Ralph Ueltzhoeffer: Portraitkunst aus Text

Schlingensief Biographien als konzeptuelle Kunst.
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Christoph Schlingensief, Portraitkunst aus biographischen Texten von dem deutschen Konzeptkünstler Ralph Ueltzhoeffer.

Wer oder was war Christoph Schlingensief eigentlich? Regisseur, Künstler, Kurator oder Filmemacher? Vielleicht alles oder ein wenig von alledem? Ralph Ueltzhoeffer kennt die Fragen nur zu gut. Er porträtierte Schlingensief schließlich mehrmals und findet sie irgendwie berechtigt. Die Besucher der Ausstellung warten geduldig auf eine Antwort und starren derweil auf die Portraits, der Eine oder die Andere beginnt zögerlich den biografischen Text der Portraits zu entziffern. In den Taschen wird hektisch nach Lesebrillen gefahndet, Sektschalen suchen alternative Plätze um der außergewöhnlichen Situation Herr zu werden! Auf der Suche nach eigenwilligen Textpassagen, unbekannten Äußerungen oder gar versteckten Botschaften verweilen sich einige Besucher außergewöhnlich lange vor den Portraits. Doch wenig Emotionen lassen die Textportraits zu, sie sind kühl und distanziert, nüchtern, real sogar definitiv unromantisch. Die Portraits gehorchen informativen, fast wissenschaftlichen Zügen, die ureigene Handschrift des Künstlers, der Duktus, erschöpft sich in der Tatsache, dass es sie gibt. Ein Textportrait sammelt personenbezogene Daten im world-wide-web u.a. und projiziert je nach Umfang der Informationen ein grobes bis sehr genaues Bild der portraitierten Person.

Die Portraitkunst von Ralph Ueltzhoeffer geht zurück zur Jahrtausendwende, als das Internet noch uneins mit dessen Nutzern war und deren Möglichkeit, an freie, biografische Daten von Personen zu gelangen, stark einschränkt. Die Suchmaschine Google war in Deutschland noch wenig verbreitet und mit dem Webseitenkatalog Yahoo mäßig viel anzufangen. Der Personal Computer ist zwar so weit erfunden und mit dem legendären Windows 98 Betriebsystem versehen, aber jeder ältere von uns erinnert sich lebhaft zurück an die unzähligen Zwangspausen und daraus resultierender Verzweiflung. Mit diesen Werkzeugen bestückt und dem Schwarz-Weiß-Labor, die Dunkelkammer der Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe war Ralph Ueltzhoeffer während seines Kunststudiums in der Lage das erste Porträt aus biografischen Textfragmenten zu erstellen. Ralph Ueltzhoeffer studierte bei dem renommierten Künstler und Kunstprofessor Horst Antes (Kopffüßler) den Studiengang Malerei und Grafik. Während seines Studiums wechselte er u.a. zu dem späteren Professor der HfBK Hamburg (Hochschule für Bildende Künste Hamburg) Andreas Slominski und dem jetzigen Rektor der Kunstakademie Karlsruhe Ernst Caramelle.

Das allererste Textportrait war allerdings nicht Christoph Schlingensief, so war zu der Zeit Wikipedia (15. Januar 2001) gerade mal erfunden und online aber sicherlich kein Christoph Schlingensief abrufbar! Ralph Ueltzhoeffers Weg führte des öfteren in die Karlsruher Uni Bibliothek auf der Suche nach Biografien. Die biografischen Eckdaten mussten dann allerdings noch umformuliert also umgeschrieben werden bevor man sie als Fließtext für das Textportrait verwenden konnte. Mit einem damaligen Folienplotter wurde der Biografietext im Umkehrverfahren auf eine transparente Druckfolie geplottet, diese lag auf dem schwarz-weißen Fotopapier mit leichtem Abstand und wurde in Langzeitbelichtung entwickelt. Unzählige Versuche das Format mit der Schriftgröße zu optimieren misslangen bis zu dem legendären 11. Januar 2001. Der britische Fußballer David Beckham konnte nun als Portrait erkannt und als Textportrait gelesen werden. Inmitten plakativer Freuden überschatten quälende Gedanken den Künstler hinsichtlich der Frage, bewegt sich die Arbeit im Rahmen Bildender Kunst oder mehr im Bereich Design und Kunst, Wissenschaft und Typografie als Kunst... Klärende Fragen mit den Professoren zu erörtern war hilfreich, sie konnten sich eher mit den Gedanken von Joseph Beuys anfreunden, Grenzüberschreitungen in der Bildenden Kunst weniger misstrauisch zu beurteilen.

Mit dem Lesen ist es wie mit allem im Leben: man braucht Geduld, und die ist bei manchen Besuchern von Kunstausstellungen weniger stark ausgeprägt, zumindest im neuen Jahrtausend, wie es scheint. Eine Biografie in 2013 hat eine unverschämte Länge, vor allem von dem Regiekünstler, Filmemacher und Kurator Christoph Schlingensief. Also fährt Ralph Ueltzhoeffer mit den Worten fort: "Das Schlingensief Portrait" resultierte aus einer Begegnung in 2003 auf der Kunstbiennale Venedig (50. Biennale di Venezia), die Biennale wurde von Francesco Bonami kuratiert. Kunstbücher zum Thema: Ralph Ueltzhoeffer bei Amazon. Sigmar Polke, Ralph Ueltzhoeffer, Ausstellung in der Burnett Miller Gallery, LA.

Christoph Schlingensief und Ralph Ueltzhoeffer kommen inmitten der Pfahlsitzer, einer Kunstaktion von Christoph Schlingensief, ins Gespräch. Nachdem Ueltzhoeffer Schlingensief seine Fotografien der Haftanstalt Stuttgart-Stammheim gezeigt hatte, die sich unter dem Ausstellungsthema: "Clandestine" versteckten, besuchten sie gemeinsam die "Church of Fear" in der "Utopia Station" der Biennale. Ralph Ueltzhoeffer filmte die Begegnung mit seiner Videokamera. Diese Videobilder bildeten die visuelle Grundlage der Biografieportraits von Christoph Schlingensief. Der Biografietext wurde der freien Enzyklopädie Wikipedia entnommen. Auf die Frage, was Ralph Ueltzhoeffer von der Begegnung mit Christoph Schlingensief so beeindruckte, dass er ihn porträtierte, antwortet Ralph Ueltzhoeffer, Schlingensiefs Aktionen, wie eben das Pfahlsitzen oder Chance 2000 wären sehr mutig, böse und dennoch zum Schmunzeln, prägten sich somit in sein Gedächtnis ein. Das Verlangen Christoph Schlingensief zu porträtieren war dadurch geweckt, seine Filme habe er erst später gesehen! Von Andrea Rosen und M. Seifert, "Ralph Ueltzhoeffer das Schlingensief Portrait".

Quellennachweis Fotografie: Ralph Ueltzhoeffer: Textportrait Christoph Schlingensief. Courtesy Weishaupt Gallery, Montreux CH.

10:36 16.02.2016
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Geschrieben von

Michael Stoeber

Texte zur Kunst - Ausstellungen in Museen und Galerien.
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Michael Stoeber

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