Ich kann Kinder

Männer Nein, wir sind nicht emanzipiert. Die meisten Männer tun nur so. Bericht von einem Jungvater, der den Mist nicht seiner Frau überlassen wollte und dabei nicht unterging

Als ich meinen Arbeitskollegen erzählte, dass ich Vater werden würde, sagten sie zu mir: „Super, Mann! Glückwunsch!“ Sie schüttelten mir die Hand und klopften mir auf die Schulter. Einer drückte mir ein Bier in die Hand, ein anderer faselte irgendwas von Don Corleone und ein dritter versprach mir: „Jungvater, das wird die beste Zeit deines Lebens“.

Zu Hause sagte meine Frau: „Wir teilen uns die Arbeit mit dem Kind.“

Ich sagte: „Klar.“

Ich hatte: keine Ahnung.

Wir wohnten damals in der Schweiz und „geteilte Arbeit“ stellte ich mir so vor: Ich reduziere auf 80 Prozent, bleibe einen Tag in der Woche mit der Kleinen zu Hause und an den anderen einfach etwas länger im Büro. Für kurze Zeit, genauer: für sehr kurze Zeit war das die beste Zeit meines Lebens. Mit stolzgeschwellter Jungvaterbrust spazierte ich ins Büro, arbeitete euphorisiert bis spät in die Nacht, prahlte mit dem tollen Schlaf meiner Tochter und kümmerte mich immer mittwochs um sie. Aber die Rechnung ging nicht auf.

Ich wurde auch Feminist

Sie ging deshalb nicht auf, weil meine Frau früh abstillte, ihre Erfüllung nicht in der Haus- und Kinderarbeit suchte, Karriere machen und etwas vom Leben wollte. Kurz: weil meine Frau eine Feministin war. (Als sie in das Buch von Kristina Schröder hineinschaute, sagte sie trocken: „Als ob ich ein Buch über Fußball geschrieben hätte.“)

Ich wurde dann auch ein Feminist. Mitten in der größten Medienkrise kündigte ich meinen Job und arbeitete frei, damit ich wirklich die Hälfte der Hausarbeit erledigen konnte. Meine Kollegen quittierten die Entscheidung mit einer Mischung aus Mitleid und Unverständnis. In der Schweiz erhält man als Vater nämlich genau einen Tag Vaterschaftsurlaub. Es gibt kaum Kitas, Kinderkrippen oder Ganztagsschulen, und die meisten Mütter kochen jeden Mittag für die Schulkinder zu Hause.

Gleichberechtigte Hausarbeit also. Nun gibt es Argumente, dass die Welt auch für Männer besser würde, wenn man sich die Haus- und Familienarbeit teilt. Das stimmt natürlich im Sinne einer gesamtgesellschaftlich gerechteren Verteilung. Wenn ich als Mann das anstrebe, dann bedeutet Aufgabenteilung auch für mich persönlich eine Verbesserung. Wie sehr das jedoch auch im Einzelfall stimmt, ist eine andere Frage.

Es muss mal gesagt werden – Familienarbeit ist kein Spaß: Betreuungspläne wie Feldzüge vorzubereiten, peinliche Tragtücher über verschmutzte Hemden zu binden, Hausaufgaben zu kontrollieren, sich in verseuchten Kinderarzt-Wartezimmern anhusten zu lassen. Es ist nicht erfüllend, Arbeitstage um 15 Uhr 30 zu beenden, weil die Kita um 16 Uhr schließt, und dann, wenn die Kinder um 21 Uhr endlich schlafen, die Nacht durchzuarbeiten. Ich war im Job gedanklich bei den Kindern und bei den Kindern gedanklich beim Job. Ich alterte innerhalb von drei Jahren um zehn Jahre.

Wo sind die Leidensgenossen?

Kinder zu haben, lernte ich, ist eine feine Sache. Familienarbeit aber handelt von der riesigen Belastung, alles sollen und nichts richtig machen zu können. Als litte ich an einer seltenen Krankheit, suchte ich begierig nach Leidensgenossen, die in einer ähnlichen Situation waren wie ich. Ich wollte mich austauschen, mich ausheulen, ich wollte wissen: Wie macht ihr das?

Und tatsächlich schienen immer mehr zu „reduzieren“, aber ganz offensichtlich kamen sie viel besser klar als ich. Sie waren entspannt, litten sogar ein wenig an Langeweile und sehnten sich nach dem Job. Aber hey: Das klang nach einem prima Leben. Ich wurde neugierig. Aber bei genauerem Hinsehen waren es doch oft die Frauen, die die „Care-Arbeit“ leisteten, weil sie einfach immer wissen, wo der Impfausweis liegt. Die Männer wurden mit ein bisschen Hausarbeit gleich als emanzipierte Wunderkinder gefeiert. Sie teilten zwar die Kinderfürsorge, waren aber weiterhin der Ansicht, dass die Mutter für die Kleinen wichtiger ist. Die anderen Männer waren eigentlich nur die Assistenten ihrer Frauen.

Das erinnerte mich an früher. Meine Familie stammt aus Finnland, aufgewachsen aber bin ich in Schweden. Selbstverständlich gingen meine Eltern beide arbeiten. Viele halten Skandinavien in dieser Sache ja für fortschrittlich. Ich auch. Dort wurde der bezahlte Vaterschaftsurlaub bereits eingeführt, als man hier noch mit der RAF haderte. Das führte aber keineswegs zu einer gerechteren Verteilung von Berufs- und Familienarbeit. In Schweden nimmt ein Großteil der Väter gerade mal zwei von 15 Monaten Elternzeit. Zudem sind Frauen im Mutterschaftsurlaub, wie gehabt, für den Haushalt verantwortlich. Das gilt für Männer umgedreht meist nicht. Vielmehr etabliert sich eine umgekehrte Dynamik: Weil sich Männer so schön ums Kind kümmern, können sie den Rest den Frauen überlassen. Es entsteht eine Art Anerkennungs-Paradoxie: Die Männer erhalten in der Regel für ihr Tun besonderen Beifall. Bei Frauen gilt es als selbstverständlich.

Bei uns war ich tatsächlich zur Hälfte verantwortlich. Ich musste viel lernen, und heute würde ich sagen: Der Laden läuft. Ich kann Kinder. Und vor allem bei Frauen kommt das nicht schlecht an. Aber sie bewundern mich nur, fürchte ich, weil sie wissen, dass ich vorher einen guten Job hatte. Ein Mann ohne Job ist noch immer so attraktiv wie Busfahren. An guten Tagen fühlte ich mich wie ein Pionier. Es gibt eine Studie, die besagt, dass Paare mit traditioneller Arbeitsteilung durchschnittlich 10 Minuten am Tag miteinander reden. Paare, die alles teilen, leben angestrengter und müssen deshalb wahrscheinlich mehr verhandeln und also mehr kommunizieren. Aber sie sind glücklicher! Weil viel miteinander reden einfach guttut.

Ich bin Pionier

Warum ich gern ein Pionier bin? Abgesehen von dem Glück, Vater zu sein? Der Grund ist ein politischer. Es ist Zeit einzusehen, dass Frauen und Männer zu gleichen Teilen für die Familie verantwortlich sein sollten, weil sie die ja auch zu gleichen Teilen verursacht haben. Dieser ganze Quatsch, dass Frauen mit dem Herzen denken und Männer lösungsorientierter sind, dass Frauen für das Passive, Männer für das Aktive stehen, Frauen für das Private, Männer für das Öffentliche… Ich kann das nicht mehr hören.

Das Schlimmste an diesem Märchen: Es sind oft die Frauen selbst, die sich mit Inbrunst auf ihre mütterliche Urweiblichkeit berufen. Ungewollt effizient liefern sie so jedem Traditionalisten die gewünschten Argumente. Aber es geht darum, Kindern zu zeigen, dass sie in einer Welt leben, in der Frauen und Männer arbeiten. Einer Welt, in der beide die Kinder versorgen und keiner einen Orden dafür erhält. Das Problem ist im Prinzip recht trivial. Und bedeutet für Männer ganz schlicht: Privilegien abgeben. Nur wer die Norm erfüllt, wird mit Macht belohnt. Aber ich bin als Mann in den meisten Situationen privilegiert, auch wenn ich mich mit meiner lächerlichen 50/50-Lösung strampelnd dagegen wehre. Das ist mein kleiner Beitrag zur Veränderung dieser Welt.

Ach ja. Hier noch was zum Vatersein aus dem hervorragenden Buch Der 60-Minuten-Vater von Rob Parsons: „Sagen wir, Ihr Kind wohnt 18 Jahre zu Hause. Das sind 6.570 Tage. Ist Ihr Kind zehn Jahre alt, sind bereits 3.650 vorüber. Eine unbequeme Wahrheit: Kein Karrieresprung, kein Firmenwagen, keine Gehaltserhöhung kann diese Zahl verändern. Sie haben noch 2.920 Tage. Wollen Sie meinen Rat? Verpassen Sie keinen einzigen davon.“





Die weibliche Perspektive beschreibt Susanne Lang: Ich liebe Job und Familie



16:10 26.04.2012
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