Kriegerische Krisenkommunikation

Rhetorik in der Krise Solidarität oder gesellschaftliche Spaltung?
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Von Anfang an galt es in der Politik, die Pandemie mit einem Krieg zu vergleichen. Interessanterweise wurde der Kriegsbegriff Jahrzehnte lang vermieden. Stattdessen hatten wir eine "Situation" in Afghanistan. Für die Pandemie wurde offensichtlich das angestaubte rhetorische Survival-Paket aus der Schublade gezogen. Ob diese Kriegslogik im Angesicht eines Feindes angemessen ist, der sich mittels Mutationen beständig an den Menschen anpasst, ist eine andere Frage.

Von einem Krieg ist zwar schon länger nicht mehr die Rede. Dennoch blitzt das Element einer kriegerischen Krisenkommunikation, kurz KKK, immer wieder auf. Die Kriegsrhetorik fördert die Solidarität mit den Frontkämpfer:innen in den Kliniken oder bei der Polizei zur Durchsetzung der Maßnahmen. Im Hintergrund sollen sie anstatt von einer Heimatfront von echten Helden in der Heimarbeitsfront unterstützt werden. Die KKK fördert einerseits mit großen Tönen oder in subtilen Zwischentönen, bspw. wenn es um den Begriff des Helden geht, die Einheit im Krieg gegen den Feind. Sie trägt jedoch als Kollateralschaden ebenso dazu bei, die Gesellschaft zu spalten.

Wenn Markus Söder davon spricht, dass es Menschen gibt, die sich in der Krise als Opfer darstellen, obwohl sie seiner Ansicht nach keine sind und er diesen falschen Opfern die richtigen gegenüberstellt, folgt auch dies einer Kriegslogik. Die richtigen Opfer sind seiner Meinung nach die Todesfälle durch Covid-19. Über die falschen schweigt er sich aus. Nun lässt sich spekulieren. Meint er die Eltern, die sich darüber beklagen, dass ihre Kinder in der Schule den Anschluss verpassen? Die Lehrer:innen, die sich über die ausfallenden Faschingsferien beklagen? Die misshandelten Frauen zuhause? Die Suizidgefährdeten? Die Kindeswohlgefährdungen, um die sich im Lockdown, sofern es so abläuft wie beim ersten mal, niemand mehr kümmert. Die alten Menschen in den Pflegeheimen, die im ersten Lockdown ohne Begleitung starben? Die Menschen, die sich wegen Corona nicht in Kliniken trauten und an einer Herzattacke verstarben? Diejenigen, die dringende Operationen verschoben? Die Soloselbständigen, die immer noch auf ihr Geld warten? Oder die Insolventen und Arbeitslosen? Wenn wir in die weite Welt schauen, wird es nicht besser. Aufgrund der Pandemie und den Maßnahmen droht 300.000 Menschen täglich der Hungertod. Zum Vergleich: In Deutschland starben bislang 40.000 Menschen mit oder an Corona oder wie es seit neuestem heisst "in Zusammenhang mit Corona".

Diese Zahlen gegenseitig aufzuwiegen wäre billig. Denn niemand weiß, was passiert wäre, wenn die Regierungen nicht gehandelt hätten. Falsche gegen echte Opfer gegeneinander aufzuwiegen ist jedoch ebenso billig. In dem Moment, wo Söder davon spricht, dass die echten Opfer, über die wirklich getrauert werden sollte, für ihn lediglich die an Corona Verstorbenen sind, sind automatisch alle anderen, die unter den Maßnahmen leiden, falsche Opfer, für die wir kein Mitleid haben und die sich auch nicht beklagen dürfen.

Dies klingt nach einer klassischen Kriegsrhetorik im Sinne der Dolchstoßlegende. Auf der einen Seite stehen die solidarischen Massen, die sich um die echten Opfer kümmern. Auf der anderen Seite stehen die Quertreiber, die sich unsolidarisch verhalten und den Kämpfer:innen an der Heimatfront einen Dolch in den Rücken jagen.

Kurzfristig lässt sich damit vielleicht sogar die Verbreitung des Virus eindämmen. Langfristig stellt sich jedoch die Frage, was mit all den falschen Opfern passiert, wenn sie auf das Mahnmal der echten Opfer blicken, während sich für sie abgesehen von ein paar finanziellen Ausgleichszahlungen von der Seite der Politik niemand wirklich zu interessieren scheint.

Eines Tages ist der Krieg vorbei. Spätestens dann braucht es wieder eine versöhnende Rhetorik. Dann wird sich zeigen, wie schwer sich das zerschlagene Porzellan wieder zusammenfügen lässt.

09:35 10.01.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Michael Hübler

Coach, Mediator, Organisationsentwickler, Autor
Michael Hübler

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