Asphaltstreichler

Alltagskino Unser Kolumnist sieht ein Tanzvideo auf Youtube – und empfiehlt es hiermit allen Männern, die Tanzen für schwul halten, und Jugendlichen, die ihr Glück im Fußball suchen

Was habe ich gesehen?

RIP Rich D 2009, Laufzeit: 3 min 57, von Yoram Savion

Warum habe ich es gesehen?

Mein Video-Dealer führte nicht den geplanten Soylent Green, und seit Pirate-Bay-Gründer Peter Sunde Kolmisoppi öfter in U-Haft als am Rechner sitzt, ist man vorsichtig geworden mit dem Downloaden von Filmen. Draußen regnete es, die Kinder hatten aufgrund einer schulinternen Weiterbildung frei, an Arbeiten war nicht zu denken – also waren wir auf Youtube unterwegs.

Worum geht es?

Vier jugendliche Mitglieder der kalifornischen Tanzgruppe Turf Feinz stehen im Regen an einer Kreuzung in East Oakland, Kalifornien. Ein Polizeiauto fährt vorbei. Ein bisschen Ghettostimmung kommt auf, irgendwo zwischen Langeweile und sozialer Spannung. Dann ertönt plötzlich hoffnungslosvolle Musik ("Rich" von Mutiny Productions), und die Jungs beginnen zu tanzen. Was heißt tanzen? Sie schweben über die verregnete Kreuzung in einer Art, wie Sie es, liebe Leser, falls Sie diesen Clip noch nicht kennen, noch nie gesehen haben. Sie streicheln den Asphalt, trotzen der Schwerkraft. Sie sind elegant und traurig und stolz zugleich. Es ist eine Art Totentanz. Einer der Tänzer hat an dieser Kreuzung seinen Bruder, "Rich D", verloren.

Was bleibt?

Kürzlich war in Das Magazin, der Beilage einer Schweizer Tageszeitung, etwa dem ZEIT-Magazin vergleichbar, ein Beitrag zu lesen, warum "wir" Männer nicht tanzen können. Die haarsträubend-biologistische These des Schreibers ging in etwa so: Männer tanzen nur, wenn sie betrunken sind, Sex wollen oder schwul sind. Frauen hingegen seien praktisch geboren, um zu tanzen. Nun ja. Die Jungs im Video erzählen eine andere Geschichte. Mein Favorit ist der in der roten Jacke, No Noize.

Was tanzen die da?

Die Jungs bewegen sich im Stil des sogenannten Turfing. Turf – ein Akronym für "Taking Up Room on the Floor" – ist eine Breakdance-Spielart, die in den 1980ern in Oakland entstand und so schön ist, dass man vor Glück weinen möchte. Es ist praktisch das Gegenstück zu dem elenden One-liner "Dance like nobody is watching". Diese Jungs tanzen, damit alle sie watchen.

Der Film in einem Satz:

"Ich würde nur an einen Gott glauben, der zu tanzen verstünde." (Friedrich Nietzsche)

Wer sollte es sehen?

Männer, die tanzen schwul finden, und Jugendliche, die glauben, ihr Glück läge im Fußballverein.

Was sehe ich als nächstes?

Eat the rich.

Unser Kolumnist Mikael Krogerus sieht jede Woche einen nach Lust, Laune und Gelegenheit ausgewählten Film. Vergangene Woche sah er seine Lieblings-Simpsons-Folge.

16:00 18.02.2011
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