Schlimmer kann's ja nicht kommen — oder doch?

Frauenquote Feminismus ist nicht erst seit #aufschrei ein Thema. Doch welchen Feminismus wollen wir? Wie wollen wir ihn gestalten? Wie auf keinen Fall? Und wer ist überhaupt "wir"?
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Am Mittwoch, den 23.09.2015, hatte der Bundestagsabgeordnete der B90-Grünen, Stephan Kühn, die #aufschrei-Mitinitiatorin, Autorin und gelegentliche Talkshowgästin, Anne Wizorek, zu einer öffentlichen Lese- und Diskussionsveranstaltung in sein Vorortbüro, der "Grünen Ecke", im Dresdner Hechtviertel eingeladen. Die Veranstaltung war gut gefüllt, mehrheitlich – wie häufig bei solchen Veranstaltungen – von Feminismus-BefürwortInnen, darunter auch einige, die ihr Exemplar des vorgestellten Buches "Warum ein #AUFSCHREI nicht reicht: Für einen Feminismus von heute" von der Autorin gleich mit signieren lassen wollten.

Worum ging's?

Die Veranstaltung als solche war primär eine Buchvorstellungsrunde, wobei Anne Wizorek Kapitel aus ihrem Buch vorlas und daraufhin Fragen und Anmerkungen aus dem Publikum aufgreifend beantwortete. Als erstes ging es um die sog. Frauenquote, dem sich auch hauptsächlich dieser Artikel widmen soll. Es folgten u.a. Ausführungen zu den sich drastisch verschlechternden Arbeitsbedingungen von Hebammen, zum Thema Abtreibung bzw. AbtreibungsgegnerInnen, zum Sexismus im Allgemeinen sowie als Abschluss eine Art "Appell" an Männer, was sie denn tun könnten. Alles Themen, zu denen man (oder frau) ein weiteres Buch verfassen könnte, wöllte man Anne Wizoreks Argumente und jene von anderen Pro- und Kontra-Protagonisten analysieren.

Mir persönlich ist klar, dass Frauen diskriminiert werden, aus sexistischen oder reinen Machtgründen oder ganz einfach, weil man(n) Spaß dabei hat. Die Grenzen zwischen einer flirt-affinen Bemerkung und einem sexistischen Ausspruch sind fließend. Das wurde spätestens seit dem "Brüderle-Dirndl-Gate" im Februar 2013 zur Genüge medial diskutiert. Kommt das Machtgefüge noch dazu, wird's nicht nur unappetitlich, sondern wirklich schwierig.

Insofern konzentriere ich mich auf den Punkt der gleichen Karrierechancen, die primär die Punkte Macht und Geld berühren. Neben der sexuellen Komponente sind diese beiden bekanntlich die anderen zwei Haupttriebfedern der Menschheit.

Warum eigentlich "Frauenquote"?

Zugegeben, ich tue mich sehr schwer mit dem Wort an sich. Es beinhaltet von vornherein eine Diskriminierung von Frauen – so weit, so gut. Doch es schwingt in den Diskussionen – so auch an diesem Abend – immer ein bisschen mit, dass ausschließlich Frauen diskriminiert werden und dass dies ausschließlich von Männern ausgeht. Dass Frauen andere Frauen genauso diskriminieren und Frauen ebenso Männer diskriminieren können, fällt häufig unter den Tisch oder bleibt eine Randnotiz. Es kann auch vorkommen, dass Einwürfe dieser Art als "Ablenkungsmanöver" interpretiert werden, was die Sache nur noch schwieriger macht.

Apropos, "Ablenkungsmanöver". Das allergrößte dürfte wohl die im März 2015 in ein Gesetz gegossene Frauenquote sein, denn diese Frauenquote betrifft weniger als 200 der rund 41 Millionen Frauen in Deutschland. Aus meiner Sicht: gut gemeint, weniger gut gemacht – diese Frauenquote riecht nach reiner Symbolpolitik und wird vermutlich absolut nichts bringen; ganz im Gegenteil, wenn's dumm läuft. Doch dazu später mehr im Text.

Familienministerin Manuela Schwesig hatte sich u.a. dafür stark gemacht und der Frauenquote schon allein durch ihr in Attraktivität gehülltes Engagement auch ein etwas anderes Bild gegeben, als jenes das man(n) dem Feminismus auch häufig gern unterstellt, dass Frauen sich primär mit dem Feminismus beschäftigen, wenn sie nicht attraktiv genug seien. Im überspitzten Sinne könnte man im letzten Satz bereits wieder Sexismus vermuten, doch ein Produkt verkauft sich nunmal besser, wenn es auch gut aussieht, auch wenn das Produkt gar nicht so toll ist. Wer das leugnet, hat weder Ahnung von Frauen noch von Männern.

Wo bleibt die Gleichstellung?

Was mich am meisten irritiert am Wort "Frauenquote" ist der Fakt, dass das Thema der Gleichstellung von Frau und Mann völlig unter den Tisch zu fallen scheint. Warum nennt man das ganze dann nicht auch "Gleichstellungsquote"? Eine "Frauenquote" ist für mich genauso anachronistisch wie "Frauenbeauftragte".

Erneut überspitzend könnte man gar von einer Verletzung des Grundgesetzes Artikel 3 sprechen, auch wenn es dort konkret um die Gleichberechtigung und nicht Gleichstellung geht. Was Frauen wollen – aus meiner Sicht und ich mag mich da täuschen – ist keine Frauenquote, sondern gleiche Chancen, gleiche Möglichkeiten wie Männer und weiterführend gleiche Gehälter bzw. Löhne. Gleiche Rechte haben sie ja weitestgehend auf dem Papier schon. Und vermutlich geht es bei der ganzen Diskussion um die Frauenquote letztlich ausschließlich ums Thema Geld.

Was bringen Quoten?

Das erste Mal, dass ich mich mit Quoten beschäftigt hatte, war bei einem Praktikum in Indien Ende der 1990er Jahre. Damals wurden dort mithilfe von Quoten für Kastenlose bzw. untere Kasten versucht, eine Gleichstellung zu erreichen. Die Diskussionen meiner Gästehausmitbewohner – allesamt wissenschaftliche Mitarbeiter in naturwissenschaftlich-technischen Bereichen – drehten sich zumeist um eine Kritik und vermutlich zählten alle zur ersten oder zweiten Kaste. Untere Schichten hätten eine geringe Bildung, daher Unterminierung der Leistungsgesellschaft etc. etc.

Ich beteiligte mich damals nicht an den Diskussionen, weil ich kaum bzw. keine Ahnung weder vom Kastensystem noch von Quotenpolitik hatte, hörte jedoch gespannt zu.

Wenn man das ganze auf die Frauenfrage kombinieren und weiterspinnen wöllte, müsste man konsequenterweise Dutzende Quoten einführen – für Alleinerziehende, für sozial Benachteiligte, ja auch für manche Religion oder Ethnie. Am Ende hätte jede Minderheit ein Recht auf irgendein Privileg und sollte es mittels einer entsprechenden Quote auch bekommen können. Das wäre theoretisch denkbar und klingt erstmal sehr schön, dürfte praktisch jedoch häufig unmöglich und vermutlich mit genau so vielen, wenn nicht gar mehr, Absurditäten verbunden, als es jetzt schon der Fall ist.

Es kann ja nicht schlimmer kommen ...

Zurück zur Veranstaltung ... im Teil, in dem es um die Frauenquote ging, sagte Anne Wizorek in einem Nebensatz sinngemäß, dass man ja jetzt die Frauenquote hätte und das wäre insofern gut, denn schlimmer könne es ja nicht kommen. Mich durchzuckte dabei ein ironisch-sarkastischer Impuls, der mich halblaut lachend sagen ließ "Doch, doch ... sehr wohl".

Ich sprach etwas später auf diesen Nebensatz an und erwähnte lediglich "Nebeneffekte der Frauenquote" als Wortgruppe, deren Ausprägung und Folgen man noch gar nicht abschätzen könne, ließ dabei allerdings offen, was genau ich damit meinte, denn es war eher ein Signal für mich all diese Punkte mal aufzuschreiben, die mir seit einigen Jahren sich vermehrend und unsortiert in meinen Kopf umherschwirrten. Insofern folgt hier nun eine unvollständige Auflistung.

Nebeneffekte der Frauenquote im Allgemeinen und im Speziellen zur momentanen "Frauenquote"

  1. Ganz gleich, ob es Frauen so wollen oder nicht, das Label der "Quotenfrau" wird sich nicht im Nichts auflösen, sondern wird nun endgültig manifestiert. Das kann frau selbstbewusst ignorieren, doch es wird im Raum stehen bleiben, ohne das es jemals ausgesprochen werden wird, weil allein eine solche Erwähnung schon als Diskriminierung geahndet werden kann.
  2. Ob sich Frauen verstärkt auf diese oder jene Stellen bewerben, wo man gern mehr Frauen hätte, hat mit der Frauenquote nur bedingt etwas zu tun. Männlich geprägte Strukturen lassen sich nicht einfach per Gesetz verändern. Bestenfalls kann man einen Impuls auslösen – auch einen, der nach hinten losgehen kann. Denn dieser Hebel – und so verstehe ich den Sinn der momentanen Frauenquote – hebelt vielleicht an einer völlig unnützen Stelle, macht Fässer auf, die kaum eine Frau braucht – zumal der Inhalt durchaus recht bitter schmecken kann – und verschleißt Kräfte für andere Fässer.
  3. Die Frauenquote geht insofern vermutlich vollkommen an viel dringenderen, weil lebensnaheren Themen wie der Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie der Gleichstellung von Mann und Frau vorbei. Frauen wird lediglich das Gefühl vermittelt, dass sie nun auch vollkommen anerkannt sind als Arbeitskraft. Wenn es ums Geschäft geht, spielen Kinder und Privatleben schon jetzt keine große Rolle, mit Frauenquote vermutlich noch weniger, weil es Frau ja so wollte – im Männerclub endlich mitspielen zu dürfen.
  4. Die Frauenquote stellt keinerlei System- oder etwas milder ausgedrückt Strukturfrage – weder was die Arbeitszeiten noch die eigenverantwortliche Flexibilität anbetreffen. Sie hat sich wie der Mann an die Flexibilität des Systems anzupassen, was sie jetzt ohnehin schon tun muss. Nur braucht sie diese Anpassung dann auch nicht mehr kritisieren. Hinkender Vergleich: wer sich ein Auto kauft, braucht hinterher nicht über die Benzinpreise lamentieren.
  5. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass sich ein gewisser Frauentypus durchsetzen wird – jener, der sich der Männerwelt am besten anpassen kann. Ob das eine toughe und selbstbewusste Smarte oder eine weniger helle Kerze auf der Torte ist, die hörig den Chefs nach dem Mund redet oder ob man (oder frau!) nach Attraktivitätsgründen auswählt, bleibt offen. Eine Auswahl nach Kompetenzen und Fähigkeiten war bisher schon möglich, daran ändert auch eine Frauenquote nichts.
  6. Eine weitere Frage scheint mir bisher unbeantwortet – wollen Frauen überhaupt eine Frauenquote? Oder ist das eine Art Prestigeprojekt der Politik und von BefürworterInnen einer speziellen Feminismus-Ausprägung? Mit anderen Worten: fühlen sich Frauen wirklich dadurch angesprochen, haben sie das Gefühl, von einer Frauenquote selbst profitieren zu können oder geht es am Leben der allermeisten Frauen völlig vorbei, wie die momentane Frauenquote?
  7. Darüberhinaus stellt sich die Frage, ob Frauen eine Frauenquote nur wünschen, weil sie nicht als antifeministisch oder altmodisch erscheinen wollen und in den Verdacht kommen könnten, die Emanzipation der Frau oder die weibliche Solidarität zu untergraben? Entsteht durch die Frauenquote u.U. nicht noch mehr intransparente Scheinheiligkeit?
  8. Angenommen der Kapitalismus und das Staatswesen sind in ihrer Entstehung männlich geprägt, bestünde dann die Möglichkeit, dass es sich bei der Frauenquote um einen Pyrrhussieg handelt? Die Schlacht gewonnen, doch eine um ein Stück nahezu unfruchtbares Land?
  9. Der allerdings schwerwiegendste Nebeneffekt ist wohl jener, dass eine Frauenquote nicht scheitern darf. Tut sie das, könnte das die Emanzipation der Frau in Deutschland um Jahre, wenn nicht Jahrzehnte zurückwerfen. Insofern ist es nicht unwahrscheinlich, dass alljene, die von vornherein gegen die Frauenquote waren, nicht weil sie diese konstruktiv kritisiert hatten, sondern tatsächlich patriarchalische Ansichten vertreten, alles tun werden, dass dieses Projekt scheitern wird. Ähnliches ist u.a. bei der Energiewende und beim Thema Mindestlohn zu beobachten. Die VerfechterInnen der Frauenquote werden ihrerseits alles tun müssen, um Erfolge zu produzieren, die sich allerdings nur in Quantitäten messen lassen, weil die Quote ja von Anfang an ein quantitatives Projekt war und qualitative Wirkungen bestenfalls erhofft waren.

Letztlich ist es nicht unwahrscheinlich, dass Männer und Frauen sich irgendwann mal in einer quotengenormten Gesellschaft wieder finden und einige Frauen feststellen werden, dass diese Männerwelt zwar mal ganz interessant erschien, doch es nicht das ist, was sie eigentlich wollten. Und einige Männer werden dann sagen können: "Tja, du wolltest es doch unbedingt so, Schätzchen. Willkommen im Club."

Was wohl sinnvoller wäre?

Ich bin kein Experte in Sachen Feminismus, unterhalte mich allerdings gelegentlich mit Frauen und Männern darüber und habe in diverse Feminismus-affine Bücher reingelesen, sei es in welche von George Sand, Alice Schwarzer, Simone de Beauvoir oder Barbara Sichtermann. Insofern schreibt hier der interessierte, sich fragende Laie.

Einen Punkt sprach Anne Wizorek während der Veranstaltung an und ich möchte ihn hier auch erwähnen, zumal er nicht so neu ist und dennoch in der deutschen Gesellschaft kaum eine Rolle zu spielen scheint: anonymisierte Bewerbungsverfahren. Auch hier können Umwege gefunden werden und als Freund von Transparenz und Offenheit habe ich auch damit so meine Bauchschmerzen, doch es wäre zumindest überdenkbar, ob Bewerbungsverfahren ohne Namen und Bild, wie es z.B. bei diversen Wettbewerben bereits der Fall ist, sinnvoller sind.

Ein weiteres Hauptproblem bei der gesamten Feminismus-Debatte ist für mich, dass Dinge scheinbar in der Theorie oft vermengt und in der Praxis getrennt behandelt werden – daher auch eine Frauenquote. Aus meiner Sicht sollte in der Theorie versuchsweise trennscharf nach Geschlechtern analysiert werden, in der Praxis muss es sich um Politik für Menschen – ohne Bevorzugung eines Geschlechts handeln. Ich hoffe ja, dass mittlerweile die Berufsbezeichnung der "Frauenbeauftragten" der Vergangenheit angehört und sich deutschlandweit "Gleichstellungsbeauftragte" durchgesetzt hat. Nun wäre es an der Zeit, diese Stellen an zwei Personen zu übergeben: eine Frau UND einen Mann als gleichberechtigte Gleichstellungsbeauftragte. Anne Wizorek meinte, dass dies bereits in einigen Kommunen der Fall wäre – was ich ungeprüft mal so stehen lassen möchte.

Eine solche Handhabung muss auch nicht mehr Kosten bedeuten, sondern kann paritätisch als halbe Stelle geschehen bzw. zu einer anderen halben Stelle dazukommen. Selbst wenn es diesbezüglich zu Kompetenzgerangel kommen könnte, wäre eine Chancengleichheit von vornherein gegeben – sowohl von der Innen- als auch der Außenwirkung her.

Mal weiter gedacht, was wären zwei BundeskanzlerInnen bzw. zwei BundespräsidentInnen?

Wenn schon eine Quote für Firmen, weshalb dann nicht eine gleichstellungsbedingte Unternehmenssteuer oder etwas in der Art? Ausgehend vom Optimalwert von 50:50 wird jede Abweichung zu höheren Steuern führen. Damit ließe sich ein qualitatives Ziel über einen quantitativen Ansatz mittels finanzieller Anreize lösen. Hierbei wird es ebenso einige überdenkenswerte Nebeneffekte und Ausnahmen geben und es ist des Weiteren wichtig, es als Anreiz statt als Bestrafung zu gestalten, doch damit würde eine andere Atmosphäre geschaffen als bisher. Zumal dies neben einer Frauenquote auch eine Männerquote bedeuten würde. "Typische" Frauenberufe müssten nun – im umgekehrten Fall – auch für Männer attraktiver gestaltet werden. Und da müssten sich auch der Staat bzw. die Kommunen an die eigenen Nasen fassen, wenn es darum geht, beispielsweise mehr Erzieher oder Krankenpfleger zu bekommen.

Fazit – so weit, so wieauchimmer

Wenngleich hier primär die scheinbar negativen Nebeneffekte einer Frauenquote aufgeführt worden sind, bin ich allerdings mittlerweile zu dem Schluss gekommen, dass Deutschland die Frauenquote offenbar durchmachen sollte. Manchmal lassen sich Projekte nicht aufhalten, wenn Symbolpolitik vermischt mit Kurzsichtigkeit und einer gewissen Unbedarftheit regiert.

In diesem Sinne: Viel Erfolg, Frauenquote – spiel den Hasen, die Igel stehen schon da.

PS: Eine nach Beendigung des Artikel durchgeführte Recherche brachte mich zu der Erkenntnis, dass Anne Wizoreks Buch "Warum ein #AUFSCHREI nicht reicht: Für einen Feminismus von heute" bereits im Oktober 2014 erschienen war. Offenbar war es vollkommen spurlos an mir vorbeigegangen … wie so vieles im Leben ;)

14:21 26.09.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kommentare 1