Wir machen es uns zu leicht

Meinungsbildung ... zu Corona und der Canceling-Debatte
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Krisen suggerieren uns, nach einfachen Lösungen zu suchen. Sowohl die Verschwörungstheoretiker als auch die Regierung bieten solche Lösungen an. Dies mag sowohl für die einen als auch für anderen ein gangbarer Gedankenweg sein, um nicht an der Unwägbarkeit der Krise zu zerbrechen. Ich meine damit nicht nur das eigene kleine Köpfchen, sondern auch die Psyche. Es kommt nicht von ungefähr, dass dank der Maßnahmen aktuell 50% der Krankmeldungen auf psychische Ursachen zurückgehen.

Dabei agieren beide Seiten durchaus paradox: Die Regierung erlässt Maßnahmen, deren Sinnhaftigkeit sich häufig nicht erschließt. Und die Verschwörungstheoretiker bieten Erklärungen an, die bisweilen in ihrer Extremität ebenso weit über das Ziel hinaus schießen. Die Wahrheit liegt nicht da draußen, sondern dazwischen.

Beide Gruppen sind sich dabei weitaus näher als ihnen lieb sein mag. Beide akzeptieren die extremen Ansagen, weil sie ihren Führern vertrauen. Adorno hätte sowohl die eine als auch die andere Partei zu den autoritären Charaktern gezählt. In den Hochzeiten einer Krise mag dies sinnvoll sein. Würde ein Feuerwehrhauptmann, der mit seiner Truppe vor einem brennenden Haus steht eine Diskussion darüber beginnen, was als nächstes zu tun wäre, am besten inklusive persönlicher Befindlichkeiten, wären die Fragezeichen in den Gesichtern seiner Leute groß. In einer solchen Situation standen wir von April bis Mai 2020. Mittlerweile steigen die Fallzahlen wieder und Deutschland scheint umzingelt von Ländern, die eins nach dem anderen erneut einen Shutdown ausrufen. Die Todeszahlen steigen wie wir alle wissen nicht. Und die Krankhäuser geben reihum Entwarnung:"Die Zahlen von Intensivpatienten steigen zwar an. Wir sind jedoch gut gewappnet."

Der aktuelle Alarmismus der Regierung spiegelt die Zeit von April bis Mai diesen Jahres wieder. Und damit auch den Krisenmodus, der eine strikte Meinungseinheit erfordert. Die Corona-Aufklärungsbustour der Querdenker durch ganz Deutschland hält dagegen. Der Kommunikationspsychologe Paul Watzlawick würde sagen: Je stärker die eine Partei auf ihrer Meinung beharrt, desto größer wird der Widerstand. Küchenpsychologie, die deshalb nicht weniger richtig ist. Und die Bürger schließen sich der einen oder anderen Meinung an, als gäbe es keine Zwischenwelten. Wir wissen offensichtlich immer noch nicht viel mehr, wie das Virus wirkt, oder doch? Prof. Drosten sagt: Nein. Prof. Streeck entgegnet: Doch. Die einen sagen so, die anderen so, ließe sich scherzhaft anmerken. Wenn die Konsequenzen für die einen oder anderen nicht so dramatisch wären. Zu sterben oder die Existenz und den Verstand zu verlieren scheint die Kernfrage zu lauten. Die Drosten-Ultras streiten für die eine, die Querdenker für die andere Seite.

Ich persönlich bin kein Virologe. Ich bin Mediator und schaue mir den Austausch von Meinungen an, den wir analog zur Corona-Krise auch in der Canceling-Debatte wiederfinden. Auch dort wird heiß diskutiert. Als Mediator treibt mich die Canceling-Debatte sogar noch mehr um, weil uns die Art wie wir mit Kritik und unbequemen Meinungen umgehen wesentlich länger beschäftigen wird als Covid19. Zudem bildet die Canceling-Diskussion ohnehin die Grundfrage zum Umgang mit Corona: Brauchen wir eine Meinungseinheit, um Krisen zu meistern? Oder brauchen wir Debatten? Die Antwort hängt mit unserem Menschenbild zusammen: Brauchen wir einen Führer oder vertrauen wir auf Schwarmintelligenz? Wenn wir einen Führer brauchen, dann bis wann? Wenn wir auf Gruppenintelligenz vertrauen, dann ab wann? In Hochzeiten einer Krise gilt der Management-Ansatz: Eine kopflose Gruppe braucht ein Leittier wie das Feuerwehrbeispiel verdeutlichte. Wenn es genügend Zeit für Diskussionen gibt ist eine Gruppe immer klüger. Allerdings nur, wenn die Meinungsbildung als Prozess einer gegenseitigen Auf-einander-zu-Bewegung abläuft. Einfache Ja oder Nein-Abstimmungen sind kein Weg zu einer erhöhten Gruppenintelligenz. Schwierige Entscheidungen erfordern den Austausch und die Annäherung der Meinungen. Alles andere erhöht lediglich die Vertiefung der Gräben wie der Brexit, Stuttgart 21 und die Diskussion um die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus deutlich zeigten. Zudem spiegelt eine Gruppe die Meinungsvielfalt von wesentlich mehr Menschen wieder. Ungeachtet der Frage, welche Meinung stimmt, wird damit die langfristige Akzeptanz einer Entscheidung erhöht. Der Einwurf der Nichtregierungparteien, das Parlament wieder zu beteiligen, kommt spät – der Sommerschlaf war wohl zu schön – aber immerhin.

Dass es im Umgang mit schwierigen Positionen häufig hoch kompliziert ist zeigt die aktuelle Debatte um den "Rauswurf" der Autorin Monika Maron beim Fischer-Verlag. Die Autorin selbst ist angefressen. Die Befürworter freier Meinungsäußerungen haben ein weiteres Beispiel für Meinungsdiktatur. Und der Fischer-Verlag hat eine Geschichte. Hierzu bietet ein Artikel in der Süddeutschen eine erhellende Aufarbeitung: https://www.sueddeutsche.de/kultur/monika-maron-fischer-trennung-verlag-1.5081858?fbclid=IwAR3V113MOLmWFjQoOQZQ_2-cB3uL2knJxVxVcyiTtKsrdpJWWlb0Gg0b9rU

Während die Regierung und die Maßnahmengegner, die Befürworter einer politischen Korrektheit und die Vertreter freier Meinungsäußerungen ihre eigenen Kämpfe kämpfen, geht der Kampf im privaten Umfeld weiter. Hier stellt sich wie so oft nicht die Frage, wer Recht hat, sondern in welchem Kontext eine Entscheidung fiel. Warum trage ich keine Maske? Vielleicht weil ich kürzlich mit Maske die Treppe herunter stürzte. Und warum ärgere ich mich, wenn jemand keine Maske trägt? Vielleicht weil ich einen guten Freund an Covid19 verloren habe. Wenn wir diese Kontexte nicht immer wieder mitliefern, auch wenn es zugegeben anstrengend ist, um Lebenssituationen verständlich zu machen und gleichzeitig den Respekt für eine andere Sichtweise mitbringen, werden wir uns auch weiterhin an die virale Gurgel gehen. Es geht wie so oft um die Details. Wir sollten uns daher stetig hinterfragen: Machen wir es uns zu leicht, wenn wir die eigene Meinung äußern? Und wenn ja: Wie könnten wir es uns schwerer machen, um auf Menschen mit einer anderen Meinung zuzugehen?

14:01 25.10.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Michael Hübler

Coach, Mediator, Organisationsentwickler, Autor
Michael Hübler

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