Er setzt alles

Alltagskino Die Woche unseres Kolumnisten Mikael Krogerus war geprägt von Schlaflosigkeit. Keine Experimente, dachte er – und schaute sich an, was im "Poker Channel" so gespielt wird

Was habe ich gesehen?The Poker Ashes 2009, circa 2 Stunden.

Warum habe ich es gesehen?

Vorgenommen hatte ich mir The Corner, das hochgelobte Vorbild der noch höher gelobten TV-Serie The Wire, von der manche wie von einer Religion sprechen. The Corner ist gut, aber auch belastend, und so sah ich nur vier von sechs Stunden dieser Mini-Serie. Was Ihr Kolumnist so belastend fand und ob man unter Umständen Filme auch mal ab 24 oder 36 Jahren freigeben sollte: nächste Woche an dieser Stelle. Diese Woche war geprägt von einer seltsamen Schlaflosigkeit. Eine kleine, zutiefst unwissenschaftliche, aber mehrfach vom Erfolg gekrönte Grundregel bei Schlaflosigkeit: keine naturwissenschaftlichen Experimente wagen. Stattdessen: Flucht, Chemie, Verdrängung. Alternativ: The Poker Channel schauen.

Worum geht es?

Ich sah eine Wiederhohlung der sogenannten Poker Ashes aus dem Jahr 2009. The Ashes, für Leser, die keine Affinität zur Commonwealth-Kultur haben, ist das wichtigste Cricket-Turnier der Welt, das seit 1883 zwischen den alten Rivalen Australien und England stattfindet, derzeit alle zwei Jahre. Das mehrtägige Turnier war aufgrund der extremen Dominanz des australischen Teams in den vergangenen 30 Jahren ungefähr so spannend wie ein Kinderbuch. Aber dann plötzlich, 2005, besiegten die Tommies die Aussies. Der Sport, nebenbei, ist unterschätzt. Wer glaubt, ein fünftägiger Test (Länderspiel), sei langweilig, hat wohl die zurückliegende Fußball-WM nicht geschaut.

Warum rede ich hier von Cricket?

Die Poker Ashes ist eine lustige Poker-Reihe, in der ehemalige und aktuelle Cricket-Spieler aus Australien und England gegen-, pardon, miteinander, Poker spielen. Es geht um viel Geld (für Wohltätigkeitsorganisationen, klar) und um viel Ehre. Das Erstaunliche: wie superprofessionell die Cricketspieler auch am Kartentisch zu Werke gehen. In den zwei bis drei Stunden, in denen ich zuschaute, sah ich eine Partie unter anderem mit dem Briten Robert Key und dem legendären australischen Superstar des Crickets: Shane Warne.

Wie endete die Partie?

3:1 für Australien. Shane Warne, diese von der eigenen Genialität besoffene Mischung aus Paul Gascoigne und Flavio Briatore, spielte sie alle an die Wand.

Die beste Szene?

Irgendwann in der Mitte der Partie hatte Robert Key ein Ass und einen König. Ass/König ist eine der stärksten „Hände“ bei Texas hold'em, der heute üblichen Poker-Variante. Wenn der Dealer als nächstes einen König oder ein Ass bringt, ist dir der Sieg gewiss. Aber: Erhältst du weder Ass noch König, sind die großartigen Ausgangskarten unter Umständen wertlos. König/Ass, heißt es, sei die häufigste Kombination, mit der selbst großartige Spieler in entscheidenden Turnieren versagen. Denn Ass/König ist der Moment, in dem 90 Prozent aller Spieler all-in gehen, also alles setzen.

Key war die Runden zuvor von Warne bis aufs äußerste provoziert worden: Immer wieder erhöhte Warne – und Key musste schmeißen. Es ist die klassische Strategie jenes Spielers, der mehr Chips hat: Er lässt die Konkurrenten langsam verhungern.

Dann bekommt Key König/Ass (der Zuschauer kann die Karten durch eine Kamera im Spieltisch sehen). Key weiß wohl, dass Warne der bessere Spieler ist. Aber er weiß auch, dass Warne weiß, dass Key es weiß, was die Sache mit dem Bluffen spannend macht, wenn Sie verstehen, was ich meine. Key erhöht. Im Flop bekommt er einen König. Er erhöht wieder, Warne geht mit. So geht es hin und her, am Ende geht Warne all-in. Als die letzten Karten aufgedeckt werden, braucht Warne einen Buben, um zu gewinnen, Key einen König. Von den 44 verbleibenden Karten, erklären uns die beiden Kommentatoren, gibt es nur drei Karten oder so, mit denen Key verlieren würde. Es kommt – Nervenkitzel! – ein Bube. Key ist raus.

Was bleibt?

Nach dem Spiel sagte Key im Interview: „Es gibt nichts Schlimmeres, als von einem Besseren gedemütigt zu werden“. Er hat recht. Ich schlief ein.

Diese Person wäre ich gern? Lieber Warne als Key.

Poker in einem Satz: Geld ist die Sprache des Spiels.

Was sehe ich als nächstes? The Corner.

Unser Kolumnist Mikael Krogerus sieht sich eigentlich jede Woche einen Film an. Vergangene Woche sah er Sans soleil.

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17:00 01.10.2010
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Ausgabe 41/2021

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