Eigentlich ganz anders

Ritual der Woche Wer sich gute Vorsätze für das neue Jahr vornimmt, will sich nicht ein bisschen selbst verbessern. Dahinter steckt der tiefe Wunsch, seine Identität zu wechseln

Vor einigen Jahren ließ ich mich bei einer Silvesterparty zu dem Neujahrsversprechen hinreißen, „nie mehr Alkohol zu trinken“. Die Lächerlichkeit meines Vorhabens wurde dadurch unterstrichen, dass ich während meines Ausspruchs auf einem Stuhl stand und in der rechten Hand ein Champagnerglas hielt. Eine in diesem Zusammenhang furchtbar sinnlose Geste.

Was ich eigentlich mit diesem Neujahrsversprechen sagen wollte, dämmerte mir erst viel später: Ich würde tatsächlich gerne nicht mehr trinken. Genauer: Ich würde gern nüchtern tanzen können. Mir ist völlig klar, dass ich das in diesem Leben nicht mehr erlernen werde. Aber ich würde es trotzdem gern können. Vielleicht wünsche ich es mir, weil es eine Zeit gab, als ich das konnte. Vielleicht wünsche ich es mir also, weil ich den tiefen Wunsch hege, das wiederzufinden, was ich mit den Jahren verloren zu haben glaube: Sorglosigkeit zum Beispiel. Mein Neujahrsversprechen war also keine dieser neoliberalen Selbstoptimierungs-Absichten. Es war mehr ein Hinweis auf den stillen Wunsch, manchmal anders zu sein, als ich eigentlich bin.

Kalenderspruch von Ödön von Horváth

Folgt man diesem Gedanken, ist das schönste, weil ehrlichste Neujahrsversprechen jenes Bonmot, das dem Schriftsteller Ödön von Horváth in den Mund gelegt worden ist: „Eigentlich bin ich ganz anders, ich komme bloß so selten dazu.“ Der Kalenderspruch fasst in bemerkenswerter Klarheit zusammen, was die guten Vorsätze eigentlich beabsichtigen: All die „ich möchte abnehmen“, „ich möchte mit dem Rauchen aufhören“, „ich möchte mit Sport anfangen“, „ich möchte öfter/seltener/nie Sex haben“, „ich möchte öfter die Mutter anrufen“, „ich möchte mich öfter beherrschen“ sind Ausdruck eines zutiefst menschlichen Wunsches, dass wir auch anders sein könnten, als wir derzeit sind.

Man sollte also vorsichtig sein beim alljährlichen Dissen der ewiggleichen Neujahrsversprechen. Es ist zu einfach, sich über Menschen lustig zu machen, die sich zum 14. Mal vornehmen, das Rauchen aufzugeben. Denn diese Personen meinen es jedes Jahr wieder ernst. Es ist ein leises (okay: manchmal lautes) Stoßgebet von Menschen, die sich wünschen, dass das Leben keine Einbahnstraße ist, sondern eine breite Autobahn, auf der es erlaubt ist, ab und an mal die Spur zu wechseln.

Als letztes Jahr die Meldung durch die Medien geisterte, Heidi Klum werde den Namen ihres Ehemanns (Seal Samuel) annehmen, um sich die Chance zu bewahren, dereinst ein neues Leben zu beginnen, konnte man nicht anders, als aufrichtiges Verständnis für diese Art von Zukunftsplanung zu empfinden. Vielleicht, so war man geneigt zu glauben, ist Heidi Klum das ganze Deutschland-sucht-das-nächste-Topmodel-Gezerre ja ein wenig peinlich. Vielleicht wäre sie gern jemand anderes, reingewaschen von der eigenen Vergangenheit. Ihr Namenswechsel wäre also nichts anderes als ein ausführliches und ausgereiftes Neujahrsversprechen.

Es ist die alte Patricia-Highsmith-Phantasie: Eine Person (Tom Ripley) ermordet eine andere Person (Dick Greenleaf) und nimmt ihre Identität an. Das Motiv: die Erkenntnis, dass nichts schlimmer ist, als man selbst zu sein. Und so schlüpft Tom Ripley metaphorisch und in echt in die Schuhe des Anderen – denn was hat er schon zu verlieren, außer seiner eigenen Geschichte?

Die Versuchung, sein Leben gegen ein anderes zu tauschen, ist nicht nur für mich, Tom Ripley und Heidi Klum verlockend. Wer hat sich nicht schon mal ausgemalt, wie es wohl wäre, noch mal neu anzufangen, vielleicht sogar als eine andere Person in einer anderen Welt? Man darf Prüfungen wiederholen, warum dann nicht auch ganze Leben? Warum müssen wir mit (Fehl-)Entscheidungen leben, die wir vor langer Zeit als junge Menschen mal getroffen haben? Klar, man lernt aus seinen Fehlern, der Charakter wird geformt, man soll nicht der Realität entfliehen, der Weg ist das Ziel – aber mal ehrlich: ist nicht, genau genommen, das Ziel im Weg? Denn das Ziel für viele ist, am Ende des Weges sagen zu können: Ja, alles ergibt einen Sinn. Aber wer kann das ernsthaft behaupten? Tatsächlich ist das Leben doch ein unzusammenhängender Flickenteppich, aus dem man große Teile gern entfernen würde.

Realitätsflucht? Aber hallo!

„Aber ist das nicht Realitätsflucht?“, fragen da die Ja-aber-Sager. „Ja, aber hallo!“, möchte man ihnen entgegenhalten. Und warum nicht? Mafia-Bosse dürfen nach der Kronzeugenregelung im Rahmen eines Zeugenschutzprogramms ein neues Leben beginnen. Ich habe mir das immer großartig vorgestellt. Wo sind die Zeugenschutzprogramme für ganz gewöhnliche Menschen, die einfach vor ihrem langweiligen Leben fliehen wollen? Wo ist das Zeugenschutzprogramm für mich? Immerhin verfüge ich über belastende Informationen über mich selbst. Und während man all das zurücklässt, was einen jahrelang an sich selbst gestört hat, würde man sich selbst relaunchen. Sich selber eine zweite Chance geben.

Natürlich darf man sich keine falschen Hoffnungen machen. Denn die Person, die wir am allerwenigsten dabei haben wollen, werden wir natürlich nicht los: uns selbst. Am Ende des schönen Truman-Capote-Romans Frühstück bei Tiffany liegt Holly Golightly, die berühmteste aller Identitätswechsler, in den Armen ihres Geliebten. Er sagt: „Wo immer du hinläufst, wie immer du dich nennst, du wirst immer du selbst bleiben – dein Käfig wird immer derselbe sein.“ Eine Liebesszene, die ihre Zärtlichkeit daraus zieht, dass sie ein Stück über die Wahrheit des Lebens verrät. Wir alle sind Schnecken, die unsere Schalen, unser Selbst mit uns herumschleppen müssen – egal, wohin wir gehen, egal, was wir uns vornehmen. Es gibt keinen Neustart, keine ernstzunehmenden Neujahrsversprechen. Nur ein Abfinden, oder wenn wir Glück haben, ein Wiederfinden – von dem, was wir glaubten, im Laufe unseres Lebens verloren zu haben.

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12:20 05.01.2011
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Ausgabe 09/2021

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