Ein Tipp für Thomas Mann

Alltagslektüre Diese Woche liest unser Kolumnist mit seiner Tochter "Pippi Langstrumpf" und fragt sich, warum es Kinder offenbar nicht stört, dass es in Lindgrens Welt keine Handys gibt

Was habe ich gelesen?
Pippi außer Rand und Band" target="_blank">Pippi außer Rand und Band – das Buch zum gleichnamigen Film. Von Astrid Lindgren.

Seitenzahl: 50 Seiten

Amazon-Verkaufsrang: 32.925.

Warum habe ich es gelesen?
Eigentlich war Zwei an einem Tag von David Nicholls dran. Ich musste aber auf Drängen meiner Tochter jeden Abend Pippi Langstrumpf (vor)lesen. Nicholls war kurzweilig (dazu nächste Woche mehr), aber chancenlos gegen Pippi. Die Geschichte des elternlosen Mädchens aus der Villa Kunterbunt, die 1941 entstand, gehört zu einem gelungenen Leben einfach dazu.

Worum geht es?

Anarchistisches Mädchen aus prekären Verhältnissen (Mutter tot, Vater zur See) verleitet kleinbürgerliches Geschwisterpärchen (Tommy und Annika) zur ältesten aller Kinderphantasien: von zu Hause abhauen. Wobei: Pippi spricht sich vorher mit Annikas und Tommys Mutter ab. Dieser Anarchismus ist also eher einer in Anführungszeichen.

Was machen Kinder, die ausreißen? Nun, sie fangen und verzehren ein paar Forellen (Tommy, der Trottel, fällt in den Bach), streunen durch den Wald und treffen auf den superharmlosen Landstreicher Konrad. Im weiteren Verlauf des Buches besteigen die Kinder einen Berg, Pippi lässt sich in einer Tonne einsperren und im Fluss herumtreiben, dann fordert sie einen Stier zum Kampf heraus. Auf den letzten Seiten fressen die Kühe in einem orwellschen Racheakt die Kleider der Kinder, und Pippi vollführt einen Seiltanz in der Stadt. Irgendwann sehnen sich die Kinder nach dem, was sie so dringend hinter sich lassen wollten; Tommy, der Zweifler, denkt laut: „Warum sind wir überhaupt ausgerissen?“. Diese kognitive Dissonanz löst Pippi mit dem schönen Satz auf: „Damit wir merken, wie schön es ist nach Hause zu kommen.“

Was bleibt hängen?
Vordergründig spielt Astrid Lindgren mit den drei großen Themen der Kindheit: Tiere (Affe, Pferd), Anarchie („ich mach was mir gefällt“) und Größenwahn („das stärkste Mädchen der Welt“). Das kommt auch heute gut an – obwohl ich mich natürlich frage, ob denn meiner Tochter gar nicht auffällt, dass keines der Kinder im Buch ein Handy hat und in den Straßen nur Pferdewagen fahren? Sie ist nicht einmal drei Jahre alt. Andererseits: neulich, als sie in einer Kneipe ein echtes Festnetztelefon mit Drehscheibe sah, wusste sie nicht, was man damit machen soll (ein belustigter Kellner klärte sie auf).

Auf einer zweiten Ebene wird Astrid Lindgrens ewiges Motiv verhandelt: Das elternlose Kind, das lernt, seine Ängste zu überwinden, und daran zu wachsen. Bei Pippi macht Lindgren das eher beiläufig, nicht so gruselig wie in Mio, mein Mio und nicht so himmeltodtraurig wie in Die Brüder Löwenherz. Besonders gefällt mir an Pippi die totale Abwesenheit der Mutter. Okay, sie wird ab und an erwähnt („sie kann mir aus dem Himmel zusehen“), aber Pippi scheint sie nicht zu vermissen. Ich finde das gut. Niemand braucht liebende Wolfsmütter und heile heteronormative Kernfamilien.

Auf einer dritten Ebene schließlich erkennt man neben der emanzipatorisch-anarchistischen Kinder-an-die-Macht-Metaphorik eine hochaktuelle Parallele zu den gesellschaftspolitischen Verhältnissen: Die Romanfigur Pippi Langstrumpf ist in ihrem Habitus eine Personifizierung des selbstbestimmten Subjekts, eingebettet in einen fürsorglichen Staat. Ihre Mutter ist tot, ihr Vater nicht da. Sie aber lebt glücklich. Ist klug und kreativ und in ihrer Ungebundenheit ihren bürgerlichen Freunden weit voraus. Und wenn sie einmal Geld braucht, dann hat sie in einer Truhe einen Goldschatz. Die Truhe ist immer voll. Ungefähr so, wie man sich gemeinhin gern die Staatskassen im Sozialstaat vorstellt.

Es ist eine Art Synthese aus Neoliberalismus und Kommunismus: sei deines Glückes Schmied, aber wenn du was brauchst, bedien dich beim Staat. Klar, der Koffer ist nicht vom Staat. Aber aufgrund der generationenübergreifenden Wirkungsmacht von Pippi, glauben die Skandinavier bis heute, man könne sich selbst verwirklichen und widerständig sein – und trotzdem auf den Staat vertrauen. Bei Pippi kommt die Goldkiste vom Vater, der sie in Ruhe lässt, ihr vertraut, und nur aus der Ferne wirkt. So, wie man sich in Skandinavien gern den Vater-Staat vorstellt. Würde man Pippi wirklich anarchistisch lesen, müsste sie zwingend als erstes den Staat, also den Koffer voller Goldmünzen, loswerden. Ist das gut, was meine Tochter da lernt?

Wie liest es sich?
Astrid Lindgren konnte schreiben. Ihre überbordende Phantasie packte sie in kurze, einfache Sätze. Bei vielen Schriftstellern, auch den großen, ist das umgekehrt.

Das beste Zitat?
“Meine Mutter guckt mir manchmal aus dem Himmel zu (…) Aber sie kümmert sich nicht darum, ob ich in meinem Haus saubermache oder nicht. Sauber machen tue ich aber meistens trotzdem – nicht!”

Wer sollte es lesen?
Thomas Mann.

Was lese ich als nächstes?
David Nicholls, Zwei an einem Tag

Die Alltagslektüre: In seiner Kolumne unterzieht Freitag-Autor Mikael Krogerus jede Woche ein Buch seinem persönlichen Lese-Check. Zuletzt:

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15:30 20.11.2009
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Ausgabe 37/2021

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