Mikael Krogerus
07.01.2010 | 18:00 26

Man darf ja wohl noch fragen dürfen ...

Ritual der Woche Sich über Johannes B. Kerner aufregen: Funktioniert das überhaupt noch, seit der einstige Quotenkönig bei Sat.1 eine Talkshow moderiert, die praktisch keiner sieht?

Es gab eine Zeit in Deutschland, über die man in einigen Jahren vermutlich geflissentlich schweigen wird. Es war die Zeit, als die TV-Moderatoren Reinhold Beckmann, Johannes B. Kerner und der merkwürdigerweise von der Kritik verschonte Günther Jauch Woche für Woche aus nichtssagenden deutschen Promis und „betroffenen“ Arbeitslosen irgendeinen intimen Kokolores pressten und daraus die meistgesehenen Fernsehsendungen Deutschlands zimmerten. Beckmann, Kerner, Jauch – sie waren das Menetekel eines ungeahnten historischen Rückschritts im TV-Geschäft.

Während in der Fiction-Abteilung, namentlich im ausländischen Serien-Genre, der Stoff immer besser wurde, entwickelte sich der Talk in eine inhaltliche Sackgasse. Talkshows waren peinliche Nullaussagen geworden, die viele wohl nur schauten, weil sie nicht wussten, wohin mit sich an einem Donnerstagabend um 22 Uhr 15.

Beckmann, Kerner, Jauch – es ist schwer zu sagen, wer von den Dreien am unerträglichsten war, jeder bestach durch eine ur-eigene, lächerliche Marotte (Beckmann: das echtes Interesse suggerierende Vornübergebeugte; Jauch: die Gutmenschlichkeit; Kerner: das an Bescheuertheit kaum zu überbietende „man darf ja wohl mal fragen dürfen“).

Faszinierende Mittelmäßigkeit

In seiner faszinierenden Mittelmäßigkeit (Hobbies: Kochen und Fußball, Studium: BWL, Familienstand: verheiratet, vier Kinder) war Johannes B. Kerner vielleicht der aussagekräftigste Charakter. Ein Spiegelbild der Trivialität des Mediums. Er begann beim SFB, wurde groß beim Privatfernsehen und beim ZDF zur Allzweckwaffe. Und er war grausam erfolgreich. Warum? In seinen Sendungen gab es Platz für alle, die irgendwie in unser Fernsehleben passten. Jeder, der irgendwas zu vermarkten hatte, durfte vorbeischauen: Politiker, Arbeitslose, Verona Feldbusch, Alice Schwarzer, Verona Feldbusch und Alice Schwarzer, Jugendarbeiter, KZ-Überlebende, Eva Herman, Rüpelrapper Buschido, irgendwelche, die den Selbstmörder Robert Enke gut kannten. Kerner konnte mit allen. Lullte ein. Fragte nach Gefühlen. Wurde nie kompliziert. Widersprach niemandem. Hielt die Zeit ein. Die Quote stimmte, und er, Kerner, nervte unheimlich. Er war brav, bieder, angepasst – und vor allem: nett. Seine Nettigkeit bestand darin, den Kopf treuherzig schief zu legen, mitfühlend zu nicken und dabei in dritter Person („man fragt sich“) nachzubohren, bis den Interviewten die Tränen in die Augen stiegen. Gab es Tränen, war es eine gelungene Sendung. Das war nicht nett, das war unerträglich.

Wer lange nicht mehr Kerner gesehen hatte und dann am 17. Dezember 2009, der letzten Sendung vor der Weihnachtspause, reinschaute, musste eingestehen: Kerner hat sich verändert. Er hat daran gearbeitet, nicht mehr „nett“ zu sein. Jetzt ist er arrogant. Bei dem neuen Format Kerner (Sat.1) gab es das Übliche vom Grabbeltisch deutscher TV-Unterhaltung: Jens Lehmann, den Kerner wie ein Beichtvater zu einer Entschuldigung für sein Verhalten nötigte, ­Désirée Nick, die irgendwas über Weihnachten faselte, ein Mann, der sich trotz zweier Jobs keine Wohnung leisten konnte und im Serviceteil die Präsentation eines Handys, mit dem man seinen Partner belauschen kann. Mittendrin: Kerner, der durch die schwachsinnigen Themen mit der grinsenden Gewissheit führte, dass er in den vergangenen 15 Jahren der quotenstärkste und produktivste Moderator des deutschen Fernsehen gewesen ist.

Aber muss man sich noch jede Woche über Kerner aufregen? Nein. Er ist ein routinierter, streckenweise sogar selbstironischer Moderator geworden, der einen problemlos durch die sogenannte zweite Primetime, der Zeitstrecke nach 22 Uhr, führt. Und diese neue Selbstironie ist beängstigend. Selbstironie war traditionell die Waffe der Guten, eine Fähigkeit, die wie ein Ausschlussmechanismus zwischen uns und den anderen funktionierte. Die Grenze, die sicherstellte, dass Oliver Pocher nicht Harald Schmidt gefährlich werden konnte. Und jetzt plötzlich macht einer wie Kerner auf selbstironisch. Und Kai Diekmann auch.

Die Frage ist: Wer sollte sich um 22 Uhr 15 seine Sendung bei Sat.1 anschauen? Menschen mit lückenhaftem Kurzzeitgedächtnis, die vergessen haben, dass sie dieselben Themen schon bei Stern TV gesehen haben? (Wie die Tageszeitung Die Welt völlig richtig fragte.) Menschen, denen es egal ist, was sie sehen? Menschen, die sich an Kerners neuer Selbstironie erfreuen können? Ein Blick auf die Quote macht solche Gedankenspiele überflüssig: Die Kerner-Sendung vom 17. Dezember 09 sahen 0,61 Millionen 14- bis 49-Jährige – das entspricht einem Marktanteil von sehr schwachen 7,1 Prozent. Das heißt übersetzt: Niemand sieht die Sendung.

Fernsehen ohne Zuschauer

Aber eigentlich fragt man sich beim Zusehen etwas ganz anderes: Gibt es überhaupt noch irgendjemanden, der Fernsehen schaut? Noch vor 15 Jahren war gesellschaftlich erledigt, wer am Vorabend nicht Twin Peaks oder Wetten, dass…? im Fernsehen gesehen hatte. Heute redet kein Mensch mehr über das, was gestern bei, sagen wir, Stern TV lief. Warum auch? Was erfahren wir, wenn wir die Tagesschau sehen? Was bringt Schlag den Raab? Und für wen, außer für einige auseinandergelebte Ehepaare, ist denn der Tatort am Sonntag noch Pflicht? Die Gleichzeitigkeit der vielfältigen medialen Ereignisse verhindert doch sowieso ein kollektives Erleben. Es erscheint angesichts der technologischen Möglichkeiten (ARD-Mediathek, Youtube) lächerlich, den Tag nach einem Fernsehprogramm auszurichten.

Vor allem aber steht Aufwand und Pomp des Fernsehens in einem grotesk diametralen Verhältnis zum Unterhaltungs- oder Neuigkeitswert. Kerner schauen erinnert auf eine dramatische Art daran, dass einem der absolut größten Kulturprodukte der Neuzeit die Luft ausgeht: dem Fernsehen.

Kommentare (26)

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Ehemaliger Nutzer 07.01.2010 | 20:29

Fernsehen ohne Zuschauer - ja wenn der FREITAG nur 10% dieser Zahl erreichen würde!

"Die Kerner-Sendung vom 17. Dezember 09 sahen 0,61 Millionen 14- bis 49-Jährige – das entspricht einem Marktanteil von sehr schwachen 7,1 Prozent. Das heißt übersetzt: Niemand sieht die Sendung."

Bei aller berechtigten Kritik an Kerner und Kollegen ist doch Vorsicht bei Zahlen angebracht: Wieviel 14- bis 49-Jährige Besucher hatte Freitag.de im gesamten Jahr 2009? Wieviel Leser die Printausgabe? Und bei der Summierung nicht vernachlässigen, dass täglich fast immer die gleichen Nutzer und wöchentlich immer die gleichen Leser sich das Vergnügen gönnten.
Hätte der FREITAG irgendwann einmal einen Marktanteil "von sehr schwachen 7,1 Prozent" erreicht, würden dort Champagnerkorken knallen und die Redakteure und freien Mitarbeiter könnten endlich verdienen, was sie verdienen ...

Gibt es weniger als niemand?

Mikael Krogerus 07.01.2010 | 22:00

Hallo born2bmild,
ja,ja, das stimmt natürlich. Aber der Vergleich hinkt. Leser/Zuschauer-Zahlen von Print und Fernsehen zu vergleichen ist so unsinnig wie jene von Faustball und Fußball. Vor allem aber finde ich Kerners Inhalte langweilig bis problematisch, während ich jene von meinen Kollegen, zum Großteil, für sehr lesenswert halte.

@ dalkowski: nicht alles ist gleich. In der Mittelmässigkeit gibt es eine interessante Variation. Parallel zum Talk entwickelte sich das "Reality"-Format, gegen das in Form von "Bauer sucht" Kerner ja am Montagabend scheiterte. Man hat also die Wahl zwischen verschiedenen Mittelmässigkeiten.

mh 07.01.2010 | 22:16

ich rede lieber darüber wie schlecht fernsehen ist, als es zu schauen. das gibt mir auch ein gefühl der überlegenheit. es bestärkt mich im toll sein.

leider ist es ein trend geworden. das ist so langweilig wie zeitungen zu bashen. wir brauchen mal was neues, langweiliges über das wir so richtig überlegen ablästern können. also weg von der leichenschändung toter medien.

mfg
mh

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Ehemaliger Nutzer 08.01.2010 | 00:17

Na, dann vergleiche ich, bzw. Alexa, mal Freitag.de mit beliebigen anderen Wochenzeitungen, von sogenannten Nachrichtenmagazinen wie Spiegel, Focus und Stern zu schweigen,im Netz.
tinyurl.com/yd98bd3
Da hinkt der Freitag auch, kaum wahrnehmbar, hinterher.
Nochmal, Ihre Kritik an Kerner et al ist sicherlich berechtigt, auch wenn ich ihn und anderere Talker/-innen seit langer Zeit nicht mehr gesehen habe, denn meine mir verbleibende Lebenszeit mag ich dort nicht verschwenden.
Meine Kritik richtet sich dennoch dagegen, 610 000 14- bis 49-Jährige als nicht beachtenswert, als Niemand zu bezeichnen. In einem sich so nennenden Meinungsmedium, das zwar, von mir seit Jahren als Abonnent, als sehr lesenswert gewertet wird, dessen Meinungen jedoch weitaus weniger Menschen erfahren - und beherzigen - als die Banalitäten eines Johannes Baptist Kerner.
Überlassen Sie doch einfach diese Häme, "Fernsehen ohne Zuschauer", den Kollegen von SPON. Die sind darauf geeicht.

Michael Angele 08.01.2010 | 00:33

Lieber Mikael, habe Kerner schon eine Weile nicht mehr geschaut. So, so er ist nun also auch selbstironisch geworden. Sollten wir nicht langsam einen Watchblog zum Thema starten? Berichten, wer als nächstes umfällt. Wie steht es zum Beispiel um "Das Wort zum Sonntag"? Ein heißer Kandidat!
Und folgt der Selbstironisierung dann eine Retro-Welle? Zurück zum Seriositätsdarsteller, geht das dann überhaupt noch? Fragen über Fragen.

Mikael Krogerus 08.01.2010 | 00:40

Okay, einverstanden. Aber wie Ihr Vorredner richtig schreibt: Die Untoten regen sich, 600 000 sind nicht niemand. Ich bin für die Abschaffung des Fernsehens ausser zu WM/EM Zeiten. Mit Einschränkung auch CL. Und das ist ja auch ein Bereich, indem sich das Fernsehen echt weiterentwickelt hat. Meine Frage ist: warum stagniert es im Newsbereich, im Talk, in der Unterhaltung?

Mikael Krogerus 08.01.2010 | 00:48

Hoppla, jetzt sind mir die Kommentare durcheinandergeraten. Kann man denn nicht auch Kommentare von Kommentaren kommentieren? Vermutlich aus gutem Grund nicht. Also, Michael, ja, wer fällt als nächstes? "Heute" ist ja schon beim Relaunch vor x Jahren selbstironisch geworden, sodass Berufsjugendliche kichernd Kleber schauten. Von Sound und Inhalt her aber ist "heute" ein Derivat der neunziger. Die neue Seriösität, wo sieht man die?

Joachim Petrick 08.01.2010 | 01:47

Hallo Mikael Krogerus,
geht es bei den Medien überhaupt noch um die Zoten Quoten von Zuschauer/innen Zahlen?
Geht es nicht, wie bei der genda 2010, Hartz IV mit seinern Stillegungswirkungen der formiert "steitfernen Gesellschaft", eher um die sanfte umweltverträglich soziale Entsorgung von VIP-Personal- Überhängen aus allen gesellschaftlichen Bereichen, Parlamenten, Parteien, Gewerkschaften, Verbänden, Kirchen, Medien, Stiftungen nach dem Motto
"Hast Du einen Opa, eine Oma, schicke sie wie ihn nach Europa!"
oder in die Talk Runden Stunden der Medien?
"Man sieht sich!"

tschüss
JP

misterl 08.01.2010 | 10:07

Kerner? Wer ist Kerner?

Übrigens: Beckmann, Maischberger, und wie sie alle heißen kenne ich auch nur noch aus der Erinnerung. Ich gebe zu, mir fehlt nichts. Selbst Plasberg (früher im WDR mal Pflichttermin) ist mittlerweile in Vergessenheit geraten.

Dalkowski hat schon recht. Bei der Mittelmässigkeit spielt die "Qualität" keine Rolle, sondern nur deren Existenz.

mh 08.01.2010 | 10:08

aber welche aussagekraft soll denn in den 600k stecken? es gibt halt leute die das schauen.

interessanter finde ich, dass es durch wechsel des senders einfach weniger geworden sind. heißt das nun, dass es leute gibt, die einfach alles schauen was auf sender x gezeigt wird und die person als solche gar nicht so im vordergrund steht?

das wäre verheerend für kerner.. nicht zuletzt für seine werbeaktivitäten.

mfg
mh

Joachim Petrick 08.01.2010 | 10:12

korrigiert und ergänzt:

Hallo Mikael Krogerus,
geht es bei den Medien überhaupt noch um die Zoten Quoten von Zuschauer/innen Zahlen?
Geht es nicht, wie bei der Agenda 2010, Hartz IV mit seinern Stillegungswirkungen der formiert "streitfernen Gesellschaft", eher um die sanfte umweltverträglich soziale Entsorgung von VIP-Personal- Überhängen aus allen gesellschaftlichen Bereichen, Parlamenten, Parteien, Gewerkschaften, Verbänden, Kirchen, Medien, Stiftungen nach dem Motto
"Hast Du einen Opa, eine Oma, schicke sie wie ihn nach Europa!"
oder in die Talk Runden zu späten Stunden der Medien?
"Man hört von sich, auch sieht man sich bei später Gelegenheit!"

tschüss
JP

Jan Pfaff 08.01.2010 | 12:48

@misterL: Also wenn ich eines nicht verstehe, dann nicht so sehr warum Jauch bisher von Kritik weitgehend verschont blieb, sondern warum Plasberg - zumindest früher - immer so abgefeiert wurde. Vielleich weil er die Idee, es könnte sich in einer Talkshow doch tatsächlich ein Gespräch entwickeln, am deutlichsten ad absurdum führt. Dieses Zerhackstücken der Diskussion mit Einspielfilmchen - war das schon immer so schlimm oder ist es aus Panik vor dem zappenden Zuschauer nur immer mehr geworden?

treetsZ 08.01.2010 | 13:42

rama,

ich sehe das ähnlich. Dieser Text hat null Relevanz, er steht etwas in der Tradition eines Broders, was das unflätige Polemisieren betrifft. Der "Niedergang des Fernsehens" steht erstens im Widerspruch zum Zuschauerverhalten, zweitens ist das ähnlich ausdifferenziert wie "Das Internet ist doof".

Das für mich Auffällige an diesem und ähnlichen Texten, wo sich Jung-Journalisten zu Richtern über Kollegen erheben, ist: ihre Texte sind nicht selten ebenso wenig analytisch, bieten eben so wenig Tiefgang wie das, was sie verurteilen.

Mal ernsthaft: was hat dieser Text mehr zu bieten als dass einer sich ein paar Sendungen angeschaut hat und nun seine private Meinung zum Besten gibt? Pardon, so etwas kann ich mir auch am Tresen einer Kneipe anhören.

Abgesehen davon, dass ich sowohl bei Beckmann als auch bei Jauch schon interessante und gute Sachen gesehen habe. Und wenn z.B. Jauch drei Millionen und mehr Zuchauer hat, können das doch nicht nur völlig verblödete sein.

Damit kein falscher Eindruck entsteht: ich bin nicht grundsätzlich gegen Polemiken. Aber gerade dabei muss man sich Mühe geben, muss mit dem Florett gut umgehen (M. Angele z.B. kann das sehr schön) oder zumindest einen originellen Ansatz bieten. Und nicht das übliche Blabla herunterleiern.

Ernsthaft: reicht es dem Freitag, mit solchen Texten die kleine Gemeinde zu bedienen, die genauso denkt? In dem Fall will ich nichts gesagt haben: dann macht es euch in eurer Nische noch schön gemütlich.

Pipi 08.01.2010 | 14:51

Der Autor verallgemeinert m.Mn. leider unzutreffend vom speziellen Einzelfall ins TV-Allgemeine. Sicher ist das Fernsehen breiter und fragmentierter geworden. Das spricht aber nicht gegen die Marken-Relevanz einzelner Fernsehformate, sondern in die größer gewordenen nötigen Anstrengungen, solche Relevanz in einem breiteren TV-Spektrum aufzubauen. Kerner polarisierte und verärgerte einst nur deshalb, weil er und damit auch sein Medium nicht völlig unwichtig waren, sondern über eine gewisse in Jahren aufgebaute Relevanz verfügten. Seine jetzigen Probleme zeigen, wie schwer und langsam sich der Ruf und die Relevanz neuer Fernsehsendungen aufbauen. Als Beckmann, Kerner starteten, habe ich nicht viel darauf gegeben. Später waren sie bekannte und vielbeachtete Fernsehinstitutionen. Auch Maisberger brauchte einige Zeit, um die richtige Form und daraus folgend durchaus solide Beachtung zu finden. Ob Kerner gleiches im neuen Privatsender gelingt, bleibt abzuwarten, wenngleich ich es in dieser Form auch eher skeptisch beurteile.
Dass dem Fernsehen die Luft ausgeht, sehe ich im übrigen vorerst überhaupt nicht. Die Sender sind zwar mehr geworden und es muß Aufmerksamkeit ans Internet abgeben. Aber vorerst hat das Fernsehen ein viel stärkeres technologisches, institutionelles und finanzielles Fundament, weil eine viel längere Geschichte als etwa einzelne Internetanbieter. Das Fernsehen bleibt vorerst DAS audiovisuelle Guckloch in die Welt und ins Weltgeschehen. Auch wenn es zunehmend mit dem Internet zusammenwächst, bleibt es weiterhin autonom als Medium Fernsehen.

Mikael Krogerus 08.01.2010 | 15:02

Das stimmt (Sie beziehen sich vermutlich auf die Nielsen Zahlen; noch nie zuvor haben so viele Menschen ferngesehen wie 2009), ob dagegen TV vom Internet autonom bleibt ist eine interessante Frage. Bei Umfragen wird ja gern Fernsehkonsum und DVD-Konsum gleichzeitig abgefragt, und dann heißt es hinterher: TV ist der Gewinner in der Krise. Aber was, wenn die DVD aus dem Internet gekauft oder heruntergeladen wurde und dann über einen Fernsehbildschirm abgespeilt wird? Wem gehört der Zuschauer dann?
Dass übrigens meine Analyse so dünn sei wie die Sendung von Kerner mag stimmen. Vielleicht liegt ja auch darin das Erfolgsgeheimnis schwacher Inhalte (wie MH weiter oben andeutete): man liest/schaut sie, weil man sich prima drüber aufregen kann.

Pipi 08.01.2010 | 16:16

Ich beziehe mich auf keine Zahlen, sondern auf eigene Erfahrungen und Beobachtungen. Wenn die noch mit Zahlen übereinstimmen, um so besser. Ich glaube, die sogenannte Internetavantgarde der Poweruser macht sich Illusionen über den Umfang der Internetnutzung der breiten Bevölkerung, insbesondere der älteren Ü40. Es haben zwar mittlerweile viele einen Internetanschluß, aber die Nutzung ist doch inhaltlich und vermutlich auch zeitlich recht beschränkt, vorwiegend auf praktische Dinge wie Bahn, Reiserecherche u.ä. . Von der Jugend wird es überwiegend auch nur für Kommunikation wie Web 2.0, Chat und Mail, sowie für Videos und Musikdateien genutzt. Der programmatische Mainstream kommt immer noch aus dem Fernsehen. Mir fallen abgesehen von kleinen Videos jedenfalls keine großen inhaltlichen Massenprogramme und Formate aus dem Internet ein. Richtiges Programm kommt abgesehen von einer lebendigen, aber eher elitären Blog-Nische vorerst nur aus dem Fernsehen. Im Internet gibt es bisher nur Schnipsel (z.B. auf Twitter), aber kaum bis gar kein handfestes Programm.

heiner 08.01.2010 | 17:44

Wer es nötig hat, aus ein paar harmlosen biografischen Eckdaten wie diesen einen persönlichen Angriff, gar eine tiefere Aussage abzuleiten, der sollte lieber gar keine Kritiken mehr schreiben:

"In seiner faszinierenden Mittelmäßigkeit (Hobbies: Kochen und Fußball, Studium: BWL, Familienstand: verheiratet, vier Kinder) war Johannes B. Kerner vielleicht der aussagekräftigste Charakter. Ein Spiegelbild der Trivialität des Mediums."

Selten so etwas Lächerliches und Dreistes gesehen. Ich bin zwar auch froh, das Kerner nicht mehr im ZDF ist und mit seinem Pseudojournalismus offenbar schließlich doch auf die Schnauze gefallen ist. Aber aus solchen Dingern wie den obigen Invektiven zu zimmern, ist das Spießigste und Dämlichste, was man sich denken kann.

Geben Sie doch mal Ihre biografischen Eckdaten her, Herr Krogerus: Da drechsele ich Ihnen locker in nullkommanichts einen miesmacherischen Absatz zusammen, der alles noch unvorteilhafter hindreht. (Ist Herr Augstein jetzt ein armer Kerl, nur weil er gerne gärtnert?)

Jörg Augsburg 08.01.2010 | 22:40

Es ist ja genau diese Mittelmäßigkeit, die Herr Kerner äußerst gewinnbringend (auch in seinen Werbeaktivitäten) verkauft und die der Garant für seine Medienpräsenz ist. Also ist es doch wohl absolut berechtigt, sie in der Beurteilung seiner offiziellen Außenwirksamkeit einzubeziehen. (Ob das der realen Person hinter der Marke/Kunstfigur Kerner entspricht, tut dabei nichts zur Sache.)

Mikael Krogerus 10.01.2010 | 23:27

Liebe (r) Pipi, da bin ich etwas anderer Meinung; natürlich kommt der Mainstream aus dem Fernsehen, aber das interessante ist ja, dass Internet und Laptop zu Transport- und Endgeräten geworden sind, die TV-Inhalte abspielen. Internet-on-Tv, hieße es vor 10 Jahren, sei das nächste große Ding. Tatsächlich wurde es TV-on-Internet. Mein Text bezog sich aber mehr darauf, dass die Talk-Inhalte im TV mit den Ficitoninhalten für Kino/DVD und TV überhaupt nicht mehr mithalten können. Und dass ich dafür die deutschen Talker (mit)verantwortlich mache, weil sie sich eben auf einer Mittelmässigkeit ausgeruht haben, von der sie wohl ahnten, dass sie nichtssagend ist, sich aber damit zufrieden gaben, weil sie erfolgreich waren.

Pipi 11.01.2010 | 13:25

Im Zusammenhang mit Kerner heißt es direkt danach im letzten zusammenfassenden Absatz: "Aber eigentlich fragt man sich beim Zusehen etwas ganz anderes: Gibt es überhaupt noch irgendjemanden, der Fernsehen schaut?" Mit Verweisen auf die Relevanz von Tatort, Wetten dass, Tagesschau, Schlag den Raab.

Das Fernsehen hat dem Internet mit der Aufmerksamkeit sicher auch einiges an Relevanz abgeben müssen. Es hält sich aber nichtsdestotrotz erstaunlich gut. Sendungen wie Tatort, Wetten dass, Schlag d. Raab, Tagesschau haben immer noch Millionen-Einschaltquoten und haben damit definitiv eine viel höhere programmatische Relevanz als originäre Internetanbieter. Dürfte neben der längeren Geschichte, ausgereifteren Technik, Institutionen usw. auch daran liegen, dass es im Fernsehen viel weniger Programm gibt als im Internet und damit viel größere Möglichkeiten der Bündelung von Zuschauern und programmatischen Konzentration. Das Internet steckt abgesehen von Onlinenews wie Spiegel Online programmatisch hinsichtlich großer ambitionierter und relevanter Massenprogramme noch völlig in den Kinderschuhen. Das Fernsehen wird seinen Vorsprung in dieser Hinsicht noch für Jahrzehnte, wenn nicht für immer halten können. Die Empfangbarkeit von Fernsehstreams und Videos im Internet tut dazu nichts zur Sache, das Fernsehen ist eine eigenständiges Medium und eigenständige Institution gegenüber einzelnen Internetanbietern. Zum DVD-Konsum liegen mir zwar keine genauen Zahlen vor, aber seine Beachtung in der öffentlichen Widerspiegelung (Medien, Foren, Öffentlichkeit, private Beobachtungen) erscheint mir gegenüber dem Fernsehen vergleichsweise unterentwickelt. Das ist eher die Reaktion einer kulturellen Minderheit, die sich von der Qualität des Fernsehens abgestoßen fühlt.

Mikael Krogerus 11.01.2010 | 14:31

Nun, der letzte Absatz ist nur Polemik. Ein bisschen unsauberes Wunschdenken. Mir ist natürlich klar, dass Raab und andere sehr starke Marken sind, die völlig unbeeindruckt vom Internetrauschen ihre sicheren Millionen haben, die regelmässig zuschauen. Was ich meinte: ich wundere mich, erstens, dass es so ist und frage zweitens, ob mein Eindruck stimmt, dass weniger über die TV-Ereignisse vom Vortag geredet werden? Ich will hier überhaupt nicht eine Lanze brechen für irgendwelche originären Internet-Formate. Ich glaube nicht, dass das Internet TV bedroht. Und ich sehe TV, wie Sie, als eigenständiges Medium. Aber wenn man sich DVD-Verkäufe (seit 8 Jahren steigend, letztes Jahr leichter Einbruch) und Kino (gewaltiger Zuwachs im letzten Jahr) anschaut, parallel dazu kleine, aber vielleicht langfristig wichtige technische Entwicklungen wie Streaming, Downloading etc, dann wage ich zu fragen: sollte vielleicht der Talk mal einen Zacken zulegen, um mit dem Ficiton Genre mitzuhalten?