„Multitasking? Ein Mythos“

Pling! Der Journalist Matt Richtel recherchierte, wie unser Umgang mit elektronischen Geräten unser Verhalten und unser Leben verändert. Wie nutzt er sein Handy?

Warum checke ich ständig meine E-Mails? Die Frage haben sich die meisten schon mal gestellt, aber niemand hat sie tiefer ergründet als Matt Richtel. Richtel ist kein rückwärtsgewandter Technikverachter – dieses Interview gab er uns per Skype –, er ist bloß ein hartnäckiger Journalist, der von März bis November 2010 nichts anderes tat, als den weltweit führenden Forschern „dumme Fragen“ zu stellen. Er wollte herausfinden, was Facebook, E-Mail und Twitter mit unserem Gehirn, mit unserem Leben machen. Er fragte, bis er Antworten erhielt, die er verstand. Jetzt fragen wir ihn.

Der Freitag: Mr. Richtel, Sie haben den Pulitzerpreis gewonnen für Ihre Arbeiten zu der Frage, wie das Internet und vor allem Smartphones unseren Arbeitsalltag verändern. Was hat Sie bei Ihren Recherchen am meisten überrascht?

Matt Richtel: Das Faszinierendste war die Entdeckung, dass die Kommunikationstechnologie, mit der wir täglich arbeiten, suchterzeugend ist. Wir bekommen einen Kick, wenn unser Smartphone uns über eine eingegangene E-Mail informiert. Dieses Pling löst einen einfachen neurologischen Prozess aus, das Glückshormon Dopamin wird ausgeschüttet, das uns jedoch nur kurzfristig befriedigt. Mit der Folge, dass wir suchtartig unsere Geräte mit großer Regelmäßigkeit checken, anstatt zu arbeiten.

Machen die Angebote unterschiedlich süchtig? Ist Facebook zum Beispiel Marihuana, E-Mail Kokain und SMS nur ein Bier?

Wie die Wissenschaft sich heute der Kommunikation nähert, erinnert daran, wie die Forschung sich einst der Frage nach der Ernährung näherte. Man wusste, dass Ernährung lebensnotwendig ist, aber man kannte noch nicht die unterschiedliche Wertigkeit von einem Salat im Vergleich zu einem Schoko-Riegel. Genauso ist es mit der Kommunikationstechnologie: Im 21. Jahrhundert brauchen wir sie, um zu überleben. Und was Forscher heute erkennen, ist, dass es wohl Technologien gibt, die wie ein Salat sind, und andere, die eher an Fastfood erinnern. Wenn wir zu viel von letzterer Technologie konsumieren, wird sie uns schaden.

Das klingt etwas kulturpessimistisch. Wie viel ist denn zu viel?

Durchschnittlich besuchen wir während der Arbeitszeit 40 verschiedene Webseiten, wechseln 36 Mal pro Stunde zwischen den Programmen auf dem PC hin und her, konsumieren dreimal so viel Information wie noch vor 30 Jahren.

Ist das nicht auch kreativitäts­fördernd? Wenn ich arbeite, checke ich ab und zu meine E-Mails, surfe auf Facebook, um auf neue Ideen zu kommen und …

… Moment, wann genau machen Sie das?

Ehrlich gesagt immer dann, wenn ich nicht mehr weiterkomme im Text, immer wenn ich mit einer Formulierung hadere.

Symptomatisch. Wir suchen nicht Zerstreuung, wir drücken uns vor Schwierigkeiten. Wir prokrastinieren. Aber – und in diesem Punkt sind sich die Forscher einig – jedes Mal, wenn Sie sich selbst unterbrechen, zahlen Sie den Preis. Sie müssen sich hinterher wieder neu orientieren, was sehr viel Zeit und Energie kostet. Vor allem wird es der Kontinuität Ihrer Gedanken schaden. Die Frage ist also: Wie oft unterbrechen Sie sich?

Oft. Sehr oft.

Es ist interessant, sich selbst zu beobachten, wie häufig man vor Schwierigkeiten flüchtet.

Aber warum sind wir so leicht ablenkbar?

Stellen Sie sich vor, Sie leben vor Tausenden von Jahren in der Savanne und sind dabei, eine Hütte zu bauen. Plötzlich taucht ein Löwe auf. Ihr Gehirn wird angesichts des Löwen alle anderen Informationen blockieren, und Ihnen befehlen, wegzurennen. Das ist der Überlebenstrieb.

Gut, ich sehe den Löwen quasi vor mir.

In diesem Beispiel sind zwei Bereiche Ihres Gehirns involviert: Die Frontallappen sind zuständig für das Langzeitdenken, es geht um das Errichten der Hütte. Und dann gibt es den somatosensorischen Cortex. Das ist der Part, der den Löwen wahrnimmt und Ihnen mitteilt: Lauf! Das Langzeitdenken wird in diesem Moment „überschrieben“, wie man in der Neurologie sagt. Wenn Sie nun eine E-Mail erhalten, wird Ihr somatosensorischer Cortex bombardiert mit der Nachricht: Gib mir Aufmerksamkeit, ich bin ein Mini- Löwe. Diese Information überschreibt Ihr Langzeitdenken, das in Ihrem Fall nicht mit dem Bau einer Hütte, sondern mit dem Schreiben eines Artikels oder mit Ihren Kindern beschäftigt ist.

Gibt es nicht auch Wissenschaftler, die sagen, dank SMS- Schreiben, Surfen und Twittern arbeiten wir besser?

Natürlich, und das stimmt ja auch. Die technischen Errungenschaften können unsere Arbeitseffizienz erhöhen. Aber das Problem ist ein anderes: Wenn wir auf unseren Blackberry schauen, dann hat das noch immer den Anschein von Produktivität. Tatsächlich aber lenken wir uns von der Arbeit ab.

Noch mal, ist es nicht doch auch stimulierend – auf eine gute Ar

t

?

Okay, man sieht, zumindest in den USA, einen steten Anstieg des durchschnittlichen IQs. Andererseits hat man in Stanford eine Studie durchgeführt, die zeigte, dass sogenannte Multitasker, also Menschen, die ständig verschiedene mobile Geräte nutzen, kreative Aufgaben schlechter und weniger effektiv ausführen. Wir wissen nicht, ob diese Multitasker auch sonst leicht ablenkbar sind, aber die Hypothese der Forscher ist: Multitasker schneiden kreativ schlechter ab. Noch ist nichts bewiesen, aber die Hinweise deuten in diese Richtung.

Angestellte arbeiten immer mehr in Projekten und offenen Umgebungen, Konzentration ist Mangelware. Sie sollen mobil, flexibel, multitasking-fähig sein. Die Deutsche Bank verlangt von Praktikanten ausdrücklich solche Fähigkeiten. Macht sie sich was vor?

Ich halte Multitasking für einen Mythos.

Das müssen Sie erklären.

Wenn Sie sich in einem Restaurant mit einer Person unterhalten, können Sie nicht zeitgleich einem Gespräch lauschen, das hinter Ihrem Rücken an einem Tisch stattfindet. Sie können höchstens Gesprächsfetzen wahrnehmen. Jetzt übertragen Sie das auf eine Arbeitssituation: Sie haben den Browser geöffnet, sprechen am Telefon, werfen einen Blick auf Ihr Mobiltelefon oder überfliegen Ihre To-Do-Liste. Das ist kein Multitasking, Sie machen das nicht alles zeitgleich, sondern wechseln schnell zwischen den verschiedenen Tätigkeiten. Und jede Studie beweist: Wenn Sie zwischen verschiedenen Aufgaben hin und her springen sinkt Ihre Effektivität in jeder einzelnen beträchtlich.

Ist diese Gleichzeitigkeit nicht für die nächste Generation eine Selbstverständlichkeit? Ist nicht unser Unbehagen das gleiche, das unsere Großeltern spürten, als der Fernseher eingeführt wurde?

Vielleicht. Andererseits wird derzeit intensiv dazu geforscht, wie sich entwickelnde Gehirne, also solche von Kindern oder Jugendlichen, von der heftigen Technologie-Nutzung beeinflusst werden. Die vorläufigen Ergebnisse sind erschreckend: Die sogenannten Digital Natives haben Probleme, Prioritäten zu setzen. Es fällt ihnen schwer, Facebook-Updates, Anrufe oder E-Mails zu ignorieren, sie sind leichter ablenkbar. Und jedes Mal, wenn sie ihre E-Mails checken, wenn sie das Handy-Vibrieren in der Hosentasche spüren, bekommen sie eine Dopamin-Injektion im Hirn. Mit der Zeit scheinen sie eine Abhängigkeit von dem Dopamin-Kick zu entwickeln, die dazu führt, dass sie immer mehr nach dieser Ablenkung verlangen.

Eine neuere Erscheinung ist der fließende Übergang von Arbeitszeit und Freizeit. Weil wir in der Arbeitszeit zu viel Freizeit haben, uns also ablenken, haben wir keine Freizeit in der Freizeit. Ist das ein Zeichen der von Ihnen beschriebenen Abhängigkeit?

Vielleicht. Auf jeden Fall unterstützen die mobilen Geräte diesen von Ihnen beschrieben Prozess. Wir sind jederzeit erreichbar, aber auch jederzeit ablenkbar.

Können wir uns disziplinieren?

Das ist sehr schwierig. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Ein 16-Jähriger kam bei einem Autounfall ums Leben, weil eine andere Fahrerin seinen Wagen rammte, während sie eine SMS schrieb. Der Vater des gestorbenen Jugendlichen war ein leidenschaftlicher, fast zwanghafter Handybenutzer. Aber selbst nach dem durch ein Mobiltelefon verursachten Tod seines Kindes war es ihm unmöglich, nicht während des Autofahrens zu telefonieren. Er musste einfach rangehen, wenn es klingelte. Also legte er vor jeder Fahrt sein Telefon in den Kofferraum. Es gibt also zwei Möglichkeiten, mit Ablenkung umzugehen: Sie können sich disziplinieren, nicht ranzugehen. Das ist schwer. Oder Sie legen das Gerät an einen unerreichbaren Ort.

Wie machen Sie es persönlich?

Ich versuche eine scharfe Trennung von Arbeit und Beruf. Samstags benutze ich kein Smartphone. Das klingt banal, ist aber schon ein großer Schritt. Ich mache das nicht nur, weil ich es meiner Familie schuldig bin, sondern wegen der in der Neurologie als sehr wichtig erachteten downtime. Jüngere Forschung zeigt, dass unser Gehirn, wenn es sehr stimuliert wird, sehr viel Aktivität erzeugt. Aber erst wenn wir unserem Gehirn eine Auszeit gönnen, kann diese Aktivität umgesetzt werden in Lernen.

Was passiert, wenn wir keine Auszeit haben?

Wenn wir in unseren ruhigen Minuten ständig mit unserem Handy spielen? Wenn wir, während wir an der Kasse stehen, E-Mails checken? Die meisten Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass das online aufgenommene Wissen nie verarbeitet und also auch nie in Wissen übersetzt werden kann.

Wie lange dauert ein kalter Entzug von mobilen Geräten?

Wissenschaftler sprechen von dem Drei-Tage-Effekt. Nach drei Tagen ohne Arbeit beginnt man, sich ein wenig zu entspannen. Vielleicht schläft man etwas tiefer. Vielleicht schaut man etwas seltener auf sein Smartphone. Vielleicht wartet man ein wenig länger, bis man eine Frage beantwortet.

Haben Sie Ihr Leben geändert?

Nicht wirklich. Aber ich treibe jeden Tag Sport und halte jeden Tag einen 20-minütigen Nachmittagsschlaf. Wenn ich schreibe, dann in öffentlichen Cafes, die kein Internet bieten. Ich merke an mir selber, und das kennt sicher jeder: Wenn ich wirklich konzentriert bin, dann bin ich meistens offline.

Stellen Sie sich für einen Moment die Zukunft der Arbeit vor. Kommen die Offline-Büros?

Sie werden lachen, aber einige der führenden Firmen im Silicon Valley – wie Intel, Microsoft, IBM –

experimentieren mit neuen Arbeitsformen. Die Kernidee lautete: Was passiert, wenn wir unsere Angestellten mit weniger Technologie arbeiten lassen? Es ist paradox, die Erfinder der großen Ablenkung haben sich gefragt: Wie wäre es mit einem No-E-Mail-Friday? Um also Ihre Frage nach der Zukunft zu beantworten: Ich denke, wir müssen smarter werden im Umgang mit Technologie.

Das Gespräch führte Mikael Krogerus. Er benutzt neuerdings das Internet nur noch von 10 bis 16 Uhr.

Matt Richtel ist Reporter der New York Times und schreibt über neue Technologien. Für eine Reportage-Serie über Multitasking (Distracted Driving) erhielt er 2010 die in den USA höchste Auszeichnung im Journalismus, den Pulitzerpreis. Nebenbei schreibt Richtel Thriller (Süchtig, Heyne 2008). Sein neuer (Devils Plaything) verhandelt unter anderem die Gefahren übermäßigen Technologiekonsums.

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13:50 03.02.2011
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Ausgabe 41/2021

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