Porno im streng journalistischen Kontext

52 Filme - 52 Wochen „The Devil in Miss Jones“ - Sie darf noch einmal zurück auf die Erde, so richtig die Sau rauslassen, um dann allen Grund zu haben, in die Hölle zu fahren

Was habe ich gesehen?
„The Devil in Miss Jones“ (1973), Laufzeit: 82 min, Regie: Gerard Damiano.



Warum habe ich es gesehen?
Der aktuelle Freitag („Die Weihnachtsnummer“) ist dem Sex gewidmet. Das erlaubte mir, im streng journalistischen Kontext meiner Kolumne, einen Porno zu schauen.

Worum geht es?
Verzweifelte, vereinsamte Frau (spektakulär: Georgina Spelvin) öffnet sich in der Badewanne die Pulsadern und verblutet. In der Nachwelt begegnet sie einem luziferischen Sekretär (Petrus?), der ihr eröffnet, dass sie aufgrund ihrer Sünde (Selbstmord), in die Hölle muss. Miss Jones fällt aus allen Wolken: nach der Hölle auf Erden erwartet sie jetzt im Jenseits auch noch die richtige Hölle? Die kreuzbiedere Jungfer argumentiert, sie hätte doch auf Erden ein nicht nur trostloses, nein, sogar ein keusches Leben gelebt. Nach einigem Hin und Her gelingt es ihr, Petrus zu einem Deal zu überreden: Sie darf noch einmal zurück auf die Erde, so richtig die Sau rauslassen, um dann allen Grund zu haben, in die Hölle zu fahren.
Im folgenden wird sie von einem schmierigen Typen (Porno-Legende Harry Reems) in die, nun ja, Liebe eingeführt: Blowjob, vaginal, anal, Doppelpenetration (bei der Miss Jones die legendäre Frage stellt: „Spürt ihr eigentlich, wie sich eure Schwänze in mir aneinander reiben?“), einige verwirrende autoerotische Szenen mit einer Giftschlange, diversen Früchten und einem Gartenschlauch sowie ein hocherotischer lesbischer Akt. Das Ende ist kafkaesk. Die zur Total-Nymphomanin gewandelte Miss Jones ist eingesperrt in einer winzigen Zelle mit einem autistischen Mann, der keine Lust auf sie hat. Sie bittet, bettelt um Sex; fleht ihn an. Er (irr: Gerard Damiano himself) schaut sie nicht mal an, sucht nur nach einer imaginären Fliege im Raum. Wir lernen mit Sartre: Die Hölle sind die anderen, bzw. mit Daimiano, dem Philosophen unter den Pornoproduzenten: ein Leben ohne Sex ist die Hölle. Küchenpsychologisch übersetzt, hieße das: schlimmer als die Hölle ist es, von jemandem abgewiesen werden.

Am Schluß erlaubt sich Damiano noch eine feine cinematographische Selbstkritik. Die Kamera zoomt raus, bis sie durch das Schlüsselloch der Zelle die Szene betrachtet. Es ist der Teufel, sich an seiner Hölle erfreut. Und der Teufel sind wir, die Pornokonsumenten.

Was bleibt?
Georgina Spelvin. Die damals 36-Jährige, die eigentlich als Gehilfin auf dem Set gebucht war und erst im Laufe des Drehs für die Hauptrolle gecastet wurde, spielt ihre Miss Jones mit einer solchen Hingabe und Vielschichtigkeit, dass man für einen kurzen Moment der Versuchung erliegt, dies sei der erste Porno, bei der die weibliche Hauptperson nicht objektiviert wird. Das ist natürlich Unsinn. Und ihre haarsträubende Schwanzfixierung ist eine gewaltige Rolle rückwärts in längst überholt geglaubte freudsche Denkmuster. Aber man kann vermutlich sagen, dass Spelvin die beste Schauspielerin im Pornobusiness ist. Vielleicht auch die einzige. Der Regisseur Damiano hat viel später in einem Interview mal gesagt, dass er das Geld, dass er mit seinem Top-Hit „Deep Throat“ ein Jahr zuvor verdient hatte, dazu nutzen wollte, einen Pornofilm zu drehen, der von der weiblichen Hauptrolle handle und sie nicht bloß in diversen Positionen beim Geschlechtsverkehr zeige. Der Sex bei Miss Jones ist tatsächlich anders als in den vulgär-gynäkologischen Nahaufnahmen der Youporn-Generation. Er ist nicht brutal und humorlos. Auch nicht manisch-mechanisch auf den männlichen Orgasmus fixiert. Der Sex in Miss Jones ist ein bisschen anrüchig und billig und somit echt. Wenigstens für 60 Minuten.

Was bleibt sonst noch?
Dass weder Georgina Spelvin noch Harry Reems intimrasiert sind. Und auch nicht mit Silikon, respektive anabole Steroide vollgepumpt. Dass sie beide zwar gut aussehen, aber in der hochgezüchteten Pornobranche heute mit Sicherheit keine Chance hätten. Dass man das Gefühl hat, sie würden schwitzen, riechen, sich gehen lassen, aber zwischendurch auch bloß so tun als ob. Das alles macht sie relativ normal. Und damit insgesamt: sehr sexy.

Diese Frage stellt der Film:
Seit wann sind Sie intimrasiert? Und warum?

Was sehe ich als nächstes?
Black Water.


Unser Kolumnist Mikael Krogerus sieht sich jede Woche einen Film an. Vergangene Woche sah er
15 year old Tells Establishment to Stick-it

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12:00 26.12.2010
Geschrieben von

Ausgabe 41/2021

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