Des Westens Zerrbild

Russland und wir Putin ist uns ähnlicher als wir wahrhaben wollen. Der Auseinandersetzung mit Russland sollte ein Debatte unserer Selbstbilder vorangehen
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Des Westens Zerrbild
Putin und Trump

Foto: Petras Malukas/AFP/Getty Images

1994 war Moskau eine Stadt im Umbruch. Wenig erinnerte an die Apathie der Gorbatschow-Jahre. Anstelle dessen war ein geschäftiges Vibrieren, eine rastlose Suche getreten. Der Sozialismus war nun auch offiziell tot und der Kapitalismus feierte seinen Einzug: bunt, erbarmungslos und hoffnungsvoll. Einige Russen wurden schnell reich, sehr reich. Die Mehrheit jedoch kämpfte ums Überleben, gegen das Abgleiten in die Armut und in die Verzweiflung. Nicht was vorher galt, hatte in diesen Tagen bestand, außer den schwarzen Limousinen, die nun nicht mehr Funktionären sondern Business-Men gehörten. Wie ehedem jagten sie rücksichtslos durch die Straßen.

Die All-Unionsaustellung symbolisiert in meiner Erinnerung bis heute diese Zeit. Einst ein architektonisches Denkmal des Sozialismus war es nun zu einem riesigen, chaotischen Supermarkt geworden. Tausende kleine Stände boten von chinesischer Elektronik bis zu deutschen Medikamenten alles an, was das Moskauer Herz begehrte, brauchte und sich leisten konnte. Niemand hatte sich die Zeit genommen, die sozialistischen Symbole und die eingemeißelten Losungen zu entfernen. Vor den Eingangstoren verkauften alte Männer und Frauen Blumen, darunter auch ein Bekannter der Familie: ein ehemaliger Professor der Geschichte.

Die Russen traf der Umbruch wie ein Orkan: er brach die Gesellschaft, die Menschen, ihre Geschichte und ihren Glauben. Für niemanden gab es ein Netz, dass den Fall auffangen konnte. Wer fiel, fiel tief und zerbrach oft genug am Boden. Die Selbstmordrate in den 1990ern war exorbitant hoch und noch höher die Zahl der Alkoholismusopfer. Ganz anders war diese Erfahrung für die Ostdeutschen. Die geschassten Funktionäre landeten nicht als Straßenhändler auf der Straße, wo sie ihr Hab und Gut verkauften, sondern in ABM-Maßnahmen. Während ich weiterstudierte, was ich zu Ostzeiten begonnen hatte, brach mein Cousin in Moskau sein Studium ab und jobbte bei einer Bank. Trotz der vielen Umbrüche und Brüche plätscherte das Leben in Ostdeutschland dahin. Ganz anders die fieberhafte Atmosphäre in Moskau, wo Preise im Minutentakt stiegen. In Moskau machte der Kapitalismus vor nichts Halt, selbst vor der altehrwürdigen Allunionsaustellung nicht. In Berlin berieten Expertenkommissionen über die architektonischen Reste der DDR: Sollte der Palast der Republik bleiben oder nicht?

Im Vergleich hatte die russische Variante des Kapitalismus für mich immer etwas Reines, reduziert auf die Essenz: Werde reich oder stirb. Was immer sich dem Gewinn entgegenstellt, muss weichen. Die Russen hatten Kapitalismus aus den Büchern Marx gelernt oder von neoliberalen Experten, die in den Neunzigern den Kreml belagerten. Es war der reine Kapitalismus des 19. Jahrhunderts. Die deutsche Variante hegte das Biest in Sozialmaßnahmen und Verordnungen ein. Der Kapitalismus am Ende des 20. Jahrhunderts hatte eine menschlichere Maske bekommen. Der Westen hatte ein ambivalentes Verhältnis zu der russischen Variante: Einerseits priesen wir die Liberalen im Kreml, Filme und Serien im Westen aber karikierten dieses russische Zerrbild des real existierenden Kapitalismus: Die russische Mafia beerbte den KGB-Agenten als Bösewicht schlechthin, sie waren die Raubritter der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals.

Auf meinen Reisen nach Osteuropa und Afrika in den Neunzigern wurde mir jedoch bewusst, dass die ostdeutsche Erfahrung eher die Ausnahme, das Zerrbild war, und nicht die russische. In Mozambik und Tansania war der Übergang vom Sozialismus zum Kapitalismus noch brutaler, und für viele Menschen noch traumatischer. Die wenigen Netze, die es bis dahin gegeben hatte, waren durch die neoliberalen Berater des IWF und der Weltbank in die Mülltonne der Geschichte geworfen worden. 10 Jahre später kam dieser Kapitalismus des 19. Jahrhundert in Europa an. In Gestalt des Neoliberalismus und der Austeritätspolitik. Erst waren es die osteuropäischen Länder, dann Griechenland und mittlerweile auch Großbritannien: Der Brand im Greenfell-Tower zeigt, dass vom menschlichen Kapitalismus wenig geblieben ist.

1989 hatte der Westen den Kalten Krieg gewonnen und damit sich und der Welt bewiesen, das bessere Gesellschaftsmodell zu haben. Viele kürten die Dissidenten in den osteuropäischen Ländern zu Helden dieses Sieges, andere die geduldige Ostpolitik westlicher Diplomatie. Wie auch immer: Es war ein Sieg der Demokratie über die Tyrannei. Geopolitische Experten sahen den Sieg eher in strategischen Dimensionen: Die Russen wurden erst totgerüstet und dann mit Boykotts zur Aufgabe gezwungen. Der Sieg gegen die Russen war für sie ein wichtiger Schritt zu Größerem: die Wiederbelebung der westlichen Dominanz, die durch die russische Revolution und die Dekolonisierung Asiens und Afrikas, herbe Rückschläge hatte hinnehmen müssen. Es wurde die große Stunde der neokonservativen Think Tanks.

Die Ersten, die spürten, dass die Niederlage im Kalten Krieg auch eine geopolitische Dimension hatte, waren die Jugoslawen. Die Amerikaner hatten mit dem Tito-Regime noch eine alte Rechnung offen, für die Westeuropäer war Jugoslawien eine Hürde auf dem Weg nach Osteuropa. Beide Interpretationen über das Ende des Kalten Krieges gingen eine Allianz ein, die bis heute besteht: 1989 war der Beginn eines demokratischen Zeitalters und einer geopolitischen Neuordnung der Welt. Bomben fielen im Namen der Menschrechte und der Demokratie und in nonchalanter Umdeutung des Völkerrechts. Dann kam 9/11 und der Krieg gegen den Terror: Geopolitik übertüncht mit wohlfeilen Slogans von Demokratie und Menschenrechten.

Es war nur eine Frage der Zeit bis jemand Anderes als westliche Politiker sich diese Politik aneignen würde. Zu verlockend war die Vagheit des Feindes und das Prätentiöse des guten Grundes: diese Kombination machte alles möglich. Und bald schon rückte Diktator um Diktator nach vorne, deklarierte seine politischen. Gegner zu Terroristen, nannte seine militärischen Strafaktionen Terrorismusbekämpfung. Darunter war auch ein gewisser Herr Putin, der sein Tschetschenien-Problem nun im Licht des Kampfs gegen den Terror wähnte.

Das ausgerechnet Putin zum gelehrigsten Schüler des Westens wurde, war lange kaum absehbar. Zu sehr waren die Russen in jenen Jahren darauf aus ein Teil des Westens zu sein und Konflikte zu vermeiden. 2005 waren die Traumata der Neunziger langsam dem Enthusiasmus des Konsums gewichen. Meine Verwandten hatten sich neue Autos und Haushaltsgeräte angeschafft und die lang ersehnte Dascha als privates Reich ausgebaut. Fernreisen mit Familie vor allem in die Türkei kamen in Mode. Die Modernisierung Moskaus war nicht zu übersehen. Über all entstanden neue Bauten. Die Autobahn war nun achtspurig oder zehnspurig, so genau konnte man dies nicht wissen. Spurmarkierungen und Ampeln waren eine zu vernachlässigende Referenz an Recht und Ordnung. Russen haben Demokratie oft mit Anarchie gleichgesetzt. Auf den Straßen herrschte wie in den Neunzigern das Recht des Stärkeren. Dennoch: das Leben war ruhiger, westlicher geworden. Sogar eine Mittelschicht hatte sich etabliert.

Mit dem Beginn von Putins dritter Amtszeit wurde das Klima zwischen Russland und dem Westen kälter. Es folgte Georgien, die Ukraine und schließlich Syrien. Für Russland war Syrien das Comeback als ernstzunehmender global player. Sie ins inszenierten diesen Auftritt mit allem, was sie von den Amerikanern als neue Art des Krieges gelernt hatten. Sie lieferten ähnliche Kriegspornos aus dem Bordkameras von Flugzeugen, die im zweiten Irakkrieg Journalisten noch so entzückt und zu regelrechten Elogen auf Präzisionswaffen geführt hatten. Sie wiederholten die gleichen Presseerklärungen über den Professionalismus des Militärs und versprachen Untersuchungen, wenn etwas schief lief. Wie bei den Amerikanern verliefen diese Untersuchungen meist im Nichts. PR-Offiziere führten Journalisten durch russische Militärbasen, wo sie stolz auf moderne Unterkünfte für Soldaten zeigten. Russische Soldaten posierten auf Fotos in sozialen Netzwerken, die an Hollywood-Filme erinnerten. Die Russen imitierten selbst unser sonderbares Theater humanitärer Hilfe für die Opfer ihrer Bombardements, inklusive der Verteilung von Schokolade an Kinder.

Wow, dachte ich mir: die Russen haben schnell gelernt. Deutsche Medien reagieren auf diese unheimliche Ähnlichkeit mit Unbehagen. Die Bombervideos wirkten plötzlich fad. Die grellen Blitze der Detonationen, die Kälte der Schwarz-Weiß-Aufnahmen waren uns noch in Erinnerung, nun aber gab es diese Faszination eines Krieges in Live-TV nicht. Die schwarzen Schatten wurde zu Menschen, das Weiß der Moment ihres Todes. Die Russen zeigte uns, was wir seit dem Irakkrieg wirklich waren: Kriegsvoyeuristen.

Unsere Politiker und Journalisten reagierten mit absurden Argumenten: Die Russen töten Zivilisten mit Intention, wir tun alles, um Zivilopfer zu vermeiden. Wobei die Frage erlaubt sei, welchen Unterschied es für die Syrer macht, ob sie versehentlich oder absichtlich bombardiert werden. Und überhaupt: wer in ein Flugzeug mit der Absicht Bomben über bewohnte Gebiete abzuwerfen steigt, kann sich schwerlich auf Kollateralschaden berufen, der weiß, wohin das führen wird: trotz Laser und GPS. Auch schien für viele Journalisten der Russe die feinen Unterschiede zwischen einer Bombe und einer Bombe nicht begriffen zu haben. Eine Laser-geleitete Präzisionsbombe ist unser Schleier, mit dem wir das Morden verbergen. Wir töten, aber wir haben alles versucht, um es nicht zu tun. Wissenschaftler haben jahrelang geforscht, Gelder wurden ausgegeben, Einsatzregeln von Experten formuliert, Soldaten professionell geschult: nur um unser Töten weniger tödlich zu machen . Der Russe weiß davon nicht viel. Für ihn ist eine Bombe zur Vernichtung da, der Krieg kein postmodernistischer Diskurs. Grobschlächtig wie er ist, kennt er unsere gefühlvollen und fein ziselierten Debatten um die neuen Kriege, um die gerechte Kriege, um die P2P oder die post-heroischen Gesellschaften nicht. Ob die Syrer diese feinen Unterschiede bemerkten, sei dahin gestellt: Ob eine hellfire, eine russische Bombe oder eine syrische Fassbombe sie tötete, mag für sie weniger von Belang sein als für uns. Wir glauben fest an diese Unterschiede, denn wir haben sie zum Hauptthema unserer Debatte des Tötens im Krieg gegen den Terror gemacht.

Putin ist uns ähnlicher als wir wahrhaben möchten und er weiß, dass diese Ähnlichkeit unsere große Schwäche ist. Er weiß, dass es zwischen unserem Selbstbild und unseren Taten Welten liegen. Er lässt keine Gelegenheit aus, diese Diskrepanz genüsslich zu vermerken. Sie macht eine westliche Kritik an Russland weitestgehend unmöglich: Kritik am russischen Polizeistaat? Baut der Westen nicht seit Jahren Bürgerrechte im Namen der Sicherheit ab? Kritik an Kriegsverbrechen in Syrien? Was ist mit Mosul oder Raqqa? Russische Machtpolitik a la 19. Jahrhundert? Ein Grinsen.

12:49 18.07.2017
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