Land der untergehenden Sonne

Japan Die zweitgrößte Ökonomie der Welt ist der größte Verlierer der Weltwirtschaftskrise. Im Januar brachen die Exporte im Vergleich zum Vorjahr um 46 Prozent ein

Japan hat weniger unter der Finanzkrise zu leiden als andere Länder. Seine Großbanken, die eine beachtliche Durststrecke nach dem Crash der „Japan AG“ im Jahr 1990 überstanden haben, sind soweit erholt, dass sie den Zusammenbruch nordamerikanischer Banken zu Einkaufstouren nutzen. Aber die Krise der Realwirtschaft und die Einbrüche im Welthandel treffen das Land der aufgehenden Sonne sehr viel mehr als andere Industriestaaten – zuweilen ist in Tokio von „der Jahrhundertkrise“ die Rede.

Die bösen nackten Zahlen: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist im letzten Quartal 2008 um 3,3 Prozent gesunken. Vergleicht man die Jahre 2007 und 2008, ergibt sich gar ein Rückgang um 12,7 Prozent. Japans Ökonomie schrumpft und dies so stark wie seit der Ölkrise vor 35 Jahren nicht mehr. Gleichzeitig steigt das Handelsbilanzdefizit und liegt mittlerweile bei umgerechnet acht Milliarden Euro (wie zuletzt 1979). Kein Wunder – als Industrieland lebt Japan von High-Tech-Exporten (Fahrzeuge, Maschinen, Elektronik), und kann nicht existieren ohne massive Rohstoff- und Ölimporte.

Rückkehr zum Nullzins

Weil aber die Ausfuhren buchstäblich wegbrechen und der viel zu kleine Binnenmarkt kaum Entlastung verschafft, muss die Industrieproduktion auf breiter Front zurückgefahren werden. Mit verheerenden Konsequenzen, nimmt man nur eine Branche wie das Baugewerbe, das im Vergleich zum Vorjahr einen Auftragsschwund um 50 Prozent zu verkraften hat. Betriebsschließungen, Massenentlassungen und Kurzarbeit sind an der Tagesordnung, auch bei multinationalen Unternehmen wie Honda, Toyota, Sony und Toshiba. Selbst die Yakuza, die Herren des organisierten Verbrechens, klagen über schlechte Geschäfte.

Die Bank von Japan hat den Leitzins bereits im November 2008 auf 0,3 Prozent heruntergeschraubt und steht vor der Rückkehr zum Nullzins der neunziger Jahre. Und trotzdem leidet die Tokioter Börse, trotzdem klemmt der Geldmarkt. Der Höhenflug des Yen scheint vorbei, dessen Stärke es zu verdanken war, dass Japan noch Anfang 2008 der Preisschub bei Roh- und Brennstoffen weniger zusetzte als anderen Industrieländern.

Seit jedoch Europäer und Nordamerikaner mit Ausbruch der Finanzkrise Gefallen an einer ausgeprägten Niedrigzins-Politik finden, lohnt es nicht mehr, sich Millionen Yen zu leihen und diese in höher verzinste Dollar- oder Euro-Depots umzutauschen. Also werden diese Anleihen massenhaft zurückgezahlt, um spekulatives Kapital woanders lukrativer anzulegen – das jagt den Kurs des Yen in die Höhe, der inzwischen um fast 20 Prozent im Verhältnis zum US-Dollar gestiegen ist, und um 40 Prozent gegenüber dem Euro. Erst der Einbruch der Ausfuhren hat diesen Trend gestoppt. Im Moment bleibt der japanischen Industrie nur die Hoffnung auf fallende Rohstoff- und Ölpreise – und einen schwachen Yen.

Die „Flexiblen“ fliegen

Über die Hälfte der japanischen Ausfuhren landen auf den asiatischen Märkten, besonders aber in China, seit Juli 2008 die „Nummer 1“ für Japans Exportwirtschaft, vor den USA und der EU. Folglich konzentrieren sich alle japanischen Hoffnungen auf die chinesische Konjunkturlokomotive – bisher noch vergebens. Es gibt keinen besseren Indikator für das tatsächliche Ausmaß der Krise in der chinesischen Ökonomie als den Zusammenbruch, den der japanische Maschinen- und Anlagenbau im Moment erlebt. In wenigen Monaten dürfte die offizielle Statistik ausweisen, was Japans Global Players schon jetzt zu spüren bekommen: Das chinesische Wirtschaftswunder nähert sich einem toten Punkt, die Industrie stagniert, seit vielen Jahren droht sie erstmals zu schrumpfen.

Japan bekommt die Folgen dieses Trends durch eine anschwellende Massenarbeitslosigkeit zu spüren, die nicht durch einen Sozialstaat nach europäischem Muster abgefedert wird. Das japanische Sozialsystem beruht auf Steuervergünstigungen und betrieblichen Sozialleistungen, einschließlich Betriebsrenten. Davon hat nur der etwas, der dauerhaft und stabil beschäftigt ist.

Auch in den guten Zeiten, als japanische Großbanken in den USA auf Einkaufstour gingen, gab es halbwegs ausreichende Sozialleistungen nur für eine Minderheit der Beschäftigten. Im Moment gehen Betriebsrenten in großem Stil verloren, die Altersarmut breitet sich rapide aus. Japanische Regierungen tun seit Jahren nichts anderes, als nach neoliberalem Rezept den Arbeitsmarkt immer weiter zu „flexibilisieren“, so dass heute mehr als ein Drittel der japanischen Arbeiter und Angestellten zur Manövriermasse der „irregulär“ und „prekär“ Beschäftigten gehört – um genau zu sein: Es sind 34,5 Prozent von 55,3 Millionen abhängig Beschäftigten.

Eine Riesenschuld

Viele Großunternehmen haben auf die eklatante Absatzkrise sofort mit Massenentlassungen reagiert, die „Flexiblen“ fliegen von heute auf morgen auf die Straße. Was man ruhig wörtlich nehmen darf, da viele der Entlassenen mit dem Job auch gleich die Wohnung verlieren. Von den fast 140.000 zwischen Oktober 2008 und Januar 2009 offiziell Gekündigten waren nur 6.000 Festangestellte! Prognostiziert wird jetzt bis Ende des Jahres eine Arbeitslosenquote von fünf Prozent. Eine Irreführung sondergleichen, denn die faktische Unterbeschäftigung wird damit nicht im Entferntesten wiedergegeben.

Bei alldem sollte nicht vergessen werden: Japan hat eine der schwersten Bankenkrisen der kapitalistischen Welt hinter sich. Mehr als ein Jahrzehnt lang wurde mit allen Mitteln versucht, Schäden auszubügeln, die gigantische Immobilienspekulationen während der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts verursacht hatten. Dafür müssen die Steuerzahler bis heute büßen, denn die Kosten der Bankensanierung haben dem Staat eine Riesenschuld von mehr als 180 Prozent des Bruttosozialproduktes (BSP) aufgebürdet. Verglichen damit sind die Kosten der so planlosen wie hasenherzigen Konjunkturpolitik der Regierung Merkel „Peanuts“, wie es im Bankerjargon so schön heißt.

Die Regierung von Premierminister Aso scheint völlig ratlos und taumelt von einem Skandal zum anderen. Bei den Wahlen zum japanischen Unterhaus, die spätestens im September anstehen, könnten die seit mehr als 50 Jahren ununterbrochen regierenden Liberaldemokraten die Macht verlieren. Im Oberhaus hält die Opposition jetzt schon die Mehrheit. Japan ist reif für eine politische Revolution, das Land war lange genug geduldig mit den alten Eliten.

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