Jugend ist überschätzt

Alltagskino Unser Kolumnist Mikael Krogerus sah einen großen Teil von "Enter The Void", dann hatte er genug von der Kombination aus Drogentrips, Japan und schönen großen Brüsten

Was habe ich gesehen?Enter The Void von Gaspar Noé, 2009, Länge: 160 min.

Gefühlte Länge: wie drei Wochen Urlaub mit einem Kiffer.

Warum habe ich es gesehen?
Mein Nachbar, bei Buch und Film stilsicher wie sonst kaum jemand, fragte, ob ich Lust hätte, ins Kino zu gehen.

Worum geht es?
Um die wohlbekannte und, wenn Sie mich fragen: reichlich abgehangene, Idee, die wohl jeder männliche Regisseur am Anfang seiner Karriere mal hat: Ein Film über einen Drogentrip machen. Ein Film, bei dem man – und das ist dann der Clou – nie genau weiß, ob es jetzt alles wirklich passiert, oder ob es nicht nur, wow!, ein Trip ist. Puh. Bei Enter The Void sieht das so aus: Junger Amerikaner (Oscar) verdingt sich als Drogendealer in Tokio. Voll auf einem DMT-Trip begibt er sich in eine Spelunke („The Void“), um einen Kunden zu beliefern und wird von der Polizei erschossen. Oskar verblutet im Klo und seine Seele oder so was verlässt den Körper. Den restlichen Film sehen wir aus der Perspektive des Toten. Der restliche Film: genreübliche Collage aus Rückblenden, Perspektivwechseln, kruden Zeitsprüngen und lavalampenhafte Computeranimationen, die an Screensaver aus den 1990ern erinnern und den DMT-Trip des Protagonisten darstellen sollen.

DMT?
DMT, Dimethyltryptamin, habe ich noch nie probiert. Es ist ein hoch-halluzinogener Stoff, der sich aus den Drüsen der südamerikanischen Aga-Kröte gewinnen läßt. Eine Blitzumfrage unter meinen drogenmäßig etwas leichtfertigeren Freunden ergab, dass der Konsument zwar extreme, wirklich extreme Halluzinationen erlebt, aber nicht das Gefühl dafür verliert, dass er bloß auf einem Trip ist. Letztlich also besser handlebar als etwa LSD.

Was bleibt?
Gaspar Noé hat das Trivial-Thema „visueller Drogentrip“ erweitert um einen zweiten Allgemeinplatz der westlichen Hipsterkultur: Japan. Regisseure lieben Japan. Nicht unbedingt den Teil mit den Walfängern, aber alles andere: Das Essen, die Tradition, die futuristischen Städte, das Neonlicht, die Musik, die Anonymität, genauer: die Anonymität des jungen Westlers in der crazy Großstadt Tokio. Die Kombination Drogentrip und Japan ist eigentlich schon too much. Aber Noé geht noch weiter. Er vermengt das ganze mit einer haarsträubenden Rolle rückwärts in längst überwunden geglaubte freudianische Denkmuster: Der Dealer und seine Schwester erleben als Kleinkinder einen schweren Autounfall, bei dem die schön-brüstige Mutter (und der nichtssagende Vater) ums Leben komme. Also fühlt sich der Junge später zu älteren Frauen mit großen Brüsten hingezogen (in einer Szene leckt er die schönen Brüste der Mutter eines Freundes, darauf schneidet Noé zu einer Szene in der Vergangenheit, wo der Junge in der Badewanne die schönen Brüste seiner Mutter sieht, und als ob das nicht schon reichen würde, gibt es anschließend einen Schnitt zu seiner Szene, wo ein Baby die schönen Brüste leckt – oh Mann). Es kommt aber noch schlimmer: die nach dem Unfall getrennten Geschwister treffen sich in Tokio wieder (sie ist Stripperin und hat – Achtung, Hinweis! – schöne, große Brüste) und führen eine erotisch aufgeladene Quasi-Beziehung.

War alles schlecht?
Nein. Die ersten 30 Sekunden sind brillant. Der Film beginnt mit dem Abspann. Die Credits laufen in wunderschöner Typographie und rasantem Tempo über den Bildschirm. Toll. So sieht das aus:

In diesem Moment bin auch ich rausgegangen:
Nach ungefähr 15 Minuten weiß man, worum es geht. (Es gibt Drogen, welche die biochemischen Reaktionen, die beim Sterben im Hirn ablaufen, simulieren können, die uns also unseren eigenen Tod erleben lassen. Und das ganze vor der melodramatischen Tokio-by-Night-Kulisse mit Blick auf das schön-schaurige Rotlicht-Elend). Nach ungefähr 60 Minuten fragt man sich, ob es noch eine Wendung gibt. Nach 1 Stunde 40 – der Protagonist ist tot, seine Schwester schwanger – wurde es mir zu viel.

Der Film in einem Satz:
Das Trainspotting der Nuller-Jahre. (Ich bin mir sicher, wäre ich heute 17, würde ich den Film als „authentisch“ und/oder „Erweckung“ bezeichnen. Wir lernen: Die Jugend ist das überschätzteste Alter).

Was sehe ich als nächstes?
El Secreto de Sus Ojos.

Unser Kolumnist Mikael Krogerus sieht sich jede Woche einen Film an. Vergangene Woche sah er seinen Lieblingsfilm Der weiße Hai.

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15:00 10.09.2010
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Ausgabe 39/2020

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