Bananen ins Büro

52 Filme - 52 Wochen Mikael Krogerus schaut 20 Stunden "Kommissarin Lund". Der Fall fesselt ihn, aber er fragt sich dann: Warum dürfen Frauen eigentlich nicht einfach ihren Job machen?

Was habe ich gesehen?
Forbrydelsen (Das Verbrechen – Kommissarin Lund, 2007), Laufzeit: rund 20 Stunden (20 Folgen à 55 Minuten).

Warum habe ich es gesehen?

Ich halte Dänemark für das begabteste europäische TV-Land.

Worum geht es?

Wer hat Nanna Birk Larsen getötet? In Kopenhagen wird ein Schulmädchen ermordet aufgefunden. Sie wurde zuvor mehrfach vergewaltigt. Die Eltern sind verzweifelt, wollen Gerechtigkeit, wollen Rache. In 10 nervenzerreißenden Episoden verfolgen die eigensinnig-leidenschaftliche Kommissarin Lund und ihr charakterlich schwieriger Kripo-Partner den Mörder des Mädchens. Die Aufklärung gestaltet sich als schwierig. Die Spuren führen mitten hinein in den Bürgermeister-Wahlkampf. Jeder benimmt sich verdächtig und in fast jedem Abschnitt kommt eine neue, zutiefst dubiose Figur hinzu. Egal wohin sich Lund wendet: überall menschliche Abgründe.

Wer war es?

In Dänemark gab es während der Ausstrahlung der Serien eine Reihe Wettbüros, die auf den Ausgang der Serie setzten, nach der ersten Staffel waren die Favoriten: Bürgermeisterkandidat Troels Hartmann (Odds: 2,50), der Mitarbeiter des Vaters des Mordopfers Vagn Skærbæk (3,75). Dann der Lehrer Rama (6,00), Vater Theis Birk Larsen (8,00), Ex-Freund Oliver (10,00), und Co-Kripo-Ermittler Jan Meyer (15,00). Mitte der zweiten Staffel änderten sich die Wettquoten: Bei Morten Weber bekam man 3,65 Mal seinen Einsatz. Dann kam Vagn Skærbæk (4,00), Sarah Lunds Partner Bengt (4,50), Vater Theis Birk Larsen (5,25). Das Finale sei hier nicht verraten.

An was erinnert die Serie?

In den stärksten Momenten an Twin Peaks, der Mutter aller Serien. Ansonsten ist Kommissarin Lund wie ein sehr, sehr guter Tatort, gestreckt auf 20 Stunden.

Was bleibt?

Interessant ist die ambivalente Darstellung der Kommissarin: Einerseits wird sie tough und feministisch dargestellt, sie will den Fall lösen und dafür muss die Familie hinten anstehen; ihr Sohn und ihr Freund sind zweitrangig. Sie hat also traditionell "männliche" Eigenschaften, ist mit ihrem Beruf verheiratet. Ich denke: Cool, dass Frauen auch mal so sein dürfen, so gezeigt werden! Aber: Das wird im Film dann doch nicht ganz durchgehalten, der Konflikt mit ihrem Privatleben wird groß behandelt, eben weil sie eine Frau ist. Ihr männlicher Kollege Meyer ist genauso versessen auf den Fall, hat aber offenbar keinen Privat-Konflikt; seine Frau bringt ihm sogar Bananen ins Büro. Fazit: Männer, die mit ihren Berufen verheiratet sind, dürfen das einfach sein. Man könnte argumentieren: Die Serie stellt es so dar, wie es wirklich ist. Frauen dürfen erfolgreich sein, aber sie bezahlen einen Preis. Okay. Aber wäre es andererseits nicht an der Zeit, wenn endlich mal erzählt würde: Hier ist eine Frau, die macht ihren Job, und für was anderes interessiert sie sich nicht. Punkt. Und dann nicht den beleidigten Freund und den vernachlässigten Sohn und die frustrierte Mutter in die Serie einführen.

Das sagt meine Frau:

Toll, dass die üblichen Tatort-Ingredienzien wie Liebe, Sex, Zärtlichkeit und Gewalt eher marginal sind.

Wer sollte es sehen?

Tatort-Fans, die sich von der 90-minütigen schnell-schnell-Narration verarscht fühlen.

Was sehe ich als nächstes?

Sorcerer.

Unser Kolumnist Mikael Krogerus sieht sich jede Woche einen Film an oder auch mal eine ganze TV-Serie. Vergangene Woche hat er allerdings den gemacht.Bechdel Test

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14:00 30.04.2010
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Ausgabe 15/2021

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