Der Zellkämpfer

Dr. Krebs Beinahe jeder zweite Mensch erkrankt in seinem Leben an Krebs. Warum? Antworten des zur Zeit gefragtesten Onkologen der Welt: Siddhartha Mukherjee

Der Freitag: Herr Mukherjee, warum haben Sie als junger Facharzt für Krebs ein Buch geschrieben?

Siddhartha Mukherjee:

Es begann eigentlich mit einer Frage einer meiner Patientinnen. Sie litt an Unterleibskrebs, hatte bereits mehrere Rückfälle und sagte zu mir: „Ich kann mit der Behandlung weitermachen, aber ich muss wissen, wogegen ich eigentlich kämpfe.“ In diesem Moment fühlte ich mich sehr gedemütigt: Ich konnte ihre Frage nicht beantworten. Ich konnte ihr auch keinen Hinweis auf ein gutes Buch geben, denn die Bücher, die es über Krebs gab, waren vor allem Ratgeber. Ich empfand das als eine Beleidigung! Es gibt eine unglaubliche Diskrepanz zwischen dem Wissensdurst der Patienten und dem Angebot der Verlage. Krebs ist die überragende Krankheit unserer Zeit, und in den Buchhandlungen findet man darüber nur Selbsthilfebücher mit Diättipps. Keines davon kann eine Antwort auf die eine große Frage geben: Was ist Krebs eigentlich?

Und so haben Sie sich entschlossen, eine Biografie dieser Krankheit zu schreiben. Was meinen Sie heute, ist Ihnen das gelungen?

Lange Zeit hieß mein Buch einfach nur „Eine Geschichte des Krebses“. Aber kurz bevor ich fertig wurde, fiel mir auf, dass ich das Porträt einer Krankheit gezeichnet hatte, die sich fortlaufend ändert. Meine Hauptfigur war in permanenter Wandlung begriffen, deshalb habe ich das Buch dann „eine Biografie“ genannt. Aber ich personifiziere nicht. Sie werden in meinem Buch keine „Person“ antreffen. Aber Sie werden eine dreidimensionale Vorstellung davon bekommen, was Krebs eigentlich ist, wie er war und wie er sich verändert.

Viele Patienten stillen ihren Wissensdurst obsessiv im Internet. Stört es Sie, wenn Patienten in der Sprechstunde glauben, bereits alles zu wissen?

Nein, Patienten sollen sich so informieren, wie sie wollen. Das Problem ist, dass nicht alle Informationen hilfreich sind. Sie können im Internet alles Mögliche finden, oft wird ein medizinischer Fakt geschildert und anderswo sofort widerlegt. Ich versuche mit Patienten immer transparent zu bleiben. Ich sage ihnen, was ich weiß, woher ich es weiß und wie ich es einschätze. Man muss skeptisch und doch menschlich bleiben. Skepsis ist die wichtigste Eigenschaft eines Wissenschaftlers. Aber in der Arbeit mit Patienten muss man menschlich bleiben.

Wie überbringen Sie einem Patienten die furchtbare Nachricht, dass er eine tödliche Krankheit hat?

Immer anders. Menschen reagieren sehr unterschiedlich auf In­formationen. Manche wollen die direkte, schonungslose Wahrheit, andere möglichst wenig erfahren. Die Frage des Arztes ist immer: Wovor hat der Patient Angst? Letzte Woche in der Klinik weigerte sich eine Frau mit Lungenkrebs, sich einer Chemotherapie zu unterziehen. Ich habe sie immer wieder nach ihrer Angst gefragt und schließlich gestand sie mir: Ich möchte meine Fingernägel nicht verlieren. Sie hatte als Kind miterlebt, wie ihre Großmutter infolge einer Krankheit die Fingernägel verlor. Das hat einen so tiefen Eindruck bei ihr hinterlassen, dass sie sich nun weigerte. Als ich garantierte, dass das nicht passieren würde, willigte sie ein. Was ich damit sagen will: Die Gründe für unsere Ängste sind vielfältig. Viele fürchten äußerliche Veränderungen wie zum Beispiel Haarausfall oder eine Gewichtszunahme oft mehr, als den Schmerz oder sogar den Tod. Meine Regel dabei: Man darf Ängste nie bewerten.

Wie soll man selbst mit seinen Ängsten umgehen?

Ich glaube stark daran, dass man sich mit ihnen konfrontieren sollte.

Ist die Diagnose gestellt, fragen sich viele Patienten: Wie finde ich den richtigen Arzt?

Das ist eine wichtige Frage. Der richtige Arzt muss zwei Eigenschaften besitzen: Er muss sich natürlich auskennen und die Chemie zwischen ihm und dem Patienten muss stimmen. Krebs ist nicht irgendeine Krankheit, die Arzt- Patienten-Beziehung wird im Laufe der Behandlung sehr intensiv. Wie oft treffen Sie schon jemanden, dessen Entscheidungen Ihr Leben nachhaltig verändern wird? Der darüber bestimmt, ob Sie überleben werden, und wenn ja, wie? Der renommierteste Arzt kann Ihnen nicht helfen, wenn Sie ihm nicht vertrauen.

In Ihrem Buch schreiben Sie: „Krebszellen sind perfektere Abbilder unserer selbst“. Das müssen Sie erklären!

Nun, das ist eine Metapher, die sagen will, dass Krebs eine Zell-Evolution ist. Durch die Krankheit entstehen Zellen, die unheimlich widerstandsfähig sind. Krebs­-zellen muss man sich vorstellen wie Überlebenskämpfer. Und jetzt kommt die Paradoxie: Der menschliche Körper hat erstaunliche Mechanismen und Gene entwickelt, um zu überleben. Krebs benutzt und korrumpiert nun diese Mechanismen und Bahnen und macht sie noch besser. Ich muss sagen, dass hat etwas Faszinierendes.

Sprechen wir deshalb so ungern über Krebs, weil er uns eigentlich überholt hat?

Vielleicht. Aber ich denke, dass wir heute schon viel mehr darüber reden als früher. Als die Essayistin Susan Sontag über Krebs schrieb…

… „Krebs galt als beschämend, nichterwähnenswert und sogar obszön“…

…wurde Brustkrebs von der Gesellschaft mit Scham betrachtet. Diese Scham ist zum Glück verschwunden, aber ein Schuldgefühl ist geblieben. Viele Patienten, vor allem Frauen, hinterfragen ihren Lebensstil und ihre Persönlichkeit, um eine Erklärung für die Krankheit zu finden.

Und was finden diese Patienten?

Nichts. Hunderte verschiedene Studien beweisen inzwischen, dass

Krebs eine genetische Erkrankung ist. Wenn wir also wissen möchten, ob etwas krebserregend ist, müssen wir herausfinden, was genver­ändernd wirkt. Welcher Mechanismus welche Mutation auslöst? Luft zum Beispiel ist nicht per se krebserregend. Aber sie kann Stoffe wie Tabakrauch enthalten, die dann Mutationen auslösen können. Welchen Anteil aber die Psyche oder die Gedanken an der Erkrankung haben, kann man anders als anhand der gen-mutierenden Mechanismen nicht beweisen. Da fehlen die Antworten.

Hilft eine positive Lebens­einstellung gegen Krebs, kann sie ihn sogar heilen?

Nein. Aber vielleicht hilft eine positive Einstellung bei der Chemotherapie; vielleicht lassen sich Schmerzen so leichter ertragen. Aber Krebs heilen kann sie nicht. Genau so wenig wie eine negative Lebenseinstellung Krebs verursacht. Nein, mit dem „Think positive“-Ratschlag tut man einem Krebspatienten keinen Gefallen. Denn darin steckt ja auch: Du bist schuld an deinem Zustand, und daran, dass es dir schlecht geht.

Wie kann man der Krankheit vorbeugen?

Nicht rauchen.

Kann Stress Krebs verursachen?

Ich denke nicht. Natürlich spielt das Immunsystem eine wichtige Rolle, aber es kann nicht so gestresst werden, dass man plötzlich Krebs bekommt. Aber manche Krebsarten sind enger mit dem Immunsystem verbunden als andere. Brustkrebs zum Beispiel hat sehr wenig damit zu tun.

Immer wieder hört man von plötzlichen Heilungen. Kann man die erklären?

Wir wissen, dass es so etwas gibt. Dass das Immunsystem plötzlich selbständig in der Lage ist, die kranken Zellen zu attackieren. Wir wissen aber auch, dass so etwas extrem selten passiert. Interessanterweise kann man diese Spontanheilungen nur bei besonderen Krebsarten wie beispielsweise Hautkrebs beobachten. Bei Hautkrebs gibt es eine hohe Interaktion mit dem Immunsystem. Ich denke, auf diesem Gebiet wird in Zukunft noch viel entdeckt werden.

Sie verwandeln in Ihrem Buch den ersten Satz aus dem Roman Anna Karenina und schreiben: „Alle normalen Zellen sind ähnlich normal; aber bösartige Zellen sind auf ihre ganz eigene Art bösartig.“ Warum sind eigentlich Leukämiezellen anders als Brustkrebszellen?

Sie sind gleich und doch anders. Sie teilen und vermehren sich beide unkontrolliert, also bösartig. Aber die veränderten Gene, die das Wachstum von Blutzellen verursachen, unterscheiden sich sehr von jenen der Brustzellen.

Warum werden aus gesunden Zellen plötzlich bösartige?

Das können wir nicht hundertprozentig erklären. Aber wir wissen, dass alle Zellen Gene haben, die das Wachstum regulieren. Diese Gene sind vererbt und normalerweise auch genau reguliert: Wenn Sie sich beispielsweise in die Hand schneiden, dann schließt sich die Wunde wieder, aber sie „wächst“ nicht weiter. Es entsteht kein neuer Mensch. Die Zellen wissen, wann sie aufhören müssen, sie werden gebremst. Bei Krebs dagegen setzt eine ungebremste Zellteilung ein.

Und wodurch wird eine Krebsmutation ausgelöst?

Zum Beispiel durch Vererbung, krebserregende, chemische Stoffe oder Röntgenstrahlen. Mutationen können aber auch zufällig entstehen und kombinieren sich immer mit Wachstum. Das erklärt vieles, aber nicht alles. Denn durch den Krebs entstehen neue Gene, und deren Verbindung zum Wachstum haben wir noch nicht dechiffrieren können. Es gibt zum Beispiel welche, die den Zuckerabbau in der Zelle verändern. Aber ob die Krebs verursachen, wissen wir nicht. An diesem Punkt stehen wir noch immer vor einem Mysterium.

Warum gibt es keine sichere Medizin geben Krebs?

Weil es hunderte verschiedene Arten von Krebs gibt. Und jedes Mal, wenn das Immunsystem oder ein Medikament die Krebszellen angreifen, überleben die am besten mutierten und wachsen weiter. Es ist eine Evolution in unserem Körper.

Das heißt, so wie Bakterien gegen Antibiotika immun werden können, können auch Zellen auf Krebsmedikamente resistent reagieren?

Richtig.

Das klingt hoffnungslos.

Das hängt vom Immunsystem ab. Wenn einige Krebszellen resistent geworden sind, kann das Immunsystem trotzdem einen neuen, anderen Angriff starten. So arbeiten wir ja auch mit den Medikamenten, sie müssen sich ständig verändern.

Warum nimmt die Zahl der Krebskranken ständig zu?

Aus drei Gründen: Weil wir erstens immer älter werden. Brustkrebs oder Prostatakrebs beispielsweise sind stark altersbedingte Erkrankungen. Zweitens: Weil sich die Diagnostik verbessert hat und wir ständig neue Krebsarten finden. Und drittens: Weil unser Verhalten sich verändert hat. Lungenkrebs durch Zigarettenrauch gab es im 19. Jahrhundert noch nicht. Mit Krebs bezahlen wir den Preis der Moderne.

Findet man die Krankheit deshalb stärker in der westlichen Welt?

Richtig. Und Krebs nimmt auch in der unterentwickelten Welt zu.

Lassen Sie uns über die Zukunft sprechen. Es gibt einige neue, zum Teil radikale Medikamente wie Glivec. Die Tabletten zer­stören Krebszellen nicht, sondern managen sie. Wird durch diese sogenannte gezielte Krebstherapie die Krankheit irgendwann einmal zwar chronisch, aber nicht mehr tödlich sein?

Für manche Krebsarten ist das denkbar. Aber es gibt auch andere Wege, zum Beispiel den Versuch, das Immunsystem zu aktivieren. Eine andere Möglichkeit könnte sein, die Mikro-Umgebung zu verändern, in der die Krebszellen wachsen. Oder aber man versucht, die Glucose-Aufnahme der kranken Zellen zu manipulieren und sie dadurch auszuhungern.

Manche Experten glauben, Stammzellforschung sei die Lösung. Sie schreiben darüber wenig in Ihrem Buch. Warum?

Die Stammzellforschung ist ein sehr junges Forschungsfeld. Im Kern geht es dabei um folgendes: Manche Krebszellen ähneln den Stammzellen; es müssen also in beiden dieselben Gene aktiv sein. Außerdem sind in Tumoren auch Stamm­zellen enthalten, die sich erneuern können und dadurch vielleicht die Rückfälle verursachen.

Was versprechen Sie sich von diesen Erkenntnissen?

Wenn wir ein Medikament finden könnten, das die Krebsstamm­zellen eliminiert, dann würden wir in der Lage sein, Krebs nicht nur zu behandeln, sondern auch zu heilen.

Sie schreiben, dass Tuberkulose die dominierende Krankheit des 19. Jahrhunderts gewesen sei, Krebs dagegen die Gegenwart beherrsche. Wird Alzheimer demnach die Krankheit der Zukunft sein?

Das ist ein interessanter Gedanke. Wenn wir es schaffen würden, Krebs zu kontrollieren, würden die Menschen noch älter werden. Dann könnte es sein, dass neurodegenerative Krankheiten wie Alzheimer plötzlich das Hauptproblem wären. Aber das Beängstigende ist, dass Krebs vielleicht gar keinen Erben haben wird, und noch viele Generationen nach uns mit der Krankheit kämpfen.

Die Kosten der Krebsforschung sind mittlerweile ins Unermessliche gestiegen. Quält Sie manchmal nicht der Gedanke, dass die Ergebnisse Ihrer monatelangen Forschungen für die sehr kostspielige Entwicklung von Medikamenten benutzt werden, die die Patienten dann fünf Tage länger leben lassen?

Das scheint auf den ersten Blick aberwitzig, aber man darf in der Krebsforschung nicht nihilistisch werden. Denn diese fünf Tage können in der Kombination mit einem anderen Medikament dann 500 ergeben.

Sie sind in Neu-Delhi aufgewachsen und kamen erst zum Studium in die USA. Inwiefern hat das Ihre Forschung beeinflusst?

Ob Indien in diesem Buch ist? Ja, sehr sogar. Aber ich kann Ihnen darüber nichts genaueres sagen, oder ich möchte es eigentlich nicht. Finden Sie es selbst heraus.

Ihr Buch „Der König aller Krankheiten“ ist weltweit ein Besteller geworden. Letztes Jahr sind Sie dafür mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet worden. Hat sich Ihr Patientenkreis seither verändert?

Ich wurde mit Anfragen von Prominenten überschüttet und habe beschlossen, keine Privatpraxis zu eröffnen, sondern in die entgegengesetzte Richtung zu gehen. Ich leite die Fellows Klinik, die nur Patienten aufnimmt, die sich keine Krankenversicherung leisten können. Ich bin kein Heiliger, aber es kann für mich nur die einzige vernünftige Entscheidung sein, ernsthaft Bedürftigen zu helfen, anstatt VIPs zu betreuen, die nicht mehr als eine zweite oder dritte Meinung anhören wollen.

Vielleicht ist das ja das Indische an Ihnen.

Vielleicht.

Siddhartha Mukherjee ist Facharzt für Krebserkrankungen und wurde 1970 in Neu-Dehli geboren, er studierte an der Stanford University Biologie und in Harvard Medizin. Aber Mukherjee wollte Krebs nicht nur diagnostizieren und behandeln, er wollte die Krankheit verstehen. Und so schrieb er neben seiner Arbeit als Forscher und praktizierender Assistenzarzt eine Biografie des Krebses. Der König aller Krankheiten ist ein Jahrhundertwerk, es richtet sich an Laien ebenso wie an Fachleute. Das Buch erhielt 2011 den Pulitzer-Preis und wurde in 31 Sprachen übersetzt. Mukherjee ist mit der Künstlerin Sarah Sze verheiratet, das Paar hat zwei Töchter und lebt in New York.


Der König aller Krankheiten. Krebs Eine Biographie
Siddhartha Mukherjee

Dumont 2012, 700 S., 26

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07:00 23.02.2012
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