Mihai

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RE: Im Lichte der Variation | 01.02.2012 | 02:53

Genau mit diesen Gegensätzen zwischen Menschen- und Tierinteressen sollte man ehrlich(er) umgehen, finde ich.

Der Artikel folgt der Annahme, dass eine Hauptmotivation des Wissenschaftlers in einem öffentlichen Vortrag darin bestehen muss, seine Arbeit zu legitimieren, evtl. sogar unter Verharmlosung von Missbrauchsgefahren. Dem muss aber nicht so sein. Wahlweise kann man auch eher wollen, sein Feld spannend darzustellen, seine Professionalität zu zeigen, aus dem Elfenbeinturm in die Ikeawelt herabzusteigen, oder auch als guter Mensch verstanden zu werden. All das sollte meiner Meinung nach erlaubt sein und nicht gleich als unbeholfen gelten - und wahrscheinlich hatten die Autoren wenig Einfluss auf die Beiträge der anderen und damit auf die Gesamtwirkung.

Wenn man eine ethische Legitimation der Optogenetik will, gibt es ja durchaus Argumente. Z.B. ist da das Prinzip, zum Erreichen einer wissenschaftlichen Erkenntnis das Leid und Leben von Versuchstieren nach Möglichkeit zu minimieren.

Mit großen Erkenntnissen ist es beim Gehirn jedoch nicht so einfach, weil sich nur ein Bruchteil der Prozesse messen und vielleicht noch weniger kontrollieren lassen. Oft wird das Tier daher zur Entnahme von Hirngewebe getötet, um im wahrsten Sinne Stück für Stück unter kontrollierten und reproduzierbaren Bedingungen die Funktionsweise kleinster Wirkkreise zu verstehen. Nach vielen Wiederholungen (und Tötungen) hofft man, die Puzzleteile letztlich zu höheren Hirnfunktionen zusammensetzen zu können. Ich habe keine Erfahrungen mit Optogenetik, aber mir scheint, als böte sie immense Möglichkeiten zur Abkürzung. Spezifisch Neurone mit wenig Aufwand im intakten Gehirn zu stimulieren und das Verhalten zu beobachten, könnte viel schneller zu bedeutenden Aussagen führen, als es bisherige Methoden vermögen.

Möglicherweise ist diese Konsequenz, Leben zu sparen, für einen Wissenschaftler aber auch zu offensichtlich und banal. Ziemlich selbstverständlich wird in Publikationen vom "Opfern" der Versuchstiere geschrieben (eine seltsam religiöse Wortwahl), und den meisten ist die Tragweite ihres Handelns auch durchaus bewusst. Mehr jedenfalls, behaupte ich, als dem durchschnittlichen Esser vor seinem täglichen Stück Fleisch.

Vielleicht sollte tatsächlich in der öffentlichen Kommunikation ehrlicher und zwangloser mit den zu Grunde liegenden Werten und Risiken umgegangen werden, so gibt es kein Verschweigen, kein Misstrauen. Aber gilt das nur für die Wissenschaft? Wie oft wird während einer Kochsendung das Halten der Tiere thematisiert? Wie oft vor einem Boxkampf Risiken und Lustgewinn abgewogen? Es ist alles nicht so einfach, vor allem, wenn - wie in öffentlichen Vorträgen - auch der Unterhaltungswert eine Rolle spielt.