Die Snowden-"Fatwa"

Edward Snowden .... "Air Force One ", "Rambo", "Staatsfeind Nummer 1", "Edward mit den Scherenhänden" - was passiert wenn Hollywood auf die Realität trifft?
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Die Snowden-"Fatwa" oder "Eddie, kannst bei mir wohnen"


geschrieben vom 3.-5. Juli, veröffentlicht am 9. Juli 2013

Edward Snowden hat ein Problem. Eigentlich hat er mehrere. Zusammenfassen ließe sich sein größtes Problem wohl mit einem Buchtitel von Christa Wolf "Kein Ort. Nirgends". Freilich ging in diesem Buch um andere Personen, um andere Hintergründe und Zusammenhänge, doch der Titel als solcher dürfte die Situation, in der sich Edward Snowden momentan befindet, wohl nahezu punktgenau treffen.

Warum ist Obama sauer?

Da setzt sich einer – die Rede ist von Snowden – aus seiner Sicht idealistisch für die gesamte Menschheit ein, begibt sich in die Fußstapfen anderer "whistleblower" wie Daniel Ellsberg, Watergate), Julian Assange oder Bradley Manning, um nur einige zu nennen, und dann versucht er einen Ort zu finden, an dem er bleiben kann. Für Barack Obama, der sonst eigentlich – als US-Präsident – die Rolle des Weltretters per se gebucht hatte, ist Snowden ein "Hacker", was man zwar so sehen kann, doch erstens arbeiten dann beim US-Geheimdienst NSA vermutlich mehrere Tausend Hacker und zweitens würde Obama wohl besser daran tun, den an ihn verliehenen Friedensnobelpreis an Snowden weiterzureichen. Meinetwegen kann er ihn an Snowden und Manning spenden. Das hätte wenigstens Größe.

Er kann den Preis bzw. das Preisgeld auch dritteln und ein Drittel davon selbst behalten. Obama der Theoretiker von Freiheit und Demokratie, Manning und Snowden die Praktiker.

Ja, ich weiß, idealistisches Geschwätz. Nur in Hollywood-Filmen wie "Air Force One" ist der US-Präsident ein Macher. Da bringt Harrison Ford den vorher von einer Handvoll Terroristen (zum Teil mit russischem Hintergrund, Terror-Chef gespielt von Gary Oldman) gekidnappte Präsidenten-Jet alleine zur Landung, nachdem er vorher die Terroristen allesamt ausreichend zur Strecke gebracht hatte.

Im Fall Snowden meinte nun der russische Außenpolitiker Alexej Puschkow: "Aber das Leben und die USA sind härter als ein Hollywood-Film." (Quelle: welt.de)

Irgendwie auch wieder witzig das Ganze und wenn ich "witzig" schreibe, meine ich in diesem Artikel immer tragikwitzig bzw. tragikkomisch. Für Snowden weniger, ich weiß, doch er wusste, was er tat (siehe Youtube-Video) und vielleicht weiß er auch, was er tut bzw. tun wird.

Eiskalte Machtpolitik? Was wusste Innenminister Friedrich vorher schon?

Genauso witzig ist es, wie sich nun alle von Snowden angeschriebenen Staaten – Ausnahmen suche ich gerade, bisher ohne Erfolg (Island vielleicht noch?[F1]) – dessen Asylantrag mit der Begründung, dass er für die Asylbeantragung erst im jeweiligen Lande sein müsse, ablehnen. Selbst Länder wie Kuba, dem man ja nun nicht unbedingt ein tiefes Freundschaftsverhältnis zu den USA bescheinigen kann.

Doch der bürokratische Ablehnungsgrund hat vermutlich nur einen einzigen Grund: handfeste politische und letztlich wirtschaftliche Interessen. Hinzukommt wahrscheinlich noch, dass man keinen Präzedenzfall schaffen möchte, auf den sich dann Tausende andere politische Flüchtlinge beziehen könnten.

Zudem kommt Snowden "dummerweise" auch noch aus den USA, der Wirtschafts-, Militär- und somit Weltmacht schlechthin – zumindest momentan noch. Wenn Snowden aus Nordkorea kommen würde und etwas über das Atomwaffenprogramm Kim Jong-un's preisgegeben hätte, dann ... ja, dann. Naja, vielleicht auch nicht – vielleicht auch nur im Hollywood-Film. Und vielleicht nicht mal dort, denn nach Nordkorea würde nicht mal Rambo gehen – da gibt's einfach nichts zu holen, außer Ärger.

Alles in allem geht es um etwas, das man wohl unter dem Begriff "Interessenpolitik" zusammenfasst. Einerseits nimmt man die Informationen von Snowden allerseits gern entgegen, andererseits will man den Überbringer der Botschaft am liebsten dort lassen, wo er ist. Man macht sich ungern die Hände dreckig – Menschenrechte, Freiheit und Demokratie mal hin oder her. 'Drauf gesch***en.', werden sich die meisten Politiker denken, denn sie nennen sich ja gern "Realpolitiker" und den Helden spielen sie nur zur Show – wie im Film eben.

Es kann allerdings durchaus auch so sein und dieser Gedanke kam mir bei den Worten von Deutschlands Innenminister Friedrich ..., dass man innerhalb der Regierungen schon Jahre lang wusste, dass viele Geheimdienste dieser Welt ungeahnte Datenmengen erfassen. Mir erscheint es irgendwie recht simpel, dass Friedrich plötzlich den Ahnungslosen spielt und so tut, als habe er noch nicht mal im Traum daran gedacht, dass Geheimdienste genau das machen, was Geheimdienste eben machen. Die Mitarbeiter der Dutzenden Geheimdienste in den USA und in Großbritannien werden sich doch von ihren jährlichen Milliarden-Budgets nicht den ganzen Tag die Eier kraulen oder Poker spielen, oder?

Snowden als "einzelner Jude"?

Kleiner Gedankensprung so zwischendurch.

Irgendwie erinnert mich das momentane "Wer nimmt Snowden auf?"-Spiel ganz stark an das Schicksal vieler jüdischer Flüchtlinge, die ab 1933 Deutschland verlassen hatten. Umso länger Hitler an der Macht war und die Informationen über Verfolgung, Folter und Mord weltweit bekannt worden, desto mehr wusste man auch, was Juden erwartete, die nicht aus Deutschland fliehen würden. Dennoch gab es zahlreiche Fälle, in denen jüdische Flüchtlinge nicht aus humanitären Gründen aufgenommen wurden sind, sondern sie erneut auf eine Odyssee geschickt worden. Dieser SPIEGEL-Online-Artikel beleuchtet mal die damalige Politik der häufig als "neutral" dargestellten Schweiz.

Fatwa machen nur Islamisten?

Witzig ist es auch, dass sich die USA durch den Fall Snowden erneut bis auf die Knochen entblößen. Übrig bleibt dann nur ein Skelett. Ich könnte es auch als "Fratze des Todes" bezeichnen. Wahre Kämpfer für Freiheit und Demokratie werden zu "Hackern", in einigen Kreisen, insbesondere militärischen und geheimdienstlichen sind sie "Verräter". Und Landesverrat dürfte in den USA – vermutlich je nach Laune des Richters – mit der Todesstrafe "belohnt" werden. Sich über staatliche Regeln hinwegzusetzen, wird nicht nur in manchen islami(sti)schen Staaten mit dem Tode bestraft.

Der einzige Unterschied zwischen einer Fatwa wie beispielsweise Ende der 1980er Jahre gegen den Schriftsteller Salman Rushdie ("Satanische Verse") und dem, was Edward Snowden blühen könnte, ist doch wohl in der Transparenz der Strafankündigung zu sehen. Snowden könnte die Todesstrafe erwarten, vermutlich würde man ihn jedoch eher im Gefängnis Jahre lang vor sich hinschmoren lassen – wie Brian Manning. Bei Rushdie war die Sache klar, so weit ich mich erinnere. Weltweit war bekannt, dass er vogelfrei ist. Wenn ihn irgendein radikaler Moslem zur Strecke gebracht hätte, wäre das ganz in Sinne der von Ayatollah Khomeini ausgerufenen Fatwa gewesen.

Insofern ist die "Fatwa" gegen Snowden dann doch etwas freiheitlicher und auch demokratischer, weil Snowden einen Gerichtsprozess erwarten darf, von dem alle offiziellen US-Vertreter freilich behaupten werden, dass er ganz besonders fair sein wird.

Man könnt's zusammengefasst vielleicht so formulieren: Der Mullah ruft "Bring den Verräter um!", während der Ober-Demokrat ruft: "Bringt ihn her, dann machen wir ihm den Prozess!" Den möglichen Ausgang dieses Prozess kann sich Snowden dann in Tausenden von Gesetzen zusammenbasteln bzw. sein Anwalt. Hmm, im Grunde haben sich die USA dann doch schon etwas weiter entwickelt, früher hätte der Sheriff einfach ein Plakat an das Schwarze Brett vom County gehangen "Edward Snowden – WANTED – Dead or Alive".

Okay, Ironie und Sarkasmus beiseite ...

"Eddie, kannst bei mir wohnen"

Auch wenn es so aussehen mag, dass ich den ironischen Teil jetzt erst richtig ausreize, so meine ich dieses Angebot in der Tat ernst. Theoretisch ist es freilich einfach dahin gesagt. Ich bin auch nicht Bono oder Günter Wallraff, die vor zwei Jahrzehnten Salman Rushdie zwischenzeitlich Unterschlupf gaben, doch warum eigentlich nicht? Bei mir haben schon so viele Freunde und Bekannte – aus sicher einem Dutzend Nationen – übernachtet, warum also nicht auch mal ein US-Amerikaner. Ich glaube, die fehlen noch in meiner Couchsurfing-ähnlichen Liste ;)

Praktisch müsste ich mir das allerdings auch noch etwas konkreter vorstellen. Vermutlich würde es eine Art unauffälligen Personenschutz rund um die Uhr für Edward Snowden geben. Wenn nicht von deutschen Behörden, dann vielleicht gleich vom CIA oder irgendeinem verantwortlichen Auslandsgeheimdienst. Naja, vermutlich wurden solche Aufgaben bereits "outgesourced" und das macht jetzt der "Schmidt & Partner Sicherheitsdienst".

Doch Scherz beiseite ... ich würde sicherlich ab und an das Gefühl haben, dass ich – abgesehen von Herrn Snowden – irgendwie nicht mehr allein in meiner Wohnung bin. Meine Internet- und Telefonleitung wäre rundum die Uhr überwacht und das wäre vermutlich erst der Anfang.

Spitze Zungen könnten jetzt behaupten, dass ich die Einladung an Edward Snowden nur ausgesprochen hätte, weil ich ganz sicher gehen wöllte, dass er nicht zu mir kommen würde, weil es schon im Internet stehen würde und nicht mehr geheim wäre. Doch dem würde ich locker entgegnen, dass es genau aus diesem Grunde so geschehen würde. Ich glaube, so arbeiten manche Geheimdienstler mittlerweile auch. Nachdem alle Täschungsmanöver über Jahrezehnte hinweg durchschaut worden sind und Computer alle möglichen Codes entschlüsseln können, versenden die jetzt wieder per Fax ihre Informationen – wahrheitsgetreu, ohne Haken. Kein Mitarbeiter eines anderen Geheimdienstes würde auf die Idee kommen, dass dabei wahre Informationen übermittelt werden könnten ;)

Allerdings hätte ich zwei Bedingungen an Edward Snowden, okay drei eigentlich. Erstens würde ich es begrüßen, wenn er – nach den ersten Tagen der Erholung – in der darauffolgenden Zeit, in der er bei mir wohnt, beginnt ein Buch zu schreiben – über die letzten, sagen wir, zehn Jahre seines Lebens. Zweitens würde ich mir die Rechte an der Erstübersetzung sichern wollen – eine professionelle wäre darüberhinaus sicher sowieso noch notwendig, da ich selbst in der Übersetzung die Freiheit liebe ;). Und drittens sollte klar sein, dass jeder seinen Abwasch prinzipiell erstmal alleine macht; was nicht heißen soll, dass man nicht auch mal den vom WG-Mitbewohner mitmachen kann. Das sind die Richtlinien meiner Interessenspolitik, ganz simpel.

Also, ich finde, dass mein Angebot zwar auch nicht gerade nach "unconditional love" aussieht, doch besser als die Bedingungen von Wladimir Putin sind meine Forderungen allemal. Nochmals zur Erinnerung die Worte von Herrn Putin:

"Wenn er hier bleiben möchte, gibt es eine Bedingung: Er muss mit seiner Arbeit aufhören, die darauf gerichtet ist, unseren amerikanischen Partnern Schaden zuzufügen – so merkwürdig sich das aus meinem Mund auch anhören mag.“ (Quelle: de.wikipedia.org bzw. kremlin.ru)

Ja, Wladimir, du hast recht. Dass klingt einerseits wirklich merkwürdig, andererseits überhaupt nicht – realpolitisch gesehen.



Was ist eigentlich neu am Fall Snowden?

Für einige alles, für einige nicht viel. Ich gehöre wohl eher zu Letzteren.

Im Mai 2003 hatte ich an der TU Dresden einen Vortrag zum Thema "Freund hört mit – Das weltweite US-Abhörsystem 'Echelon'" besucht. Als Gäste waren der damalige SPD-Europa-Parlamentarier Dr. Gerhard Schmid (SPD) und der SPIEGEL-Online-Redakteur Frank Patalong eingeladen. Irgendwann während des sehr informativen Vortrages sagte Schmid einen Satz, der mir zwar auch nicht ganz so neu war, doch es spielt eben doch eine Rolle, wer was sagt: "Gehen Sie einfach davon aus, dass das, was technisch gemacht werden kann, auch gemacht wird." (sinngemäß)

Übersetzt hieß das für mich: ich bzw. wir haben absolut keinen Plan, was alles datenmäßig von der Weltbevölkerung erfasst wird, doch wenn man in einer Quizsendung auf die Antwort "alles, was möglich ist" tippen würde, wäre das die richtige Antwort.

Zudem hatte ich in meiner Diplomarbeit im Jahr 2001 Zugang zu Daten, die aus Satellitenbilddaten aus dem Jahr 1968 erhoben worden waren. Unter der Bezeichnung CORONA verfügte die CIA bereits Ende der 1960er Jahre über Bildmaterial mit einer Auflösung von 1,8 Metern. Als Randbemerkung: die beste kommerziell erhältliche Auflösung betrug um die Jahrtausendwende – also rund 30 Jahre später – reichlich 5 Meter (!). Gegenüber Militär- und Geheimdiensten erscheint Google Street View wie ein lustiges Bilderraten auf einer Kindergeburtstagsparty, zu der über FaceBook eingeladen wurde.

Kurz nochmals zurück ... schon damals – Anfang des Jahrtausends – schwante mir, dass Filme wie "Staatsfeind Nummer 1" (u.a. mit Will Smith, Gene Hackman) keine reine Fiktion sind. Apropos, "Staatsfeind Nummer 1". Spielt Edward Snowden nicht gerade Will Smiths Rolle in real?!

Wenn ja, ist dann Obama so etwas wie der "Ober-Bösewicht im Film"?! Oder ist der NSA ein eigener Staat im Staat und Obama hat sich der Macht der Geheimdienste und des Militärisch-Industriellen Komplexes (Abk.: MIK) einfach mal zu beugen?! Ist Obama letztlich doch nur eine Puppe in den Händen anderer, die weit größere Macht besitzen als er?!

Diese und andere Frage in diese Richtung sind freilich alles andere als neu und sie werden wohl noch eine Zeitlang immer wieder auf dieselbe Art und Weise beantwortet werden. Insofern könnte man sich das ganze Fragestellen auch sparen ... oder liegen vielleicht im ständigen Fragenstellen die eigentlichen Fortschritte der Demokratie?! Was kommt Neues bei heraus?

Oder ist Edward Snowden die realpolitische Variante von „Edward mit den Scherenhänden“. Mit einem mehr oder minder komplizierten Schnitt durch den Vorhang der Geheimnistuerei hat er selbiges gelüftet, wenngleich es seit Jahren eher ein offenes, denn wirkliches Geheimnis war.

Neu am Fall Snowden ist eigentlich nur das Ausmaß der weltweiten Überwachung und dass es nun sozusagen offiziell ist, was ein Großteil der Weltbevölkerung schon lange ahnte. Witzig, was ein kleines bisschen Transparenz doch alles so bewirken kann. Vielleicht geht es letztlich auch gar nicht so sehr um Demokratie, sondern um Transparenz? Wer würde schon daran glauben, dass alle Geheim- und Nachrichtendienste plötzlich alle technischen Möglichkeiten ungenutzt lassen würden?! Ich nicht, doch mich interessiert es sehr wohl, was dort passiert. Transparenz auf gleicher Augenhöhe sozusagen.

Spinnen die Briten?

Der Fall Snowden brachte mich auch auf andere Weise mit einer witzigen Geschichte aus meiner Vergangenheit in Berührung. Im Jahr 2002 war ich im Rahmen eines vom Arbeitsamt und dem Europäischen Sozialfond (ESF)organisierten Kurses für zwei Monate in England, genauer gesagt in einem netten Städtchen namens Cheltenham. Ich wohnte bei einer "Host-Mom" und diese hatte kurz zuvor einen gebrauchten Computer bekommen, von irgendeinem Bekannten. Ich hatte damals – Anfang Juli 2002 – eine Textserie begonnen, die ich per e-Mail an mein gesamtes Adressbuch (privat und dienstlich) unter dem Betreff "Hinweis" verschickte. Inhalt der ersten e-Mail waren Anmerkungen zum Thema "9/11". Einige würden es als Verschwörungstheorien abtun, ich würde es kritischen Hinterfragen nennen. Inspiriert wurde ich damals von einigen Artikel von und über Thierry Meyssan sowie Matthias Broeckers. Aufgrund der Reaktionen auf diese erste e-Mail folgte Teil 2, danach 3 ... und irgendwann erweiterte ich meinen Themenkreis und es wurde etwas bunter. Im Juni 2006 stellte ich die Serie mit der 100. Ausgabe ein. Rückblickend waren diese vier Jahre eine Art selbst gewähltes Praktikum in Sachen gesellschaftskritischen Schreiben im Internet. Doch das nur am Rande.

Warum diese Geschichte?

Ich erinnere mich jedenfalls noch an einen Abend im letzten Drittel meines zweimonatigen Aufenthaltes, an dem wir durch Cheltenham gefahren waren und irgendwann auf der linken Straßenseite ein recht großer, beleuchteter Komplex auftauchte. Mit "recht groß" meinte ich eigentlich "riesig".

Ich erinnere mich nur noch sehr vage, doch der Fahrer – ich weiß auch nicht mehr, mit wem ich damals gefahren war –, meinte nur kurz: "That's the GCHQ". Womit ich erst einmal nicht anfangen konnte, doch auf eine Rückfrage hin aufgeklärt wurde.

Spätestens seit Juni 2013 wissen vermutlich die allermeisten Deutschen, dass der GCHQ der britische Geheimdienst bzw. einer der britischen Geheimdienste ist. Es gibt bspw. noch den MI5 (Innen) und den MI6 (Außen), der Arbeitgeber von James Bond sozusagen.

So sieht das 2003 fertig gestellte neue Gebäude aus; gut möglich, dass ich 2002 lediglich die riesigen Bauscheinwerfer gesehen hatte.

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/7/72/GCHQ-aerial.jpg/640px-GCHQ-aerial.jpg

Was ich auch erst später erfuhr – oder war's doch vorher? ... hab's vergessen –, war der Fakt, dass der oben erwähnte Computer meiner gastgebenden Host-Mum – laut Aussage eines anderen ihrer Bekannten – ein ausrangierter Rechner vom GCHQ gewesen sei. Vielleicht war ich ja tempora-er sogar mit dem GCHQ verlinkt ;)

Gut möglich allerdings, dass man mir dies nur als Geschichte verkaufte, denn einige Briten machen nicht nur gern über Deutsche Witze, sondern auch mit ihnen – letztere sind mir auch die sympathischeren. Der Wahrheitsgehalt dieser Anektode ist vermutlich so hoch wie 90% der weltweiten geheimdienstlichen Informationen, doch irgendwie bleibt ja nicht nur ganz klare Wahrheiten in der Erinnerung verhaften.

Achja, Zypern noch ...

Ebenfalls im Jahr 2002 war ich nach dem Ende des Englisch-Kurses und vor meiner erneuten Beschäftigung mit der Auswertung von Satellitenbilddaten auf Zypern. Ich erinnere mich noch an einiges: u.a. an viele Touristen aus Russland, ebenso an unzählige leerstehende Häuser auf griechischer Seite – eine Folge der Teilung des Landes in den 1960er Jahren; die türkische habe ich nur rund drei Stunden besucht und die Hälfte der Zeit mit Kaffeetrinken und Gesprächen verbracht, doch auch dort dürfte es nicht anders aussehen. Erinnern kann ich mich auch an einen Briten im Hostel, der seine allabendlichen Pillen immer mit einem Schnaps herunterspülte. Auf Rückfrage meinerseits, ob das so gut wäre, meinte dieser, dass ihm das sein Arzt so geraten hätte. Hmm, ich hab's nicht wirklich geglaubt, das gebe ich zu. Eher glaube ich daran, dass den Briten der Humor im Blut liegt – was ich verstehen kann bei dem Wetter und dem Essen. Okay, Klischees vorerst beiseite.

Ich weiß allerdings nicht mehr, ob es dieser "Pillen-Schnaps-Brite" war oder irgendein anderer, der mir mitteilte, dass auf bzw. um Zypern riesige Satellitenschüsseln des britischen Geheimdienstes stehen würden. Rein geostrategisch leuchtete mir das ein, denn Zypern liegt im Mittelmeer und drumherum viele Krisenherde, mal ganz zu schweigen von der relativen Nähe zu Erdölquellen. Wie weit man allerdings mit solchen Schüsseln abhören kann, weiß ich nicht. Ich weiß auch nicht, ob die Geschichte allgemein stimmt [F2]. Sei's drum …

Kurz vor Schluss noch eine RAND-Information

Einige werden bereits ahnen, dass das Wort "RAND" in diesem Fall nicht für „Rand“ steht, sondern für etwas anderes. Wiederum einige werden wissen, dass es für Research And Development steht. Dahinter verbindet sich, glaubt man diesem im Internet schwer auffindbaren Artikel "Handle heidnisch" von Hermann Ploppa vom 29. August 2003, der ursprünglich in der „Jungen Welt“ erschienen war, um einen US-amerikanischen Think Tank, der mit Hilfe seiner sog. "silent professionals" die Bevölkerung in 170 Staaten sozusagen studiert.

Der Ursprung dieses Think Tank geht bis in die Zeit kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges zurück und ist militärischer Natur. Laut Ploppas Artikel hat RAND diese Sichtweise beibehalten, was im Klartext ungefähr heißt: Probleme auf der Welt sind nicht nach Ursachen zu untersuchen, sondern als militärische Drohszenarien zu verstehen, auf die im Falle des Falles reagiert werden muss. Aufs Inland bezogen dachten einige RAND-Mitarbeiter vor mehr als zehn Jahren über eine Maßnahme mit dem netten Namen "Mass Face Scanning" nach, die Anfang 2001 bei einem Football-Superbowl in Tampa getestet worden war. Es wurden dabei mittels Videokameras die Gesichter (offenbar?) aller Anwesenden gescannt, um dadurch Straftäter und Terroristen herauszufiltern.

Der bereits erwähnte Daniel Ellsberg hat u.a. auch bei RAND gearbeitet und dürfte wohl damals einen ähnlichen Weg beschritten haben wie Snowden jetzt. Ebenso bei RAND war ein gewisser Herman Kahn; das Vorbild für Stanley Kubriks "Dr. Strangelove". Die Liste der ehemaligen Mitarbeiter liest sich wie das Who-Is-Who der Neokonservativen und überschneidet sich um die Jahrtausendwende seltsam harmonisch mit der Liste des "Project For The New American Century", kurz PNAC. Während PNAC mittlerweile nicht mehr existiert, feiert RAND demnächst seinen 65. Geburtstag. Wer gerade US-Präsident ist und ob der nun Demokrat oder Republikaner ist, dürfte den Mitarbeitern vermutlich relativ gleich sein ;)

Last but not least ...

Gestern, als ich diesen Artikel zu schreiben begann, fiel mir ein, dass ja heute (mittlerweile vorgestern) der "4. Juli" ist. Die USA haben heute also Geburtstag. Keine Ahnung, ob sich an solchen Tagen die Staatschefs gegenseitig Geburtstagskarten schicken – hmm, per e-Mail oder doch besser (abhör)sicher mit der Luftpost? ;) –, doch ich würde heute wohl zuerst Edward Snowden gratulieren. Barack Obama würde von mir eher eine Postkarte mit der Aufschrift "Herzliches Beileid" erhalten.

Ich war zugegebenermaßen schon bei seinem Berlin-Besuch im Jahr 2009 eher skeptisch, inwieweit er wirklich etwas verändern könnte, weil ich nicht wusste, was er wirklich verändern wollte. Ebenso fand ich seinen Besuch in Dresden äußerst seltsam. Selbst in der Neustadt waren tagelang, straßenzugweise diverse Areale gesperrt bzw. das Parken verboten, weil er wohl da lang gefahren wurde. Sicherheitsmaßnahmen, die mich doch eher wunderten. Von Wladimir Putin, der Ende der 1980er Jahre vier Jahre lang in Dresden gearbeitet hatte, geht die Geschichte rum, dass er sich auch mal ganz eigensinnig allein auf die Spur begibt, um sich bei seinem Lieblingsbäcker ein Stück Kuchen zu holen – ganz ohne Sicherheitsleute. Keine Ahnung, ob's stimmt.

Apropos Putin ... da fällt mir gerade ein, warum er so seltsame Dinge gesagt hat. Wer war denn der Arbeitgeber Putins in seiner Dresdner Zeit. Ach, es ist schon fast wie im Film: der russische Geheimdienst KGB.

Solche Zusammenhänge könnten für mich wohl nur noch dadurch getoppt werden, wenn zum Beispiel herauskommen würde, dass Angela Merkel bei der Stasi gearbeitet oder Michelle Obama mal ein Verhältnis mit einem CIA-Mann gehabt hatte. Apropos Angela Merkel: was sagt eigentlich "Mutti" öffentlich zur "Causa Snowden", abgesehen von den – vermutlich "geheimen" – Telefonaten mit Obama?!

Zurück zu Obama. Spätestens nach der bizarren Vergabe des Friedensnobelpreises an ihn (okay, dafür konnte er nichts – zumindest nicht offiziell), wurde aus meinem Skeptizismus ihm gegenüber tendenziell "Suspektizismus".

In seinen Amtszeiten folgten das Festhalten an Guantanamo, die Dronen-Geschichte, WikiLeaks, seltsames Verhalten gegenüber Demokratiebestrebungen im Mittleren Osten wie zum Beispiel im Fall des jemenitischen Journalisten Haider Shaye und nun der Fall Snowden. Ich denke, dass reicht mir vorerst, um Obama als wirklichen Reformer ad acta legen zu können. Er hat sich vom potentiellen Veränderer zum Trittbrettfahrer erster Klasse entwickelt. Bestenfalls ist er das kleinere Übel gegenüber den meisten Republikanern. Auch keine Neuigkeit, ich weiß, doch ich bin auch froh, dass ich Obama sozusagen eine Chance gegeben habe. Rechthaber, die alles vorher schon besser wissen, gibt’s auch schon genügend.

Nichtsdestotrotz frage ich mich freilich, was ich im Fall Snowden denn an Obama's Stelle machen würde. Vielleicht würde ich Dinge wie der ehemalige Präsidentschaftskandidat Al Gore sagen, der das sicher auch nur so in dieser Art getan hat, weil er kein US-Präsident ist. Doch nehmen wir einfach mal den Fall an, dass US-Präsidenten auch selbstkritisch mit ihrer Nation umgehen könnten – so richtig selbstkritisch, meine ich.

Doch ich glaube, da geht es den USA wie vielen Banken. Sie werden einfach als "too big to fail" eingestuft bzw. tun dies vorab schon mal selbst – Ende der Selbstreflexion. Selbstkritik kommt bestenfalls als Showelement vor. "Fake it to make it", würde man dazu im Showbizz wohl sagen und müsste allerdings noch ein "... without really making it." anfügen. Sowohl im Show- als auch im Politik-Bizz.

Apropos Showbizz – was jetzt noch fehlt, ist etwas Musik ... und da nehme ich einfach mal einen Song, den ich heute früh gehört habe: "Hand to Mouth" von George Michael. Ich hatte beim Kaffeetrinken irgendwie die Eingebung, mir wieder mal Michael's 1987er Album "Faith" anzuhören und eine Textzeile von "Hand to Mouth" blieb mir dabei im Ohr hängen: "I believe in the Gods of America – I believe in the Land of the Free"

Das klang gut, allerdings sind die nächsten Zeilen wohl genauso ernüchternd, wie die bereits erwähnte Aussage mit Hollywood-Bezug von Alexej Puschkow: "But no one told me that the Gods believe in nothing ... So with empty hands I pray ... and from day to hopeless day ... they still don't see me"

Anyway, die künstlerische Freiheit lässt allerdings auch die Interpretation einzelner Textabschnitte zu, so dass die Zeile "But no one told me that the Gods believe in nothing" auch bedeuten kann, dass die Götter sehr wohl an etwas glauben, es ihm jedoch noch keiner gesagt hat.

Insofern meine herzlichen (nachträglichen) Geburtstagsgrüße an "God's Own Country" ... und: "Eddie, ruf einfach an – +493518107099 ... meine Handy-Nummer bekommst du vom NSA, GCHQ oder vom BND. Die kann ich unmöglich im Internet veröffentlichen, weil sie erstens geheim und zweitens das zu unsicher ist – du weißt ja." :)

Bye-bye & ciao, Micha.

Fußnoten bzw. Nachträge vom 09.07.2013:

[F1] … ich hatte letztmalig am 4.7.2013 den Status der Asylantragsbearbeitung Snowdens gecheckt, allerdings auch nur sehr sporadisch. Mittlerweile gibt es es eine sehr informative Liste bei Wikipedia. Momentan sind Bolivien, Nicaragua und Venezuela die einzigen Staaten, die einen Asylantrag Snowdens prüfen bzw. ihm quasi Asyl angeboten haben.

[F2] … Ein paar kurze Recherchen mittels Suchmaschinen ließen mich einerseits auf einen Hinweis bei Wikipedia auf einen sog. Zahlensender der RAF (Royal Air Force, britische Streitkräfte) stoßen, den man im zypriotischen Akrotiri vermutet und der nach seiner Erkennungsmelodie „The Lincolnshire Poacher“ benannt wurde. Zahlensender sind Kurzwellen-Radiosender. Andererseits erwähnt diese kurze, fast nebensächlich wirkende Meldung vom 19. August 2012 aus dem Stern, dass der britische Geheimdienst die Lage in Syrien angeblich von Zypern aus beobachten würde. So zumindest die Aussage eines Rebellen bzw. Aufständischen.

Insofern scheint also was dran zu sein, an der These, dass vom britischen Geheimdienst von Zypern aus mehr oder minder große Aktivitäten ausgehen.

21:14 09.07.2013
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