zentralregierung. Treibende Kraft hinter dieser Entwicklung war der äthiopische Kaiser Haile Selassie. Als dienstältester afrikanischer Herrscher und Gastgeber der OAU hatte er ein hohes Prestige in Afrika. Äthiopiens Verständnis für Nigerias unnachgiebige Position hatte vor allem innenpolitische Gründe: die eritreischen Ambitionen für eine Unabhängigkeit von Äthiopien. Die Mehrheit der afrikanischen Staaten folgte dieser Position, oft aus den gleichen Gründen. Nahezu jede afrikanische Regierung musste separatistischen Bewegungen fürchten. Die Politik der OAU entsprach den ungeschriebenen Lehren afrikanischer Politik aus der Kongokrise: An oberster Stelle stand die Unantastbarkeit der Grenzen. Das hieß vor allem auch: keine Unterstützung von Separatisten.

Für Biafra, das große Hoffnung in die OAU gesetzt hatte, war das eine herber Rückschlag. Eine Vermittlung durch die OAU war nun nahezu unmöglich. Ein Versuch den Konflikt im Rahmen des Commonwealth im ugandischen Kampala zu lösen, scheiterte im Mai 1968.

Zu dieser Zeit war der Krieg in eine Pattsituation geraten. Die Separatisten hatten den Vormarsch der nigerianischen Armee stoppen können. Einen wesentlichen Beitrag zu diesem militärischen Erfolg leisteten Söldner, die von südafrikanischen Firmen für den Einsatz in Biafra angeworben wurden. Militärisch erfolgreich, geriet der Einsatz der Söldner zu einem außenpolitischen Fiasko für Biafra. Moise Tshombe hatte 1964 Söldner gegen Lumumba-Anhänger eingesetzt. Dabei war es zu unvorstellbaren Grausamkeiten gekommen. Tshombe war seitdem zur persona non grata in der afrikanischen Politik geworden. Das Apartheid-Regime in Südafrika galt als eine der letzten Bastionen weißer Herrschaft auf dem Kontinent, ein Bündnis mit diesem Paria-Staat als der ultimative Tabubruch in der afrikanischen Politik. Auch wenn viele, besonders konservative Staaten immer noch Beziehungen zu Südafrika aufrecht erhielten, so taten sie dies meist unter dem Deckmantel der Verschwiegenheit.

Biafras Allianz mit Südafrika war ein willkommenes Geschenk für Gowon. Nichts garantierte ihm mehr die Unterstützung der Mehrheit der afrikanischen Staaten als dieser Tabubruch. Er unterstützte nun die OAU Vermittlung nach Kräften. Doch Lagos Versuch, den festgefahrenen Krieg durch das Aushungern Biafras zu gewinnen, konnte auch die OAU nicht ignorieren. Der Biafrakrieg hatte längst die Reaktionstuben Europas und Amerikas erreicht. Bilder von ausgehungerten Kindern prangten auf den Titelseiten westlicher Zeitschriften. Westliche NGOs prangerten den Völkermord in Biafra an. Angesichts dieser Kampagne fürchtete das politische Afrika einen Imageverlust und intensivierte seine Friedensbemühungen.

Haile Selassie empfing Vertreter beider Parteien im August 1968 in Addis Ababa. Die zähen Verhandlungen dauerten den ganzen August, ganze 35 mal soll Haile Selassie die Parteien an den Verhandlungstisch gerufen haben. Gowon beendete die Diplomatie am 25. August und verkündete die letzte große Offensive gegen Biafra. Nach anfänglichen Erfolgen der Zentralregierung, konnte Biafra die Offensive stoppen. Der Krieg ging wieder in seine Routine des Hungers und Zermürbens über. Im April 1969 starte die OAU neue Vermittlungsversuche, sie scheiterten vor allem an der Siegesgewissheit der Zentralregierung. Ende 1969 waren die Auflösungserscheinungen in der Armee Biafras unübersehbar. Im Januar 1970 gab Ojukwu auf.

Der Biafrakrieg hinterließ tiefe Narben in Nigerias Gesellschaft. Bis heute ist das Misstrauen des Ostens gegenüber der Zentralregierung groß. Eine Aufarbeitung der Verbrechen seitens nigerianischer Truppen ist bislang ausgeblieben.

Auch für die Politik Nigerias markiert der Konflikt eine tiefe Zäsur. Nigerianische Historiker sprechen vom "Erwachen des schlafenden Giganten". Bis 1967 spielte Nigeria in Afrika nur eine begrenzte Rolle. Nigerias Außenpolitik unter Balewa war auf eine Allianz mit Großbritannien und den USA orientiert. Nkrumahs radikalem Pan-Afrikanismus wurde mit großem Misstrauen begegnet.

Der Biafrakrieg läutete eine Kehrtwende in der Außenpolitik des Landes ein. Lagos hatte gelernt, dass die OAU ein wichtiges Instrument für die Durchsetzung seiner Interessen sein konnte. In den folgenden Jahren starteten die Militärs eine diplomatische Offensive, um ihren Einfluss in der Organisation auszubauen. Daabei griffen sie auch auf die radikale pan-afrikanische Rhetorik eines Nkrumah zurück: Angesichts des jahrelange Konflikts zwischen Ghana und Nigeria eine erstaunliche Kehrtwende. 1975 erkannte Nigeria als erster afrikanischer Staat die marxistische MPLA in Angola als rechtmäßige Regierung an und ging auf Konfrontation mit den USA, traditionell ein enger Verbündeter.

Der Ärger der Amerikaner war groß, doch die Entfremdung von den USA hatte bereits im Biafrakrieg begonnen. Die neutrale Haltung der USA im Konflikt hatte für viel Unmut in Lagos gesorgt. Auch Großbritannien galt nicht mehr als unbedingt verlässlicher Partner. Zwar hatte London die Zentralregierung mit Waffenlieferung unterstützt, aus der Sicht der Nigerianer aber zu zögerlich. Die erhitzten Debatten im britischen Parlament, bei der viele Abgeordnete Kritik an Lagos geübt hatten, stieß dem Militärregime bitter auf. Von dieser Distanzierung dem Westen gegenüber profierten die Sowjets. Ihnen eröffnete der Biafrakrieg einem der größten Waffenmärkte Afrikas. Bis heute ist Nigeria ein treuer Kunde für russische Waffen.

09:19 20.07.2017
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