Griechenland, du hast dicke Beine

Europa .... eine küchenpsychologische Deutung eines europäischen Rosenkrieges
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Dass es in Griechenland einiges zu verändern gibt, bestreitet niemand, ganz gleich aus welchem politischen Lager und aus welchem Staat. Im Was? ist man sich insofern tendenziell einig, doch beim Wie? gehen die Ansätze offenbar diametral auseinander.

Psychokrieg?

Wenn mir eins in den letzten Wochen und Monaten gehörig auf den Senkel geht, dann ist es das ewig gleiche Mantra vom verlorenen gegangenen Vertrauen gegenüber Griechenland. Interessanterweise fällt das allen erst seit der Regierungsübernahme von Syriza ein, obgleich man fünf Jahre Zeit hatte, dieses Vertrauen auch mal einer Kontrolle bzw. Beobachtung zu unterziehen. Bereits 2012 hatte eine IWF-Studie belegt, dass das Sparen die Rezension verschärfen würde. Hat man jemals einen deutschen oder europäischen Politiker (abgesehen vielleicht von den LINKEN) diese Studie zitieren hören? Warum kam diesbezüglich nichts von IWF-Chefin Lagarde?

In was hatte man denn vorher eigentlich Vertrauen? War es überhaupt Vertrauen oder einfach nur Aberglaube?

Dicke Beine? Abnehmen!

Mir erscheint die Griechenland-Causa momentan wie eine schlechte Beziehungsstory. Der deutsche Michel findet bei seiner Angetrauten Helena, einer Griechin, plötzlich die Beine zu dick, obwohl die schon schlanker sind als ein Jahr zuvor. Da wurden Jahre lang Diäten und Sporteinheiten verordnet – Helena fügte sich.

Irgendwann hatte Helena mal die Faxen dicke bzw. die Schnauze voll, weil leer, und sagte "Nein, Schluss damit". Das gefiel dem Michel gar nicht. Das Vertrauen, dass seine Frau ihm gehorsam folgt, war in seinen Grundfesten erschüttert. Und so lamentierte er und klagte und wurde manchmal auch sehr böse. Helena bezeichnete er als irre, die wehrte sich ebenso verbal und nannte Michel einen Extremisten, was übersetzt vermutlich soviel wie "Sch**ß-" bzw. "Mistkerl" heißen sollte.

Schönes Steuersparmodell?

Was ein Teil von Helena weiß, ist, dass sie eigentlich vermutlich nur aus finanziellen Gründen Michels Frau geworden war. Eigentlich reichte ihr eine Beziehung aus, doch der Michel wollte heiraten – wegen der Steuer und so. Irgendwann fand sie das auch okay und erzählte nicht ihren gesamten finanziell-familiären Hintergrund, denn dann hätte der Michel sicher die Beziehung ganz aufgelöst. So ganz frei von Verantwortung ist also auch sie nicht, doch nun ist man eben verheiratet. Die Ehe ist nicht nur zerrüttet, sondern geht vor allen ihr an die Substanz. Was tun?

Was wird aus den Kindern?

Hinzukommt, dass sowohl Michel als auch Helena jeweils ein paar Kinder in die Ehe mitgebracht haben, die sich zum Teil nun gegenseitig Sprüche an den Kopf hauen. Zum Beispiel, dass die einen faul wären und nur fressen, aber nicht arbeiten wollen. Auf der anderen Seite kommen dann mitunter schnell mal Hitler-Vergleiche, auch wenn man Hitler nur aus Bilderbüchern kennt. Und wie es häufig so ist, die dümmsten Kinder schreien am lautesten.

Was hat das alles mit Wirtschaft zu tun?

Zurück zur Sachebene ... oder auch nicht. Wie der ehemalige Finanzminister Griechenlands, Yanis Varoufakis, kürzlich in einem Interview mit dem "New Statesman" (englische Version / deutsche Übersetzung) sagte, verhält sich die Sache aus seiner Sicht so:

Frage: Sie haben gesagt, Gläubiger waren gegen Sie »weil ich in der Eurogruppe versuche, ökonomisch zu argumentieren, was dort niemand sonst tut.« Was ist passiert als sie das taten?

Varoufakis: Es ist nicht so, dass es nicht gut aufgenommen worden wäre – es ist eher so, dass es eine vollständige Verweigerung gab, sich auf ökonomische Argumentationen einzulassen. Unverblümt. Sie stellen ein Argument vor, an dem Sie wirklich analytisch gearbeitet haben – um sicher zu gehen, dass es logisch kohärent ist – und dann schauen Sie lediglich in leere Gesichter. Sie hätten genau so gut die schwedische Nationalhymne singen können – Sie hätten dieselbe Antwort bekommen. Und für jemanden, der akademische Debatten gewöhnt ist, ist das ist erschreckend. Da debattiert die andere Seite immer mit. Aber hier gab es gar keine Beteiligung. Man hat nicht einmal Genervtheit gespürt, es war so, als ob man einfach nichts gesagt hätte.

Womit wir wohl wieder beim Aberglauben wären. Sowohl die Troika als auch die Eurogruppe und primär Deutschland weiß, dass diese Politik nicht funktionieren kann, weil man um die Schwachstellen bereits bei der Euro-Schaffung und spätestens bei dessen Einführung wusste, doch das Rad, das einmal in Schwung gesetzt wurde, darf um keinen Preis zum Stehen kommen. Oder vielmehr, um jeden Preis. Ergo: es muss schneller rollen – Konstruktionsfehler hin oder her.

Und so gut der Deutsche auch konstruieren und planen kann, so vehement zieht er eine angefangene Sache auch durch – ganz gleich, ob sie richtig ist oder nicht. Das hat er in der Vergangenheit schon einige Male bewiesen. Auf diese Eigenschaft lässt er nichts kommen, schon gar nicht lässt er sich da etwas von einem Südeuropäer sagen. Der kann gar keine Ahnung haben, der tanzt und trinkt den ganzen Tag.

Wer zuletzt lacht, ...

Verstehen kann man das europäische Dilemma wohl kaum ganz, doch es lässt sich vielleicht erahnen, dass man eine gehörige Menge Humor braucht, um es ansatzweise ertragen zu können. Und vielleicht bewegen wir uns auf einen Zustand hin, den der indische Philosoph Sri Aurobindo vor fast 100 Jahren einmal so beschrieben haben soll:

„Europa rühmt sich seiner praktischen und wissenschaftlichen Organisation und Effizienz. Ich warte darauf, daß seine Organisation perfekt ist, dann wird ein Kind es zerstören.“

In diesem Sinne ... Kinder an die Macht!?

Michael Winkler, Dresden

PS: Wer Interesse an einer Rezension hat, sei auf dieses Buch verwiesen …

Yanis Varoufakis, Stuart Holland, James K. Galbraith – Bescheidener Vorschlag zur Lösung der Eurokrise
Kunstmann Verlag München, 2015

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12:43 15.07.2015
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