Der Sinnsucher

Im Gespräch Wie es sich anfühlt, wenn man mit 30 noch nichts erreicht hat, weiß Marko Doringer genau. Er hat einen Dokumentarfilm über die Sorgen und Nöte seiner Generation gedreht

Der Freitag: Herr Doringer, als Sie 30 wurden, hatten Sie eine Art Start-Life-Crisis. Sie wussten nicht, wohin mit sich. Darüber haben Sie einen erfolgreichen Film gedreht:

Marko Doringer:

Ich kann nicht für eine ganze Generation sprechen, aber meine Probleme handelten von einer zunehmenden Unsicherheit, was meinen Lebensentwurf betraf. Ich war freier Filmemacher, also eigentlich das, was ich immer werden wollte. Aber ich hatte keine klaren Lebensverhältnisse, kein regelmäßiges Einkommen, keinen Baussparvertrag, keine Frau und keine Kinder – noch nicht mal eine Freundin!

Das hört sich nach konservativen Zielen an.

Nein, ich hatte dieses unsichere Leben ja durchaus bewusst gewählt, weil es mir eine große Freiheit schenkte, aber dann kam halt doch immer wieder diese innere Stimme, die mir Angst machte.

Wer sprach da, Ihre Eltern?

Natürlich waren das die Werte meiner Eltern, die mich irgendwie einholten. Sie übten keinen Druck aus, aber ich denke, dass wir weniger frei sind von dem, was unsere Eltern uns vorleben, als wir uns eingestehen wollen.

Glauben Sie, Ihre Eltern hatten es leichter?

Es ist sicher so, dass der Leistungsdruck in unserer Gesellschaft weiter steigt. Ich weiß nicht, ob unsere Eltern früher als wir heute wussten, was sie wollen, oder einfach früher wissen mussten, was sie sollen. Ich glaube, dass es sehr vielen unserer Eltern so gegangen ist, dass sie sich sehr früh für etwas entscheiden mussten und dann im Laufe ihres weiteren Lebens vielleicht darauf gekommen sind, dass das nicht unbedingt das ist, was sie eigentlich wollen. Das ist bei meiner Generation anders – nicht bei allen, das gilt nur für ein bestimmtes soziales Milieu. Wir haben die Zeit,

uns zu fragen: Wie will ich leben? Ich will nicht klagen, denn ich wollte ja genau nicht so leben wie mein Vater, der vielleicht mit 30 schon wusste, was er mit 60 machen wird. Aber wenn ich aus 100 Sachen auswählen kann, ist es schwieriger, mich zu entscheiden, als wenn ich zwei Sachen zur Wahl habe. Denn ich muss ja auch auf 99 andere Sachen verzichten.

Das ist doch Quatsch. Haben wir wirklich 100 Möglichkeiten? Könnten Sie wirklich auch Hausmann oder Dirigent oder Hebamme werden?

Wenn Sie mich beim Wort nehmen, antworte ich: ja. Wir – die westeuropäische Mittelschicht – haben im Großen und Ganzen diese Möglichkeiten.

Eines der großen Themen Ihres Films ist die Frage Kind oder Karriere? Was verspricht man sich als 30-Jähriger eigentlich von dem einen und dem anderen?

Ich würde diese Frage anders stellen: Wie bekomme ich Kind und berufliche Selbstverwirklichung zusammen? Da spiegelt sich ein Problem unserer Generation wider: Dass wir eben nicht verzichten wollen. Es geht nicht um das Entweder-oder, sondern darum, dass wir alles haben wollen! Wie bringen wir die Dinge zusammen? Darüber zerbrechen wir uns dann manchmal so lange den Kopf, dass wir erst recht nicht zu einer Entscheidung kommen ...

Wenn Sie dann mal in punkto Kind eine Entscheidung gefällt haben: Wie steht es eigentlich um die Emanzipation Ihrer Generation?

Ich mache nur ungern allgemeine Statements zu meiner Generation, aber ich fürchte, dass wir konservativer sind, als wir zugeben wollen. Anfangs heißt es: Wir machen alles anders, wir sind gleichberechtigt, und wenn das Kind dann da ist, tauchen schnell die alten, längst überwunden geglaubten Rollenmuster wieder auf. Da soll der Mann das Geld ranschaffen und die Frau zuhause bleiben.

Wie erklären Sie sich das?

Ich denke, dass die gesellschaftlichen Muster, in denen wir leben, starrer sind als wir glauben wollen. Es reicht eben nicht, theoretisch etwas gut oder schlecht zu finden. Die praktische Umsetzung ist ­ungemein schwierig und fordert viel Zeit.

In dieser Frage gibt es also keine 100 Möglichkeiten?

Auch die alten Rollenbilder zählen zu den 100 Möglichkeiten.

Was haben Sie mit 30 ganz konkret als die größte Bedrohung erlebt?

Die erwähnte hohe Flexibilität der Leistungsgesellschaft. Das erfordert sehr viel.

Verstehe ich Sie richtig: Sie erlebten die hohen Anforderungen des Arbeitsmarktes als die größte Bedrohung unserer Zeit? Was ist mit den Polarkappen? Welthunger? Nahost? Finanzkrise?

Wenn Sie speziell nach den Problemen der heute 30-Jährigen fragen, dann liegt bestimmt eine große Angst in der persönlichen Unsicherheit. Aber wenn es um die Welt geht, um die Menschheit generell, dann würde ich auch die von Ihnen erwähnten Themen nennen.

Ist es typisch für Ihre Generation, dass sie so denkt: erstmal ich, dann die Welt?

Das würde ich nicht sagen. Wir sind ja nicht unpolitisch. Aber die Konflikte sind heute weniger greifbar als noch in den Sechzigern oder Siebzigern. Mit Demonstrationen und Steinewerfen kann man heute kein politisches Statement abgeben. Heute gibt es ein anderes politisches Gesicht als 1968.

Wie sieht das politische Gesicht Ihrer Generation aus?

Diese Frage will ich unbeantwortet lassen.

Was ist das dringlichste politische Problem?

Medial-politische Angstmache und die Klimaveränderung.

Was haben Sie persönlich schon dagegen unternommen?

Gegen die Angstmache drehe ich Filme… Und was das Klima angeht, tja, da muss ich, glaube ich, noch ein wenig nachholen.

Was muss passieren, damit Sie etwas unternehmen?

Gute Frage, wahrscheinlich muss es zur Katastrophe kommen.

Ältere Generationen werfen der Ihrigen manchmal vor, dass es Ihnen zu gut gehe, was sagen Sie denen?

Auch meiner Elterngeneration ging es ja schon nicht schlecht – und ihnen wurde von ihren Eltern dasselbe vorgehalten. Außerdem finde ich, dass wir uns nicht dafür schämen sollten, dass es uns gut geht – zumindest nicht gegenüber unserer Eltern-Generation. Vielleicht spielt da sogar ein gewisser Neid unserer Eltern mit: Dass sie, wenn sie unser Leben heute sehen, denken: „So hätten wir es auch gerne gemacht!“

Darf man als 30-Jähriger eigentlich nostalgisch sein oder macht man sich damit total lächerlich?

Na ja, das passiert mir schon auch. Mit 30 blickt man halt zum ersten Mal zurück, man spürt, dass man nicht alles im Leben erreichen wird, dass nichts ewig ist, dass viele Träume platzen. Man beginnt sich an die eigene Jugend zu erinnern, und wenn das passiert, dann ist das ein untrügliches Zeichen dafür, dass deine Jugend vorbei ist.

In Ihrem Film bearbeiten Sie diese Krise, indem Sie auch drei Freunde porträtieren, Thomas, Katha und Martin, die alle unterschiedliche, aber auch typische 30er-Probleme haben. Können Sie die drei kurz vorstellen?

Thomas ist Manager, lebt im Ausland, er hat auch keine Sicherheiten, aber sein Ziel ist es, Karriere zu machen. Katha ist Modedesignerin und hat nichts von dem, was sich unsere Eltern wünschen: Sicherheit, Eigenverantwortung, Rücklagen, dazu kommt bei ihr noch das Thema der biologischen Uhr. Martin hat als Journalist ein festes Einkommen, kann sich aber im Gegensatz zu Katha nicht verwirklichen. Er ist, wie er selber sagt, ein Lohnsklave und will aus diesen Fessel ausbrechen, um etwas für sich zu machen.

Hat einer dieser Freunde es besser gemacht als Sie?

Das war ja der Ausgangspunkt des Films. Ich hab die Krise mit 30 und bin mir unsicher, wo ich im Leben stehe. Ich weiß, dass ich noch nicht sehr viel erreicht habe, keinen festen Job, keine Rücklagen, keine Familie, kein Haus und so weiter. Da war ich natürlich neugierig, ob die anderen das anders oder sogar besser machen. In der Krise scheinen erstmal viele Dinge, die die anderen machen, besser als die eigenen, weil man ja mit den eigenen unzufrieden ist. Aber als persönliches Ergebnis nach dem Film kann ich sagen: Ich bin eigentlich mit dem Leben, das ich für mich gewählt habe, sehr zufrieden.

Wenn Sie Ihrer Generation einen Ratschlag geben könnten, welcher wäre das?

Ach, ich weiß nicht. Ihr Journalisten wollt immer so einen Titel haben. Einen Satz, in dem alles drinsteckt. Ich finde das falsch, Menschen sind viel zu komplex, unsere sozialen Systeme auch, da fällt es mir schwer, anderen zu sagen, wie sie leben sollen. Was ich selbst durch den Film gelernt habe, ist, dass die Unsicherheiten, die mich vermeintlich so gequält haben, mein Leben erst spannend machen. Die Unvorhersehbarkeit ist genau das, was mein Leben ausmacht. Ach ja, einen Rat vielleicht.

Gern.

Es ist wichtig, sich den Krisen zu stellen. Noch in der Generation meiner Eltern galt man ja als irre, wenn man zum Psychiater ging. Das ist etwas, das uns unterscheidet von den Eltern und über das wir froh sein sollten: Wir beschäftigen uns heute mehr mit unseren Emotionen.

Gibt es ein Buch, das Ihr Generationsgefühl verkörpert?

Als ich mit dem Film anfing, las ich Ingeborg Bachmanns

Das Gespräch führte Mikael Krogerus

Marko Doringer hat ein Problem: Er ist 30 geworden. Darüber hat der Österreicher einen kleinen, klugen Dokumentarfilm gedreht. Der Film versucht im Prinzip nichts anderes als zu ergründen, was uns daran hindert, glücklich zu sein. Doringer trifft drei Freunde, spricht sich mit seinen Eltern aus seine Sorge lässt sich in dem Satz zusammenfassen: Ich habe nichts, ich bin nichts und in 30 Jahren bin ich tot. Tagebuchartige Reflexionen vermischen sich mit Gesprächen zwischen ihm und seinen Freunden, ihm und seinem Psychiater, ihm und seinen Eltern. Verhandelt werden die ganz großen Themen dieser Generation Beruf, Liebe, Familie, Eigenverantwortung, Sicherheit, Unabhängigkeit Themen, die nach 93 Minuten eher klein und banal erscheinen. Es ist ein typischer Coming-of-Age-Film, der aber die Antwort nicht wie etwa literarische Vorläufer wie The Beach oder On the Road in der Extrem-Erfahrung sucht, sondern eher in einer stillen Reise ins Innere. Das ist weniger aufregend. Aber vielleicht ein Stück weit ehrlicher. MK

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21:00 11.11.2009
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Ausgabe 42/2021

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