Wie Asyl bin ich ... und wenn ja, wie viele?

EU-Politik Zwischen zwei gekenterten Flüchtlingsbooten im Mittelmeer frage ich mich: Wozu braucht man eigentlich Asylpolitik?
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Gleich vorweg: ich habe nichts gegen Ausländer.

So ein Satz ist mittlerweile fast Standard und in ihm fehlt nur das kleine Wörtchen "ja", der paradoxerweise den Sinn des Satzes in die tendenzielle Verneinung dreht, weil man sofort einen Nebensatz mit "aber" mithört. Ich persönlich habe nichts gegen Ausländer, weil ich auch nichts für Ausländer habe. Primär sind wir alle Menschen, die in A leben oder von A nach B ziehen wollen, weil sie dort leben wollen. Entweder aus Liebe, irgendeiner anderen Sehnsucht heraus oder aus finanziellen Gründen. Und egal, wo man lebt oder leben will – ohne Geld geht in 99,9 Prozent der Fälle rein gar nichts.

Apropos Geld

Ich frage mich häufiger, was es für einen Sinn macht, rund 10.000 Euro in eine nicht selten tödlich endende Schiffsfahrt zu investieren. Zumal: wenn's wenigstens Schiffe wären. Wer von Afrika nach Europa will, würde mit einem Flugticket plus diversen Nebenkosten dasselbe auch für vielleicht 1.000 bis 2.000 Euro können. Wenn er oder sie denn dürfte.

Das Problem ist nicht technischer Art, auch nicht finanzieller, sondern ein rein bürokratisches. Europa und damit auch Deutschland wollen keine Fremden, selbst welche die einigermaßen Geld hätten. Das ist per EU-Richtlinie 2001/51/EC so geregelt und man schiebt den „Schwarzen Peter“ einfach den Flug- und Schiffgesellschaften zu. Da nimmt man eher in Kauf, dass jedes Jahr mehrere Tausende im Mittelmeer ertrinken und beruft sich ebenso oft auf so genannte christliche Werte, freilich immer an anderer Stelle. So wie's gerade passt.

Die Sache mit der EU-Richtlinie erklärt Hans Rosling in diesem Video etwas eingehender.

Kriegs- oder Wirtschaftsflüchtling?

Mir ist es im Grunde völlig gleich, ob jemand nach Europa kommt, weil in seinem Land Krieg herrscht, er politisch verfolgt wird oder weil er ganz simpel, mehr Geld verdienen will, als es zu Hause möglich ist. Jeder Kriegsflüchtling ist auch ein Wirtschaftsflüchtling, weil in seinem Land die Wirtschaft entweder stark beeinträchtigt ist oder völlig am Boden liegt.

Gerade als Ostdeutscher weiß man, dass es völlig normal ist, dass man aus wirtschaftlichen bzw. finanziellen Gründen umzieht. Die 1-2 Millionen, die in den ersten Jahren nach der Wende gen Westen Deutschlands zogen, sind nichts anderes als Wirtschaftsflüchtlinge gewesen. Die USA sind aus Wirtschaftsflüchtlingen entstanden .... das allerdings auf alles andere als auf friedliche Art und Weise.

Asylfristen

Vor einigen Wochen ergab es sich, dass ich über eine Facebook-Gruppe dazu kam, Flüchtlingen etwas Deutsch beizubringen. Da ich weder eine pädagogische Ausbildung noch viel Praxis habe und darüberhinaus gelegentlich stottere, war es einfach eine "Mal sehen, was bei rauskommt"-Sache, die ich jederzeit abbrechen würde, wenn es nicht funktionieren oder es nichts bringen würde.

Nachdem ich einige kennengelernt habe, möchte ich auch meinen, einschätzen zu können, was einige der Hauptprobleme von Asylbewerbern sind. Ja, es sind primär junge Männer. Das liegt nicht nur an der geschlechtergetrennten Aufteilung in den Wohnheimen, wodurch ich zu ausschließlich männlichen "Schülern" kam, wenngleich es wohl in der Tat primär eher Männer als Frauen oder Familien sind, die Asyl beantragen. Unabhängig von anderen Gründen, ist es auch verständlich, dass man bei einer Fahrt übers Mittelmeer nicht gleich das Leben der gesamten Familie aufs Spiel setzt. Zudem würden nochmals mehrere Tausend Euro drauf kommen, die viele schlichtweg vermutlich dann nicht mehr haben. Schon die Kosten für die Reise allein wurden vermutlich oft zusammengeborgt.

Dass in Europa meistens männliche Asylbewerber ankommen, ist letztlich auch eine Folge der europäischen Asylpolitik, denn wenn sie fliegen könnten, würden vermutlich auch mehr Familien kommen.

Nun sind die Asylbewerber in Deutschland, werden von A nach B delegiert bzw. vielmehr zugewiesen. Das kann man sich als Europäer nicht wirklich vorstellen, denn wer musste sich bei irgendeiner Studien- oder Geschäftsreise schonmal komplett registrieren lassen und wurde dann an ein Asylbewerberheim „vermittelt“. Überall werden vermutlich teilweise heillos überforderte BearbeiterInnen sitzen. Dass man sich auf deutsch unterhalten kann, ist meistens auszuschließen. Auch Englisch ist häufig selten – auf beiden Seiten vermutlich.

Die meisten wollen durchaus arbeiten, dürfen jedoch nicht, so lange das Asylverfahren nicht durch ist. So zumindest mein Verständnis von der Sache. Ergo bleiben sie häufig unter sich, oft auch in ihre Nationalitäten getrennt. Es gibt kaum Berührungspunkte zur Bevölkerung, wo sie quasi "auf der Straße" etwas Deutsch lernen könnten. Stattdessen ist die Situation immer irgendwie in der Schwebe. Das Leben wird zum Fristen, zum Ausharren. Und auch wenn ich weiß, dass sich letztlich nur jeder selbst helfen kann, ist das Ganze alles andere als eine Willkommenskultur, sondern ein bürokratischer Mix aus Eingliedern und Abschieben.

Wirtschaftlicher Nutzen?

Dabei könnten unzählige Jobs entstehen, allein an Deutschkursen. Statt von Zugereisten zu fordern, dass sie Deutsch lernen sollen, wäre es sinnvoller und auch unkomplizierter, eben solche Kurse anzubieten. Und ja, sehr wohl mit Bezahlung, meinetwegen auf dem finanziellen Niveau der Volkshochschulen, wo Kurse um die 4-5 Euro die Zeitstunde kosten (zumindest hier in Dresden).

Was wäre möglich, wenn man Europa wirklich öffnen würde, wie es dieser Kommentar aus der New York Times* empfiehlt?

Eines der derzeitigen Probleme ist freilich, dass die Politik meist schon den fertigen Ausländer haben will. Jener, der gut ausgebildet ist, möglichst noch einen der so genannten Fachkräfte. Man will von der Zuwanderung ausschließlich profitieren statt investieren und profitieren.

Last but not least

Und so lange dieses Verwertungsdenken so bleibt wie es ist, werden noch einige Tausend Menschen im Mittelmeer ertrinken, weil sie ins ach so christliche Abendland wollten, von dem – offen gestanden – im Grunde nichts mehr übrig ist. Ganz zu schweigen von einigen Vorschlägen der EU, wie man mit den Erfahrungen der Mittelmeertoten umzugehen gedenkt. Statt Ursachenanalyse erneut Symptombekämpfung, im wahrsten Sinne des Wortes, wenn man von "zivil-militärischen Operationen" spricht wie der zuständige EU-Kommissar Dimitris Avramopoulos. Im Klartext heißt das bekanntlich: Zerstörung der Flüchtlingsboote noch in Afrika und womöglich militärische Einsätze in Libyen.

Michael Winkler, Dresden, Mai/Juni 2015


PS1: Falls der Link zur New York Times nicht funktioniert, dann ggf. diesen probieren ...
http://www.nytimes.com/2015/05/06/opinion/open-up-europe-let-migrants-in.html?smid=tw-share&_r=1

PS2:
Im Übrigen, kleiner Schwenk zu PEGIDA & Konsorten – Der Islam ist kein Problem für das Abendland, sondern die Abendländer selbst haben dafür gesorgt, dass er zum Problem werden könnte. Und daran hält man sich blind fest, weil das Kehren vor der eigenen Haustüre nunmal schwieriger ist, als jemanden anderen darauf hinzuweisen, dass es vor seiner Haustüre dreckig sei.

19:48 11.06.2015
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