Was ist los im Staat New York?

USA In der Bronx hat die Rezession längst begonnen

Niemand will es zugeben, aber die offiziellen Makrodaten weisen alle darauf hin, dass die US-Ökonomie dabei ist, in Stagnation und Krise - vornehm "Rezession" genannt - abzurutschen. Im letzten Quartal 2007 gab es gerade noch ein Wachstum von 0,6 Prozent, während das Realeinkommen des Durchschnittsamerikaners im gesamten Jahr 2007 um genau ein Prozent sank.


Die einfachen Leute auf der Straße reden Klartext. Sie wissen, dass die Rezession längst begonnen hat. In Stadtvierteln wie der New Yorker Bronx kann man sie mit Händen greifen. Selbst Lokalpolitiker sagen es inzwischen unverblümt: "Keiner will es zugeben, denn das würde eine Panik auslösen. Aber wir sitzen schon voll in der Rezession", so Carl Heastie, Abgeordneter für die Demokraten im Parlament des Staates New York. Eine wachsende Zahl von Ökonomen bestätigt sein Urteil, das mittlerweile über 60 Prozent der amerikanischen Bevölkerung teilen: "Das, was auf die Anschläge vom 11. September 2001 folgte, war gar nichts im Vergleich zu der Krise, in die wir nun hinein schlittern."

Was los ist im Staat New York - und im ganzen Land, das weiß Carl Heastie aus erster Hand. Es ist aber auch mit Händen zu greifen für jeden, der Fakten zur Kenntnis nehmen und Statistiken lesen kann, für jeden, der sich nicht vom ideologischen Pep-Talk der Berufspolitiker den Kopf vernebeln lässt. Die Zahl der Häuser und Wohnungen, die zum Verkauf stehen, wächst sprunghaft, die Immobilienpreise rutschen landesweit in die Tiefe, die Einzelhandelsumsätze brechen fast überall ein - mit Ausnahme der Luxuswarenhäuser für die Oberklasse. Die Masse der ganz gewöhnlichen Läden und Kaufhäuser reduzieren ihre Warenvorräte, so dass auch der Großhandel mit Umsatzeinbrüchen zu kämpfen hat.

Gleichzeitig steigen die Privatverschulden dramatisch, denn die Leute bezahlen ihre Strom-, Gas- und Wasserrechnungen immer mehr mit ihren Kreditkarten. Und sie begleichen ihre Schulden bei dem einen Kreditkartenunternehmen mit der Kreditkarte, die sie von der nächsten Bank oder Kreditkartengesellschaft erhalten. Auch wenn immer mehr dieser Konsumentenkredite faul sind, expandiert die Branche. Pfandhäuser - es gibt über 14.000 in den USA - machen bei einem Jahresumsatz von als 31 Milliarden Dollar ein glänzendes Geschäft mit der wachsenden Massenarmut. Die vier größten Pfandleihen der Vereinigten Staaten - Advance America, Ezcorp, Cash America und First Cash Financial Services, allesamt börsennotiert und hochprofitabel - sahen ihre Gewinne sprunghaft steigen, teilweise um 50 bis 70 Prozent seit Jahren; ihre Aktien sind heiß begehrt. Der böse Witz bei der Sache: Die Umsätze lassen sich nicht mehr an expandierenden Lagerbeständen verpfändeter Fernsehgeräte oder DVD-Player, an Schmuck oder Waffen ablesen. Die Umsätze steigen vielmehr wegen der so genannten payday loans, der kurzfristigen Kredite zu Wucherzinsen, die jeder bekommt, der nachweisen kann, dass er Lohn oder Gehalt bezieht. Ein Pfand wird nicht gebraucht - Gehaltszettel oder Bankauszug genügen. Millionen Amerikaner, die einen Job haben, verdienen nicht (mehr) genug, um von Woche zu Woche über die Runden zu kommen. Sie retten sich mit Hilfe von kurzfristigen Krediten und geraten in die Schuldenfalle. Mittlerweile sind es vorrangig Amerikaner mit mittleren Einkommen zwischen 25.000 und 50.000 Dollar pro Jahr, die gezwungen sind, mit Hilfe der payday loans der Pfandhäuser zu überleben.

Dazu kommen all jene, die unter der Armutsgrenze leben. Im vorigen Jahr gerieten noch einmal drei Millionen unter dieses Joch - mit vorsichtig geschätzten 40 Millionen Amerikanern sind das nun 13 Prozent der US-Bevölkerung (die Illegalen nicht mitgerechnet). Auch die Ärmsten zahlen immer mehr mit Plastik. Kreditkartenschulden haben eine Laufzeit von 28 Tagen, payday loans mal mehr, oft weniger. Ein Kredit wird mit dem nächsten abgezahlt. Ein ganzes System der Pump-Ökonomie, das aus Zeiten stammt, in denen steigende Immobilienpreise es jedem Haus- oder Wohnungsbesitzer leicht machten, seine Schulden mittels neuer Hypotheken auf den wachsenden, fiktiven Wert seiner Immobilie zu finanzieren. Diese Zeiten sind jetzt endgültig vorbei, so dass immer mehr Amerikaner merken, dass sie tief und dauerhaft in einer Schuldenfalle sitzen, aus der sie bei stagnierenden oder sinkenden Reallöhnen und bestenfalls stagnierender Beschäftigung (mit Ausnahme der Billigstjobs) nicht mehr herauskommen. Kein Wunder, dass Ben Bernanke, Chef der US-Zentralbank, die inzwischen fünfte Zinssenkung in Serie vor wenigen Wochen so begründete, es sei derzeit für viele Haushalte und Unternehmen äußerst schwierig geworden, noch an Kredite zu kommen. Bei einer Rezession, die für arme Amerikaner wie Normalverdiener längst zu spüren ist, wird er die Zinsen noch häufiger senken dürfen, als ihm lieb ist.

In der New Yorker Bronx haben sich die Einzelhändler notgedrungen der Lage ihrer Kundschaft angepasst: Überall wird mit dem Billigeinkauf auf Pump geworben - bis zu 2.000 oder 3.000 Dollar erhält jedermann Kredit. "No job check, no credit check", kann man auf Werbepostern überall lesen. Auch Kunden ohne Job und ohne Kredit können hier noch einkaufen. Sollen sie sehen, wie sie ihre Schulden später zurück zahlen. Dafür sorgt dann eine andere Wachstumsbranche - die in eindrucksvoller Weise expandierenden Inkassobüros, die wie die Pfandhäuser in der Krise blühen. Die kleinen Geschäftsleute, die in der Bronx ihre Angestellten entlassen und sich selbst rund um die Uhr ausbeuten, dürften bald zu deren Kunden gehören.

Michael R. Krätke ist Professor für Wirtschafts- und Steuerrecht an der Universität Amsterdam.

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