Kopfzerbrechen um die verschollene Boeing

MH370 Neu, aber wahr: Kein Journalist weiß, was im malaysischen Himmel wirklich passiert ist
Ausgabe 12/2014

Das ist die Geschichte der Woche. Dreimal dramatischer als Hoeneß, viermal verwirrender als Putin. Was bekannt ist: Eine Boeing 777 mit der Flugnummer MH370 startet am 8. März um 0.41 Uhr vonKuala Lumpur aus mit 239 Menschen an Bord Richtung Peking. Um 1.19 Uhr, kurz vor Verlassen des malaysischen Luftraums, kommt der letzte Funkspruch. Normalerweise hätten Pilot oder Co-Pilot sich anschließend bei der vietnamesischen Luftüberwachung melden müssen. Stattdessen werden genau in diesem kurzen, nichtüberwachten Zeitfenster der Transponder und alle anderen Tracking-Systeme, die Aus-kunft über die Position des Flugzeuges liefern, ausgeschaltet. Der nun für die Flugsicherung unsichtbare Jet macht eine große Linkskurve. In den nächsten Stunden wird er noch zweimal von Militärradars registriert, die letzte wahrscheinliche Position: Auf dem Weg Richtung Zentralasien oder südlich in den Indischen Ozean. Das ist fast zwei Wochen her. Man muss von der tragischen Tatsache ausgehen, dass die Passagiere und die Crew nicht mehr am Leben sind. Aber was wirklich geschah, weiß kein Mensch.

Damit schlägt die Stunde des Citizen journalism, des Bürgerjournalismus. Jener belächelten Idee, dass die besten Geschichten nicht mehr von den besten Schreibern stammen, sondern dass jeder etwas zu erzählen hat. Der Bürgerjournalismus macht aus Smartphone-Besitzern Foto-Reporter und aus Nicht-Gehörten Publizisten. Beim Flug MH370 traf nun der Bürgerjournalismus auf die zweite neue Mediengattung, auf den Datenjournalismus.

Data driven journalism geht davon aus, dass Wahrheit aufgrund der großen Datenmengen oft nur mithilfe von computergestützter Recherche gefunden werden kann. Und so saßen Hunderte Profis und vermutlich Millionen Laien in den vergangenen Tagen vor ihren Computern und versuchten, den Jet mithilfe von Satellitenbildern auf der Onlineplattform Tonmod zu lokalisieren. Den Laien steht praktisch das gleiche Material zur Verfügung wie den Experten.

Diesen Diskurs wiederum bestimmen drei Theorien. Erstens: Die Singapore-Airlines-Theorie. Die MH370 flog im Schatten eines anderen Flugzeugs, der SIA68, Richtung Westen, um sich so der strengen Radarüberwachung Indiens zu entziehen. Dann drehte das Flugzeug ab und landete in Kirgistan oder Turkmenistan. Es wäre der Beweis, dass auch das totalüberwachte 21. Jahrhundert Sicherheitslücken hat. Ungeklärte Frage: Warum hat der Radar der Singapore-Airlines-Maschine nicht das unter ihr fliegende Flugzeug entdeckt?

Zweitens: Die Langkawi-Theorie. Nach dem letzten Funkspruch brach im Cockpit ein Feuer aus und legte die Systeme lahm. Der Pilot steuerte instinktiv den nächstliegenden Flughafen an: Pulau Langkawi. Im Rauch wurden die Piloten ohnmächtig, das Flugzeug flog auf Autopilot noch eine Stunde, stürzte dann ins Meer. Ungeklärte Frage: Wieso änderte das autopilotgesteuerte Flugzeug nochmals seinen Kurs?

Drittens: Die Liebeskummer-Theorie. Ein Tag vor dem Flug soll die Frau des Piloten aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen sein. Aus Verzweiflung ließ der Pilot das Flugzeug abstürzen, nachdem er zuvor den Co-Piloten erschlug. Ungeklärte Frage: Ist das Leben so viel wert, dass man es sich nehmen muss? Die ersten beiden Theorien stammen übrigens von Laien. Die dritte aus den Me-dien. Bei Wikileaks war das noch anders. Da hatten sich Journalisten über die Daten gebeugt. Vielleicht zum letzten Mal.

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