Lebenshilfe für Ausgestoßene

Alltagslektüre Es ist wieder soweit: Mikael Krogerus hat Sehnsucht nach seinem guten Freund und liest Martin Amis "Money". Weil es witzig ist. Und traurig. Und tiefsinnig-oberflächlich

Was habe ich gelesen?

Money: A Suicide Note" target="_blank">Money, Martin Amis

Seitenzahl: 394

Amazon-Verkaufsrang: 7.112

Warum habe ich es gelesen?

Es ist mein Lieblingsbuch. Ich lese es immer wieder. Ungefähr so, wie man alte Freunde immer wieder besucht.

Worum geht es:

Ich-Erzähler John Self ist Werberegisseur. Und ein Junkie, süchtig nach dem Leben im 20. Jahrhundert. Er säuft, hurt, konsumiert gnadenlose Mengen Junkfood und Pornografie, verdient eine Menge und verprasst das Doppelte. Self ist die Essenz der 1980er Jahre: Er ist voll von sich selbst. Das Buch funktioniert als Lebenshilfe für Ausgestoßene genauso wie für Insider und unterwandert sich didaktisch selbst: Während eines Tennismatchs lässt sich Self auf einen merkwürdigen Hollywood-Deal ein, anschließend kann der Leser genüsslich mitansehen, wie der Erzähler und damit die Vorstellung, jeder Mensch sei ein Künstler, dekonstruiert wird und vor die Hunde geht. Zurück bleibt ein gebrochener Mann mit Narben – physischen wie seelischen – und die Einsicht, dass wir Zuschauer unseres eigenen Lebens sind.

Was bleibt hängen?

Money ist witzig. Und traurig und unglaublich tiefsinnig in seiner oberflächlichen Handlung. Amis ist ein Genie. Und ein Arschloch: Er schreibt so, dass es den Anschein hat, Schreiben würde Spaß machen.

Wie liest es sich?

Überall im Buch finden sich Passagen, die man immer wieder liest, aus purer Freunde über die satte Sprache. Amis schreibt wortreich und anarchistisch, brutal und billig. Ein Nabokov-Nachfolger, falls es je einen gab. Wie immer bei Amis: erschütternde Sex-Beschreibungen, gnadenlose Selbstdekonstruktion und die sezierende Beobachtung von Zahnschmerzen. (Er vergleicht seinen Oberkiefer mit dem Straßennetz New Yorks: „The pain was burning in my Upper West Side“).

Das beste Zitat:

Man könnte fast jeden Satz nehmen. Beginnen wir mit dem ersten:
"As my cab pulled off FDR Drive, somewhere in the early Hundreds, a low-slung Tomahawk full of black guys came sharking out of lane and sloped in fast right across our bows. We banked, and hit a deep welt in the road: to the sound of a rifle shot the cab roof ducked down and smacked me on the core of my head. I really didn't need that, I tell you, with my head and face and back and heart hurting a lot all the time anyway, and still drunk and crazed and ghosted from the plane." Amis verwandelt Substantive in Verben und Adjektive ("sharking," "ghosted") eine Schande, dass das im Deutschen verboten ist.

Fazit:

Ich bekam das Buch 2001 von einem Freund. Ich habe es bisher fünfmal gelesen. Gute Bücher sind wie Freunde. Und sie wieder zu lesen, ist wie alten Freunden wieder zu begegnen. Zuerst wundert man sich und denkt an Brecht („Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten: 'Sie haben sich gar nicht verändert.' 'Oh!' sagte Herr Keuner und erbleichte.") In der Erinnerung war der Freund und die Zeit mit ihm wunderbar, beim Wiedersehen ist einem die alte Begeisterung fast peinlich. Dann aber merkt man, dass Erinnerung versöhnlich sein kann, verklärend. Und somit bleibt Money, auch bei der sechsten Begegnung das, was es immer war: mein Lieblingsbuch.

Was lese ich als nächstes?

Missing Link: Ida und die Anfänge der Menschheit" target="_blank">Missing Link, Colin Tudge

Die Alltagslektüre: In seiner Kolumne unterzieht Freitag-Autor Mikael Krogerus jede Woche ein Buch seinem persönlichen Lese-Check. Zuletzt: von Annemarie Schwarzenbach

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