Fürchtet euch nicht!

Weihnachten Die Geburt Jesu steht für den Beginn einer neuen Welt, in der sich niemand mehr fürchten muss. Die große Umwälzung der bestehenden Ordnung hat begonnen!
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Eingebetteter MedieninhaltHalleluja, der Messias kommt - und stürzt die herrschende Klasse!

Weihnachten, das ist für viele erst mal ein Fest der Hektik und des Konsums: Schnell nach der Arbeit noch einen Rabatt absahnen, das Weihnachtsessen vorbereiten und die Verwandten abholen. Das kapitalistische "Weihnachten" wirkt wie ein Turbo für die sowieso schon gefährliche gesellschaftliche Achterbahn, bei der man jederzeit aus den Sitzen fallen kann. Geschenke werden gekauft, verglichen - und wenn sie nicht passen, am 27. Dezember wieder umgetauscht. Mithalten kann da nur, wer noch etwas Geld auf der hohen Kante hat. Superreiche schenken sich dann auch dementsprechend keine kleinen Schachteln, sondern direkt ganze Autos. Von "stiller Nacht" kann keine Rede sein.

Doch gibt es noch ein anderes Weihnachten: Das christliche Fest der Geburt Jesu. Gott wird Mensch - und er wird nicht in ein reiches Herrscherhaus geboren. Es ist nicht der Palast von Herodes, in welchem Jesus in warmer und prachtvoller Umgebung auf die Welt kommt. Nicht mal das gentrifizierte Kaff Bethlehem können sich Josef und die hochschwangere Maria leisten. Nein, es ist eine einfache Krippe, eine kalte, eine stinkende Krippe. Die ersten, die das Kind nach den Eltern sehen, sind einfache Hirten: Die armen, am Rande lebenden Menschen. Und selbst die Sternendeuter aus dem fernen Orient gehen zuerst instinktiv zu Herodes in den Palast in Jerusalem, als sie von einem neugeborenen König hören.

Da liegt Jesus nun, umgeben von seinen armen Eltern, den armen Hirten und drei Migranten. Man könnte annehmen, dass so ein armes Kind die herrschenden Klassen nicht ernsthaft interessieren dürfte. Und doch ist es völlig anders: Die Nachricht von seiner Geburt ist ein politisches Erdbeben, das bis nach Jerusalem reicht. Der pro-römische Marionettenkönig Herodes schäumt vor Wut, als er erfährt, dass die Sternendeuter ihn getäuscht und Jesus nicht ihm ausgeliefert haben. Er ordnet ein Massaker an, das als "Kindermord von Bethlehem" Eingang in die Geschichte finden sollte. Wahllos werden Kinder hingeschlachtet, weil ein Tyrann um seine Macht fürchtet.

Gott wird nicht Mensch, um einen falschen Frieden mit den bestehenden Ungerechtigkeiten und Unterdrückern zu machen. Nein, er wird Mensch, um "alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist." (Karl Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie). Der christliche Gott ist kein netter Mann mit Bart, der im Himmel seine Kreise zieht. Er ist auch kein abstraktes metaphysisches (und damit machtloses) Prinzip. Gott ist der, der die nationale Befreiungsbewegung Israels aus der Sklaverei des ägyptischen Pharaos anführt. Und diese Befreiungsbewegung internationalisiert er nun mit der Geburt Jesu, der das Heil nicht bloß Israel, sondern der ganzen Welt bringt.

Wie Gott als Feuersäule Israel aus der Sklaverei führte, so führt das Licht Jesu aus der Sklaverei der Dunkelheit, in die Tyrannei und Ungerechtigkeit die Welt hüllen. Weihnachten ist im christlichen Sinne also nicht Kartoffelsalat und Bockwurst, sondern überall dort, wo Menschen sich zusammentun, um für eine bessere Welt zu kämpfen. Wenn wir uns um die Krippe versammeln, dann nicht, weil dort ein Kaiser oder zukünftiger Unternehmenserbe liegt, sondern weil dort der Messias liegt, dessen Weltordnung, in der niemand hungern wird, zwar nicht von dieser Welt ist - aber für diese Welt.

22:05 24.12.2019
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Geschrieben von

Michael Bertram

Christ und Sozialist.
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