Scheitern

Generation 1975 Sie sind in den siebziger Jahren in der DDR geboren und im wiedervereinigten Deutschland erwachsen geworden. Eine von ihnen: Katja Weniger, 1978 in Meißen geboren

Ich glaube, es ist sehr wichtig, wie alt man zur Zeit der Wende war. Die 20-Jährigen sind durchgestartet, bei den 15- oder 16- Jährigen hatte ich eher das Gefühl, dass sie lange Zeit mit der Freiheit nicht viel anfangen konnten. Ich selbst war damals elf. Die Wende war das erste politische Ereignis, das ich wahr- und an dem ich teilgenommen habe.

./resolveuid/49e6e51af53af436fba3ebd80df640f8Heute fallen mir noch kleine Dinge auf. Zum Beispiel, dass alle meine Ostfreunde im Osten und 90 Prozent der Westfreunde im Westen von Berlin wohnen. Oder dieses Schweigen über das Leben vor dem Mauerfall. Ich kenne nur wenige Ostdeutsche, die sich aktiv mit ihrer Vergangenheit oder der ihrer Familie auseinandersetzen. Vielleicht, weil sie sich nicht erinnern möchten, weil die Erinnerung schmerzt. Oft kann man das Neue aber nur einschätzen, wenn man das Alte verarbeitet hat. Ansonsten bleiben die Menschen stumm.

Wir stehen das schon durch

Ich glaube, was meine Generation geprägt hat, ist die Erfahrung des Scheiterns. Wir haben fast alle erlebt, wie unsere Eltern nach 1989 neu anfangen mussten. Dabei hatten einige bereits mit dem System der DDR gehadert, andere waren eher mit den Ergebnissen der friedlichen Revolution unzufrieden, weil sich ihre politischen Hoffnungen nicht erfüllt hatten. Als 1990 zur Wahl der Volkskammer das Bündnis 90 nur 2,9 Prozent erreicht hat, waren einige meiner älteren Bekannten schwer enttäuscht. Warum wollten so wenige Menschen neue Ideen mittragen? Aber egal, ob man in der DDR für das System oder dagegen war, in beiden Gruppen mussten sich viele einen neuen Beruf suchen, sie mussten umziehen, Familien brachen auseinander. Die Ostdeutschen meines Alters haben erfahren, dass einige der Eltern nicht wieder ins Leben fanden, vielleicht sogar heute noch Schwierigkeiten haben, ihren Alltag zu regeln.

Ich selbst bin daher vorsichtig geworden. Ich scheue mich, mich in großen Lebens- und Jobfragen festzulegen. Es kann sich doch alles wieder ändern! Ich will meine Seele nicht an eine Arbeit, eine politische Idee oder gar einen Menschen hängen.

Andererseits hat die Erfahrung des Scheiterns mich auch ruhiger gemacht. Ich habe zum Beispiel wenig Angst davor, im Job zu scheitern. Ich gebe mich leichter mit Dingen zufrieden. Also, ich meine: Ich muss nicht ständig nach Höherem streben. Für meine westdeutschen Kollegen dagegen ist es völlig normal, den Job zu wechseln oder gar nicht erst eine schlecht bezahlte Stelle anzunehmen. Sie sehnen sich immer nach etwas Besserem.

Wenn ich in Schwierigkeiten bin, sagen meine Eltern oft: „Da musst du jetzt durch, das gehört dazu.“ Das soll mir sagen: Egal, was kommt, wir stehen das schon durch. Das mag paradox klingen, aber dieses gesellschaftliche Scheitern schon einmal erlebt zu haben, hat zugleich Vertrauen hervorgebracht. Es wird schon irgendwie weitergehen.

Protokoll: Mikael Krogerus



Katja Weniger, geboren 1978 in Meißenm betreut die Öffentlichkeitsarbeit im Französischen Dom in Berlin

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08:00 07.07.2011
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Ausgabe 38/2020

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