Heimat

Generation 1975 Sie sind in den siebziger Jahren in der DDR geboren und im wiedervereinigten Deutschland erwachsen geworden. Eine von ihnen: Kathrin Braun, geboren 1976 in Greifswald

Das Erste und Wichtigste, was mir einfällt, wenn ich darüber nachdenke, dass ich Ostdeutsche bin, ist der Heimatverlust. Ich habe die Heimat, die ich verloren habe, nie wieder gefunden. Und ich suche noch immer danach. Unter anderem deswegen habe ich geheiratet und ein Kind bekommen.

Am 4. Dezember 1989 zogen wir von Greifswald nach Kiel. Mein riesengroßes Kinderzimmer voller Kuscheltiere schrumpfte zusammen auf eine einzige Kiste, unser großes Haus mit Garten verwandelte sich in eine Souterrain-Wohnung: drei Zimmer, keine Küche, kein Bad. Auf gleicher Ebene war der Fahrradkeller. Irgendwann gab es in den anderen Kellern Ratten. Und ich habe immer nur gestaunt: Wo bin ich hier? Für mich als Kind bedeutete die Wende von heute auf morgen: meine Familie zerbrach, meine Freunde gab es nicht mehr, unser Haus gab es nicht mehr, meine Kultur, meinen Dialekt, mein Land gab es nicht mehr.


./resolveuid/3e74c6d2e32bca93dabd99a2482b2553Und sozial sind wir die Leiter heruntergerutscht. Ich habe ja die ganzen Spielregeln und Codes im Westen nicht begriffen. Ich wusste nicht, was ein Statussymbol ist. Ich wusste nicht, dass es wichtig ist, welches Auto mein Vater fährt. Das war ja keine Ebene, auf der man sich im Osten ausgedrückt hätte.

Ich habe mich im Westen sehr lange als Außenseiterin gefühlt. Erst mit 18 oder 19 meinte ich, das soziale Rüstzeug zu besitzen, um hier klarzukommen. Aber Kiel blieb für mich immer nur eine Station, war nie Heimat. Den Weg zurück nach Greifswald aber gab es nicht. Ich bin dann zum Studium nach Berlin gegangen aus der Idee heraus, dass es in meiner Biografie Ost und West gibt, und ich mich also wohlfühlen würde in einer Stadt, die auch aus Ost und West besteht.

Potsdam wurde dann komischerweise der Ort, der sich heute noch am ehesten wie Heimat anfühlt. In Potsdam habe ich das Gefühl, die Leute gehen langsamer, sie sprechen meinen Dialekt; dann die vielen Parks – ich bin ein Potsdam-Fan. Aber ich wollte da nicht leben. Ich wollte einen weiten Horizont. Es ist natürlich paradox: Ich sehne mich nach einem überschaubaren Zuhause, aber hätte ich es, so würde ich mich eingeengt fühlen.


Meine Biografie hat mich eine unglaubliche Anpassungsfähigkeit gelehrt. Egal, wo ich hingehe, lerne ich schnell Menschen kennen. Ich habe das Gefühl, man kann mich irgendwo aussetzen und ich würde klarkommen. Mir gefällt es, schnell in eine andere Welt einzutauchen und mich der Illusion hinzugeben, dazuzugehören.

Bin ich in Italien, freut es mich diebisch, wenn man mich für eine Einheimische nimmt und mich nach dem Weg fragt. Als ich eine Zeit lang in der Schweiz lebte, begann ich sofort, den dortigen Dialekt zu übernehmen.

Mir war es immer sehr wichtig, mich zu integrieren. Das ist sicher sehr positiv, aber meiner eigenen Familie würde ich eigentlich gern ein richtiges Heimatgefühl vermitteln, und ich leide darunter, dass ich das im Moment nicht kann. Ich weiß auch nicht, ob man sich Heimat selber verordnen kann. Vielleicht ist es mehr so, dass es wächst und eines Tages wacht man auf und denkt: Jetzt bin ich zu Hause.

Protokoll: Mikael Krogerus

Kathrin Braun, geboren 1976 in Greifswald, hat Literaturwissenschaft studiert und lebt heute mit ihrer Familie in Köln

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08:00 07.07.2011
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Ausgabe 42/2021

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