Michael Schulze von Glaßer
02.06.2014 | 16:24 14

Offensive an der Heimatfront

Militär Die Bundeswehr soll attraktiver werden. Dass der Armee die Fachkräfte fehlen, lässt sich aber mit Flachbildfernsehern nicht ändern. Das Problem sind die Auslandseinsätze

Offensive an der Heimatfront

Motorrad fahren - voll cool! Oder?

Foto: Imago / Citypress

Ursula von der Leyen ist momentan voller Tatendrang. Die Verteidigungsministerin will den Dienst in der Bundeswehr attraktiver machen: weniger Umzüge für die Soldaten, mehr Kindertagesstätten in Kasernen, Flachbildfernseher und Kühlschränke auf den Stuben. Dabei geht es bei der Rekrutierungsoffensive um eine viel größere Frage: Was für eine Sicherheitspolitik wollen wir?

Die Bundeswehr hat ein Problem. Ihr fehlen Soldaten. Besonders der Fachkräftemangel trifft die Armee hart. So fehlen der Bundeswehr beispielsweise Sanitätsoffiziere – trotz finanzieller Zulagen in den letzten Jahren sind 500 Stellen vakant. Der Soldaten-Mangel beruht nicht nur, aber vor allem auf den abschreckenden Auslandseinsätzen der Bundeswehr. So werden Bundeswehr-Mediziner aktuell besonders für die gefährliche Mission in Afghanistan benötigt – es gibt keine Patrouille ohne Sanitäter.

Mediziner quittieren den Dienst

In den vergangenen Jahren haben sich deswegen sogar dutzende Bundeswehr-Mediziner von ihrem Arbeitgeber „freigekauft“, um der ständigen Belastung zu entgehen. Sie haben den Dienst quittiert und mussten nachträglich ihre Ausbildung bezahlen. Aber das war es ihnen wert. Und dies ist nur ein Beispiel, das zeigt, wie eng der Nachwuchs-Mangel mit der Frage nach Auslandseinsätzen verbunden ist.

Während Umfragen regelmäßig zu dem Ergebnis kommen, dass Auslandseinsätzen von der deutschen Bevölkerung grundlegend abgelehnt werden, drückt die Bundesregierung sie im Parlament immer wieder durch. In der Sicherheitspolitik hat die herrschende Politik die Bevölkerung längst abgehängt. Die Folge daraus ist neben Unverständnis und Desinteresse an den Einsätzen auch der Mangel an Rekruten. Die Frage nach dem Sinn von Militärinterventionen wie in Afghanistan konnte bisher keine Bundesregierung befriedigend beantworten – und ehrliche Äußerungen wie die des ehemaligen Bundespräsidenten Horst Köhler, der offen aussprach, dass die Bundeswehr auch für Wirtschaftsinteressen eingesetzt werde, führten in der deutschen Bevölkerung zu Recht zu Empörung – und zum Rücktritt Köhlers.

Wenn Verteidigungsministerin von der Leyen nun einhundert Millionen Euro in die Hand nehmen will um den Bundeswehr-Dienst attraktiver zu machen und etwa genügend Sanitätsoffiziere anzuwerben, dann sind das einhundert Millionen Euro, um die von der deutschen Bevölkerung abgelehnte, offensive Militärpolitik der Regierung auch in Zukunft fortführen zu können.

Kommentare (14)

lebowski 02.06.2014 | 17:33

Auch das Sterben bei Auslandseinsätzen wird bei jungen Leuten nicht gerne gesehen. Das Totsein hat doch etwas Endgültiges und junge Leute möchte sich heute nicht immer sofort festlegen. Zumal mit Battlefield 3 und Call of Duty 4 preiswerte Alternativen vorliegen. Krieg spielen mit Bier in der Hand und Wiederauferstehung nach 5 Sekunden. Da kann die Bundeswehr attraktivitätsmäßig einfach nicht mithalten. Um trotzdem junge Leute für die BW zu begeistern, würde ich den Slogan "Wer eher stirbt ist länger tot" empfehlen oder auch "Bundeswehr -wir ersparen Ihnen die Alternsarmut" wäre gut. Schließlich kann das zeitige Ableben auch einem lästigen Dahinvegetieren in einer Plattenbausiedlung vorzuziehen sein.

Auch das Prinzip von Befehl und Gehorsam birgt ungeahnte Attraktivitätspotentiale, die die Flinten-Uschi nur mal heben müsste. Schließlich fällt vielen jungen Leuten das Denken heutzutage äußerst schwer wenn nicht sogar lästig. So ein sinnloser Befehl trägt doch zur Entlastung des Denkapparates bei. Da bleibt Raum um über die wirklich wichtigen Dinge nachzudenken zB darüber wo das nächste Tattoo hin soll, wo doch auf der ganzen Körperoberfläche kaum noch Platz ist.

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Ehemaliger Nutzer 02.06.2014 | 18:39

Dabei geht es bei der Rekrutierungsoffensive um eine viel größere Frage: Was für eine Sicherheitspolitik wollen wir?

Richtig, das ist die eigentliche Frage und die Frage, wer ist wir, die Bevölkerung, die Regierung oder der Bündnisführer USA. Und da haben wir dann auch die Antwort. Wir sind Hilfstruppen des Imperators. Also brauchen wir uns über eine eigene Sicherheitspolitik keine Gedanken machen. Wir bekommen das an die Backe, was der für uns einrührt.

Oder glaubt irgendwer, dass es am Anfang des Afghanistaneinsatzes ein Mandat für zehn Jahre von irgendwem in Deutschland gegeben hätte. Das hätte sich nicht mal die Regierung getraut.

Wenn es aber keiner will und es dann trotzdem so ist, dann bestimt immer ein anderer.

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Ehemaliger Nutzer 03.06.2014 | 00:12

Wenn in den Siebziger, auch Achtzigern noch, einer auch nur ansatzweise von "Auslandseinsätzen" parliert hätte, wär die Hölle los gewesen. (Im Sinne von Protest natürlich!)

Dazu hat's erst eine rot-grüne Regierung gebraucht - die Leute, die heute eigentlich alle mit "abgefaulten" Händen rumrennen müssten. Und die wir - mein Gott, auch meiner einer! - gewählt hat.

Wenn's aber nur das wär! In der Zeit sind ganze Massen quer über die Kugel quietschvergnügt nach Indien getrampt, mit dem "Magic Bus" oder sonst irgendwie preiswert. Und - allesamt wieder gesund, ein bisschen geerdeter mitunter, aber am Stück wieder nach Hause gekommen.

Versuch das heute mal, wer will - und dass dies spätesten im Iran ungemütlich würde - daran sind wir Westler auch nicht ganz unschuldig!

Carlos

ewspapst 03.06.2014 | 08:28

Ich hoffe, man erlaubt mir als WKII Teilnehmer daraus einige Erkenntnisse zu liefern:

Wir sind iim letzten Jahrhundert nicht angegriffen worden und mussten uns deshalb auch nicht verteidigen

Wir haben unsere Soldaten als Angreifer eingesetzt, in beiden WK.

Frau von der Leyen sagte:.

Wir wollen die besten Männer und Frauen, die ein Jahrgang zu bieten hat. Nur unter optimalen Arbeitsbedingungen können sie das leisten, was wir von ihnen erwarten.

Und irrt mit Ihrer Meinung:

. Die besten Männer und Frauen sollten am Leben bleiben. Das ist bei Soldaten nicht üblich. Da wird der kleine dumme Mensch im Krieg verheizt, zerbombt, zerfetzt. Dazu braucht man nicht die Besten sondern die Dummen, die sich im Namen des Volkes, welches?, dazu hergeben, das ihnen von den Eltern gegebene Leben nach etwa 20 Jahren einfach wegzuwerfen. Kann mir jemand sagen, was "uns", als Volk

die Millionen von Toten Mitbürgern des WKII an Vorteilen gebracht haben?. Ich denke nur an Leid und Kummer und Verzweiflung.

Wozu also nun schon wieder die BESTEN unseres Volkes dafür hergeben und wie in Afghanistan sagen kann: Sie sind für dumme Politikerworte hingemetzelt worden. Deutschland muss auch am Hindukusch verteidigt werden.

Wenn man die Forderungen des Herrn Kerry bewertet, ergeben sich bei sachlicher Analyse zwei Resultate:

Entweder der Herr Kerry ist so dämlich, dass er nicht merkt, wie unsinnig seine Forderung ist. Oder:

Er hält die deutsche Bevölkerung und den Rest der Welt für so dämlich, dass sie alles für gerechtfertigt halten, was ein Politiker der USA der Welt verkündet.

Für eine dieser Aussagen müssen wir uns entscheiden und ich bin für die Erste.

kettenschaerfgeraet 03.06.2014 | 15:23

Gestern habe ich einen Werbespot gesehen in dem eine Soldatin von ihrem leben als Gebirgsjägerin erzählt hat. Das beste an einem langen Tag ist die gute Aussicht auf dem Berg. Im Einsatz kann man den Tag nicht so genießen das kommt in dem Beitrag leider nicht rüber. Ich würde es begrüßen, wenn die BW zeigt wie ein echter Einsatztag aussieht. Nur leider kann man damit keine neuen Soldaten gewinnen.