Man darf ja wohl noch fragen dürfen ...

Ritual der Woche Sich über Johannes B. Kerner aufregen: Funktioniert das überhaupt noch, seit der einstige Quotenkönig bei Sat.1 eine Talkshow moderiert, die praktisch keiner sieht?

Es gab eine Zeit in Deutschland, über die man in einigen Jahren vermutlich geflissentlich schweigen wird. Es war die Zeit, als die TV-Moderatoren Reinhold Beckmann, Johannes B. Kerner und der merkwürdigerweise von der Kritik verschonte Günther Jauch Woche für Woche aus nichtssagenden deutschen Promis und „betroffenen“ Arbeitslosen irgendeinen intimen Kokolores pressten und daraus die meistgesehenen Fernsehsendungen Deutschlands zimmerten. Beckmann, Kerner, Jauch – sie waren das Menetekel eines ungeahnten historischen Rückschritts im TV-Geschäft.

Während in der Fiction-Abteilung, namentlich im ausländischen Serien-Genre, der Stoff immer besser wurde, entwickelte sich der Talk in eine inhaltliche Sackgasse. Talkshows waren peinliche Nullaussagen geworden, die viele wohl nur schauten, weil sie nicht wussten, wohin mit sich an einem Donnerstagabend um 22 Uhr 15.

Beckmann, Kerner, Jauch – es ist schwer zu sagen, wer von den Dreien am unerträglichsten war, jeder bestach durch eine ur-eigene, lächerliche Marotte (Beckmann: das echtes Interesse suggerierende Vornübergebeugte; Jauch: die Gutmenschlichkeit; Kerner: das an Bescheuertheit kaum zu überbietende „man darf ja wohl mal fragen dürfen“).

Faszinierende Mittelmäßigkeit

In seiner faszinierenden Mittelmäßigkeit (Hobbies: Kochen und Fußball, Studium: BWL, Familienstand: verheiratet, vier Kinder) war Johannes B. Kerner vielleicht der aussagekräftigste Charakter. Ein Spiegelbild der Trivialität des Mediums. Er begann beim SFB, wurde groß beim Privatfernsehen und beim ZDF zur Allzweckwaffe. Und er war grausam erfolgreich. Warum? In seinen Sendungen gab es Platz für alle, die irgendwie in unser Fernsehleben passten. Jeder, der irgendwas zu vermarkten hatte, durfte vorbeischauen: Politiker, Arbeitslose, Verona Feldbusch, Alice Schwarzer, Verona Feldbusch und Alice Schwarzer, Jugendarbeiter, KZ-Überlebende, Eva Herman, Rüpelrapper Buschido, irgendwelche, die den Selbstmörder Robert Enke gut kannten. Kerner konnte mit allen. Lullte ein. Fragte nach Gefühlen. Wurde nie kompliziert. Widersprach niemandem. Hielt die Zeit ein. Die Quote stimmte, und er, Kerner, nervte unheimlich. Er war brav, bieder, angepasst – und vor allem: nett. Seine Nettigkeit bestand darin, den Kopf treuherzig schief zu legen, mitfühlend zu nicken und dabei in dritter Person („man fragt sich“) nachzubohren, bis den Interviewten die Tränen in die Augen stiegen. Gab es Tränen, war es eine gelungene Sendung. Das war nicht nett, das war unerträglich.

Wer lange nicht mehr Kerner gesehen hatte und dann am 17. Dezember 2009, der letzten Sendung vor der Weihnachtspause, reinschaute, musste eingestehen: Kerner hat sich verändert. Er hat daran gearbeitet, nicht mehr „nett“ zu sein. Jetzt ist er arrogant. Bei dem neuen Format Kerner (Sat.1) gab es das Übliche vom Grabbeltisch deutscher TV-Unterhaltung: Jens Lehmann, den Kerner wie ein Beichtvater zu einer Entschuldigung für sein Verhalten nötigte, ­Désirée Nick, die irgendwas über Weihnachten faselte, ein Mann, der sich trotz zweier Jobs keine Wohnung leisten konnte und im Serviceteil die Präsentation eines Handys, mit dem man seinen Partner belauschen kann. Mittendrin: Kerner, der durch die schwachsinnigen Themen mit der grinsenden Gewissheit führte, dass er in den vergangenen 15 Jahren der quotenstärkste und produktivste Moderator des deutschen Fernsehen gewesen ist.

Aber muss man sich noch jede Woche über Kerner aufregen? Nein. Er ist ein routinierter, streckenweise sogar selbstironischer Moderator geworden, der einen problemlos durch die sogenannte zweite Primetime, der Zeitstrecke nach 22 Uhr, führt. Und diese neue Selbstironie ist beängstigend. Selbstironie war traditionell die Waffe der Guten, eine Fähigkeit, die wie ein Ausschlussmechanismus zwischen uns und den anderen funktionierte. Die Grenze, die sicherstellte, dass Oliver Pocher nicht Harald Schmidt gefährlich werden konnte. Und jetzt plötzlich macht einer wie Kerner auf selbstironisch. Und Kai Diekmann auch.

Die Frage ist: Wer sollte sich um 22 Uhr 15 seine Sendung bei Sat.1 anschauen? Menschen mit lückenhaftem Kurzzeitgedächtnis, die vergessen haben, dass sie dieselben Themen schon bei Stern TV gesehen haben? (Wie die Tageszeitung Die Welt völlig richtig fragte.) Menschen, denen es egal ist, was sie sehen? Menschen, die sich an Kerners neuer Selbstironie erfreuen können? Ein Blick auf die Quote macht solche Gedankenspiele überflüssig: Die Kerner-Sendung vom 17. Dezember 09 sahen 0,61 Millionen 14- bis 49-Jährige – das entspricht einem Marktanteil von sehr schwachen 7,1 Prozent. Das heißt übersetzt: Niemand sieht die Sendung.

Fernsehen ohne Zuschauer

Aber eigentlich fragt man sich beim Zusehen etwas ganz anderes: Gibt es überhaupt noch irgendjemanden, der Fernsehen schaut? Noch vor 15 Jahren war gesellschaftlich erledigt, wer am Vorabend nicht Twin Peaks oder Wetten, dass…? im Fernsehen gesehen hatte. Heute redet kein Mensch mehr über das, was gestern bei, sagen wir, Stern TV lief. Warum auch? Was erfahren wir, wenn wir die Tagesschau sehen? Was bringt Schlag den Raab? Und für wen, außer für einige auseinandergelebte Ehepaare, ist denn der Tatort am Sonntag noch Pflicht? Die Gleichzeitigkeit der vielfältigen medialen Ereignisse verhindert doch sowieso ein kollektives Erleben. Es erscheint angesichts der technologischen Möglichkeiten (ARD-Mediathek, Youtube) lächerlich, den Tag nach einem Fernsehprogramm auszurichten.

Vor allem aber steht Aufwand und Pomp des Fernsehens in einem grotesk diametralen Verhältnis zum Unterhaltungs- oder Neuigkeitswert. Kerner schauen erinnert auf eine dramatische Art daran, dass einem der absolut größten Kulturprodukte der Neuzeit die Luft ausgeht: dem Fernsehen.

18:00 07.01.2010
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