Gute Nacht, Mankell

Alltagslektüre Schweden hat einen neuen Krimi-King: Jens Lapidus. In seinem Erstling verzichtet er auf schlaflose Ermittler mit Schwäche für linke Ideologien. Und geht in die Schickeria

Was habe ich gelesen?Spür die Angst: Stockholm Crime" target="_blank">Snabba Cash (Spür die Angst), Jens Lapidus

Seitenzahl: 475 Seiten.

Amazon-Verkaufsrang: Erscheint am 13. Oktober.

Warum habe ich es gelesen?

Auf Empfehlung meines schwedischen Nachbarn. Kürzlich stellten wir fest, dass wir beide das gleiche Lieblingsbuch haben, Blood Meridian von Cormack McCarthy. Ich befolge seine Literatur-Tipps seither wie Befehle.

Worum geht es?

Wer Schweden nur aus Astrid Lindgren-Büchern, der PISA-Debatte und Reiseprospekten kennt, wird recht geschockt sein, das Epizentrum der Stockholmer Schickeria zu besuchen: Stureplan. Einige Straßenzüge im Reichenviertel Östermalm, in der nasalsprechende Kinder in Paul-Smith-Hemden und Gucci Schuhen, zugekokst bis unter die Hutschnur, das Geld ihrer Eltern verjubeln. Es ist ein geschlossener Kreis, schwerer zugänglich als das Berghain in Friedrichshain. Hier spielt Jens Lapidus Erstling.

Der Plot: Eine serbische Mördermaschine, ein chilenischer Kokaindealer und ein schwedisches Landei wollen dazuzugehören. JW, das Landei, schämt sich seiner Herkunft und lebt ein Doppelleben vor seinen reichen Freunden. Er braucht den Kokainhandel, um seinen Lifestyle zu finanzieren. Mrado, der frisch degradierte serbische Killer, braucht den Kokainhandel, um sich an seinem Paten zu rächen. Und Jorge, der chilenische Dealer und Ausbrecherkönig, braucht den Kokainhandel, um sich an Mrado zu rächen. Okay, das klingt nach The Wire in Ikealand. Ist es auch. Bloß besser. Lapidus nimmt sich viel Zeit, ohne zu langweilen, beschreibt gründlich den Alltag der Personen, die auf den ersten 200 Seiten nichts miteinander zu tun haben. Die drei Charaktere – JW, der Wannabe, ist vielleicht der am saubersten gezeichnete (oder ist er mir bloß am ähnlichsten?) – ihre Gedanken, ihr Hadern, ihre Hoffnungen werden so sauber seziert, dass man das Gefühl bekommt, die Jungs wirklich kennenzulernen. Sie wachsen einem nicht ans Herz, aber sie werden einem auf eine fast unangenehme Art vertraut. Ihre Gier nach Geld oder Status oder Frauen oder Zugehörigkeit? Nachvollziehbar.

In der zweiten Hälfte des Buches verstricken sich die Handlungsstränge und damit die Leben der drei. Man ahnt, wie es ausgeht, hofft aber inständig, dass es anders kommen wird… Natürlich ist das alles ein bisschen billig, das alte Kokettieren mit der Gewalt, den gebrochenen Mafiamännern (als ob man nie Sopranos gesehen hätte!), den halbverherrlichenden Drogendarstellungen – man hat es schon zu oft gelesen. Und doch macht Lapidus vieles neu: zum Beispiel in der Beschreibung von Jorges Ausbruch aus dem Gefängnis. Eine atemberaubende 60-Seiten-Sequenz bei der sich Lapidus, und dafür muss man ihn lieben, vor allem auf die Tage nach dem Ausbruch konzentriert. Also auf die Zeit in der Freiheit, die keine ist, weil Jorge auf der Flucht noch unfreier ist als im Gefängnis.

Wie liest es sich?

Es ist ein Schnellwender. Besonders stark die Seiten, auf denen Lapidus das Gefühl beschreibt, wenn man etwas Illegales tut: Den Stress, die Nervosität, das Herzrasen, den Tunnelblick, den Adrenalinkick – und dann das Gefühl der Unbesiegbarkeit, wenn man nicht erwischt wurde. Lapidus schreibt jede Handlung immer aus dem Blickwinkel eines der drei Hauptpersonen. Und wie er schreibt: Jedes nervöse Handygefimmel, jeder Blick, jedes bestellte Bier, jedes Achselzucken sind Teilchen des gnadenlos sorgfältig dokumentierten Psychogramms eines Kriminellen. Und eine lustvoll-schmerzhafte Erinnerung an alle Augenblicke, in denen man selbst das Gesetz übertrat.

Was bleibt hängen?

Lapidus ist Schwedens neuer Krimi-King. Keine halbalkoholisierten, schlaflosen Ermittler mit großem Herz und kleiner Schwäche für linke Ideologien. Keine Ritualmorde in Scheunen, keine kongenialen Psychos, kein ermüdendes Herumgepule in Wer-könnte-es-gewesen-sein-Hypothesen, keine Scheidungen, kein Kaffee, keine Geistesblitze. Stattdessen: kurze Sätze, kaum Adjektive, viel Slang und eine erstaunlich kenntnisreiche Beschreibung von Geldwäsche, Kokainstreckung und Gewalthandlungen (Der Autor ist eigentlich Strafverteidiger in Stockholm).

Fazit: Gute Nacht, Mankell.

Das beste Zitat:

JW ist endlich auf einem der legendären Parties am Stureplan eingeladen. Das Zitat beschreibt, wie er versucht, nicht zu zeigen, dass er beeindruckt ist, weil es verraten würde, dass er nicht dazugehört: ”JW kollade sig omkring med uttråkad uppsyn. Gällde att behålla ytan, det fick inte synas på honom hur imponerad han var.”

Auf Deutsch etwa: "JW blickte um sich mit lustlosem Ausdruck im Gesicht. Es galt, die Oberfläche zu wahren, man sollte ihm nicht ansehen, wie beeindruckt er war."

Wer sollte es lesen?

Alle die denken, Schweden sei Bullerbü.

Was lese ich als nächstes?

50 Erfolgsmodelle von Mikael Krogerus.

Die Alltagslektüre: In seiner Kolumne unterzieht Freitag-Autor Mikael Krogerus jede Woche ein Buch seinem persönlichen Lese-Check. Zuletzt: The New New Journalism von Robert S. Boynton

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14:10 11.09.2009
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Ausgabe 42/2021

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