Die Pandemie als Shakespeare'sches Drama

Nazi-Vergleiche Welche Dynamiken sich in der Durchsetzung der Maßnahmen widerspiegeln und warum der Ton eskaliert.
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Man möchte sich die Augen reiben. Preper bunkern sich monatelang ein und warten mit Dosenfutter auf den viralen Weltuntergang. Die Antifa vertauscht die Staatsmacht gegen einen ebenbürdigen und damit greifbaren Feind aus der gesellschaftlichen Mitte. Das 3. Infektionsschutzgesetz wird mit dem Ermächtigungsgesetz von 1933 gleichgesetzt. Und Demonstranten vergleichen sich mit Anne Frank und Sophie Scholl. Dabei können sie frei ihre Meinung äußern und müssen allenfalls mit einem Bußgeld und einer Nacht auf der Polizeistation rechnen. Sicherlich sind die Deutschen das Aufbegehren gegen den Staat und dessen Gegenwehr nicht gewohnt. Und wer sich wie die Hauptprotagonisten der Querdenker oder Nicht ohne uns-Bewegung mitten im Meinungskrieg befindet, mag es anders sehen. Auch die Löschung kritischer Filme auf Videoportalen wie Youtube spricht mindestens für schwierige Zeiten. Wer sich mit dem Meinungsmainstream anlegt, muss mit Konsequenzen rechnen. Eine gezielte Diktatur mit Abführen, Berufsverboten und Arbeitslagern sieht dennoch anders aus. Ein Kritiker der bayerischen Staatsregierung wie Friedrich Pürner, Chef des Gesundheitsamts in Aichach-Friedberg, wurde strafversetzt, nicht jedoch gekündigt. Es geht in diesen hypersensiblen Zeiten, in denen allüberall die Lunten der Menschen bereits zu brennen scheinen, um Feinheiten und exakte Details. Die Stimmung ist gereizt.

Die Regierung wiederum wechselt zwischen hohen Strafen für Verstöße gegen die Maßnahmen und moralischen Ermahnungen mit dem imaginär erhobenen Zeigefinder, aktuell sogar mit Hilfe eines lustig gemeinten Werbefilms an junge Bildungsbürger, die Pizza essend und Coladose süffelnd im Gammelmodus die Welt retten. Wenn wir an die gewünschte Zielgruppe der Berliner Nachtleben-Szene und weniger die jungen Bildungsbürger denken, die die Sinnhaftigkeit der Maßnahmen von Beginn an wie Manna als moralische Nachnährung für eine entmoralisierte Generation zu sich nahmen, mag man immerhin über die verfehlte Werbestrategie schmunzeln.

Geht noch mehr Surrealismus? Noch mehr Shakespeare'sches Drama? Gerade jetzt, wo die Theater geschlossen sind.

Werfen wir einen kurzen Blick zurück in den April 2020. Damals verbreiteten ein paar in Ungnade gefallene Wissenschaftler außerhalb der Regierungsentourage alternative Erklärungen der Wirkung von Covid-19. Offensichtlich besaßen diese alternativen Fakten, ob sie stimmen oder nicht werden wie irgendwann einmal wissen, die Macht, die Köpfe etwa eines Drittels der Bevölkerung zu verwirren und wurden daher als gefährlich eingestuft. Doch nicht nur das: Auch die Werbung für immunstärkende Mittel wurden auf Youtube gelöscht. Das Volk sollte sich ängstigen und bloß nicht auf den Gedanken kommen, dem Virus ließe sich mit ein wenig Zink, Vitaminen und körperlicher Ertüchtigung die Stirn bieten. "Die Lage ist ernst. Nehmen Sie es auch ernst", sprach die Kanzlerin in einem ungewohnt emotionalen Anflug.

Im April 2020 lagen Anne Frank und Sophie Scholl als Vergleiche noch in der Schublade und warteten auf ihren illuster-provokanten Auftritt. Woran erkennt man einen Deutschen? An seinen Vergleichen mit der Nazi-Zeit. Wenn mir niemand zuhört, spätestens bei Hitler sind alle wach. Wäre es zu solchen Vergleichen gekommen, wenn es von Beginn an einen Resonanzraum in der Politik für die wissenschaftliche Kritik der ehemals die Regierung beratenden alten Herren gegeben hätte? Wer weiß das schon?

Was zu einem guten Drama gehört ist einfacher zu ergründen. Die Figuren zum Beispiel. Hierzu bietet uns die sogenannte Transaktionsanalyse, kurz TA, ein erhellendes Schema. In der TA finden wir strenge und fürsorgliche Eltern, trotzige, unwürfige und freie Kind-Egos. Das Zusammenspiel dieser Egos führt zu spannenden Eltern-Kind-Dynamiken. Normalerweise finden diese Dramen im heimischen Kinderzimmer statt, wenn es um die Hausaufgaben oder den übermäßigen Alkoholkonsum geht. Aktuell werden wir mediale Zeugen eines riesigen Familienexperiments. Die Regierung spielt die Eltern und wir alle sind die Kinder. In den Augen mancher Menschen verkindlicht die Regierung uns im Gegenteil zu den Schweden. Daraufhin gehen die wie es heisst verantwortungbewussten Bürger in einen vorauseilenden Gehorsam. Die Bockigen wiederum rebellieren. Das freie Kind-Ego unter den Mitmenschen denkt: Geht ihr nur auf Demos und diskutiert euch die Köpfe heiß. Ich mache ohnehin, was ich will. Das Spiel verschiedener Regierungsvertreter auf der Klaviatur zwischen fürsorglich und streng, bei manchen Personen sogar gleichzeitig, erinnert an die Machtlosigkeit richtiger Eltern, die nicht so recht wissen, was sie mit ihren Kindern in der jugendlichen Trotzphase anfangen sollen. Der Hausarrest hat zwar funktioniert. Aber das monatelang durchhalten? Echte Eltern können wenigstens noch mit Fernseh-, Handy- und Internetverbot drohen. Die Rebellion gegen die streng-fürsorglichen Regierungs-Eltern steigerte sich mittlerweile ins Irrationale. Der Ton wird auf beiden Seiten giftiger.

Die Transaktionsanalyse sieht als einzigen Ausweg aus dieser Eskalationsspirale eine Begegnung auf Augenhöhe. Also doch lieber Gebote statt Verbote, um die Eltern-Kind-Dynamik in Richtung Erwachsene auf Augenhöhe zu verschieben? Es bräuchte wohl einen Heiner Geißler wie einst bei Stuttgart 21, um die Kontrahenten an einen Tisch zu bekommen. Aktuell scheint dies jedoch niemand zu wollen. Warum ein Drama aufgeben, wenn es alle Beteiligten so schön lebendig hällt?

Soviel zu den systemischen Dynamiken. Ein Drama lebt auch von Emotionen. Emotional betrachtet lässt sich die Irrationalität der Äußerungen am besten durch die Angst vor der Zukunft erklären, die der Provokation zugrunde liegt. Hier agieren beide Seiten übertrieben. Das Virus ernst zu nehmen ist nachvollziehbar. Vor dem Virus mehr Angst zu haben als vor vielen wahrscheinlicheren Todesursachen jedoch nicht. Und 1 Million Todesfälle alleine für Deutschland, wie das interne Papier des Innenministeriums zu Beginn der Krise vermutete, gab es offensichtlich auch nicht. Die Angst vor einer Diktatur ist ebenso übertrieben. Gibt es derzeit Beschränkungen der Grundrechte? Natürlich. Wurden die Gästelisten der Gaststätten für andere Zwecke missbraucht? Auch das. Besteht ein latentes Denunziantentum in der Gesellschaft und wird sogar von manchen Politikern mehr oder weniger gefordert? Bisweilen. Ist es schwer, Kritik an den Maßnahmen zu üben? Zu Beginn der Krise durchaus. Wer damals Kritik übte, wurde in den digitalen Medien als potentieller Oma- und Opa-Mörder beschimpft. Die Bezeichnung der Maßnahmenbefürworter als Schlafschafe war zugegebenermaßen auch nicht gerade nett. Aktuell zeigt sich ein anderes Bild. Die Diskussionen sind immer noch aggressiv, jedoch nicht mehr so toxisch. Und während die Medien noch vor wenigen Monaten beinahe meinungsgleichgeschaltet waren – der Freitag stellte hier eine der wenigen Ausnahmen dar – findet mittlerweile wieder eine Diskussion in der Breite und Tiefe statt, die man sich als aufgeklärter Bürger wünscht. Und das Parlament darf zumindest wieder ein wenig mitdiskutieren.

Dennoch bleibt die Zukunftsangst bestehen. Wir wissen nicht, was passieren wird. Die Angst jedoch extrapoliert Horrorszenarien. Während ein Karl Lauterbach aktuell immerhin noch von 50.000 Toten in Deutschland bis Weihnachten ausgeht, lässt sich die Anne Frank-Story und alle anderen Nazi-Vergleiche ebenso nicht nur aus der Jetzt-Perspektive betrachten, sondern als eine drohende Zukunftsvision in den Köpfen der Demonstranten. 50.000 Tote gegen die drohende Diktatur. Von einem Angstporno ist die Rede. Mir scheint, dass jeder hier seinen eigenen Streamingdienst abonniert hat.

19:40 22.11.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Michael Hübler

Coach, Mediator, Organisationsentwickler, Autor
Michael Hübler

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