Sympathy for the Devil

Alltagskino Durchgeknallt, homophob, mörderisch. Mikael Krogerus schaut einen Dokumentarfilm über die Black-Metal-Bewegung, der trotz seiner Distanzlosigkeit wichtige Fragen aufwirft

Was habe ich gesehen?
Until the Light Takes Us (2009), Länge: 131 Minuten


Warum habe ich es gesehen?
Die Suche nach dem besten Kriegsfilm ist vorüber. Gewonnen hat ein Schweizer. Es beginnt die Adventszeit. Besinnlichkeit, Nächstenliebe, Einkehr. Gesucht ist also ein Film, der die Weihnacht, und/oder im weitesten Sinne unsere christlichen Rituale thematisiert. Ich eröffne mit dem Apocalypse now der Weihnachtsfilme: Until The Light Takes Us.

Worum geht es?
Vor rund 20 Jahren erschütterten ein paar bleichgesichtige norwegische Jugendliche die internationale Rock-Szene mit einer neuen Metal-Variante: Black Metal, eine krude Mischung aus gutturalem Gekreische zu monotonen Riffs, morbiden Zeichen, durchgeknallter Philosophie (Ablehnung des Christentums und des Kapitalismus, offene Homophobie und unverhohlener Rassismus, Anrufung heidnischer Mythologie) und erstaunlichem Aktionismus (Gewehrsalven auf ein McDonald's als Protest gegen den US-Konsumismus). Die kleine Szene – sie bestand im Prinzip aus drei Bands und einem Plattenladen mit Übungskeller – erlangte über Nacht Weltberühmtheit, als Mitglieder der Bands Kirchen anzündeten. Unter anderem die 1150 errichtete Fantofte Stabkirche. Es folgten weitere Kirchenbrände und zwei bizarre Morde. Black Metal war plötzlich kein skurriler Ableger der Heavy-Szene, sondern ein gefährlicher Mix aus Satanismus, Nationalismus und roher Gewalt.

Der Film versucht nun, die tatsächlichen Hintergründe der Ereignisse zu beleuchten. Im Zentrum steht Varg Vikernes von der Ein-Mann-Band Burzum, der wegen eines brutalen Mordes an seinem ehemaligen Bandkollegen Euronymus die Höchststrafe von 17 Jahren absitzt. Das Interview fand im Gefängnis statt. Und Varg Vikernes erzählt Erstaunliches. Ganz ruhig erklärt er, nie ein Satanist gewesen zu sein, sondern einem Journalisten von den Kirchenbränden erzählt zu haben, um die inhaltliche Kritik an der Hegemonie des Christentums zu verdeutlichen. Er wollte, mit anderen Worten, verhindern, dass man das Abfackeln der Kirche als Satanismus, Pyromanie oder Jugendstreiche abtut. Aber der Journalist, berauscht von der Aussicht auf einen Scoop, stellte Varg als einen Satanisten dar. Diese Fehl(?)-Interpretationen legte den Grundstein für eine heftige, internationale satanistische Bewegung, die in einer Art Copy-Cat-Manier Kirchen niederbrannte, Satansymbole zeichnete und sich dabei fälschlicherweise auf Varg bezog.

Neben dem eindeutig verrückten, aber seltsam eloquenten und intelligenten Varg kommen viele andere Vertreter der Szene zu Wort. Da ist der infantile Feniz („Darkthorne), der schweigsame Frost („Satyricon“), der unsympathische Jan Axel Blomberg („Mayhem“). Da sind Super-8-Aufnahmen von dem legendären Pelle „Dead“ Ohlin, der sich mit einem Gewehr in den Kopf schoss. Als ein Bandmitglied ihn fand, rief er nicht sofort den Krankenwagen, sondern zückte – ganz im Dienst der Sache – erstmal seinen Fotoapparat. Das Bild zierte das später veröffentlichte Cover einer Live-LP (diesen Link nur anklicken, wer starke Nerven hat). Dazu lebt der Film von irren Originalaufnahmen aus den spätern 1980ern, kommentarlosen Interviews und wirklich schönen Landschaftsaufnahmen.

Was bleibt?

Zyniker, Kulturpessimisten und Christen fällt es natürlich leicht, den Film und die ganze Szene zu verteufeln. Es ist ohne Risiko, die blassen Jungs als missverstandene Außenseiter zu identifizieren, die sich auf der Suche nach Geltung und, vermutlich, Liebe jeden Preis zahlten. Es ist ein Leichtes, das Anti-Christentum-Geplapper des Varg Vikernes als inhaltsleere Provokationen eines Neonazis zu deuten. Sich kopfschüttelnd über die Gewaltexzesse der wohlstandsverwahrlosten norwegischen Jugend erregen – kein Problem. Doch Hohn und Besserwisserei, ausgerechnet in der toleranten westlichen Welt weit verbreitet, sind fehl am Platz. Denn auch wenn der Film einen für meinen Geschmack distanzlosen, also positiven Blick auf die Szene wirft, so stellt er doch Fragen, über die es sich lohnt nachzudenken. Gerade im Advent, finde ich, sollte man sich zwischen Glühwein mit Schuss, heillos überteuerten Kindergeschenken, Islam-Angst und dem obligatorischen Besuch des Mitternachtsgottesdienstes mal überlegen, wie wir Christen uns eigentlich in der Welt benommen haben. Und wie wir uns noch immer benehmen. Varg Vikernes Auseinandersetzung mit unserer Zeit finde ich falsch, auch gefährlich. Aber der Diskurs darüber ist wichtig.

Was bleibt auch noch?
Wenn man sich etwas tiefer mit der Materie beschäftigt, stößt man natürlich in den in exzellentem Englisch vorgetragenen Anklagen des Varg Vikernes auf Widersprüche. Wie genau erklärt sich die hetzende Homophobie der Szene? Wie steht es um den Antisemitismus? Was um alles in der Welt soll der Flirt mit dem Dritten Reich? Die Widersprüche heben die beiden Filmemacher Aaron Aites and Audrey Ewell, die für ihre Recherchen zwei Jahre in Norwegen lebten, nicht auf. Die Vermutung liegt nahe, dass sie ihrem Untersuchungsobjekt in dieser Zeit etwas zu nahe gekommen sind.

Wer sollte den Film sehen?
Konfirmanden-Gruppen.

Was sehe ich als nächstes?
Lump

Unser Kolumnist Mikael Krogerus sieht sich jede Woche einen Film an. Vergangene Woche sah er

War Photographer

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16:00 03.12.2010
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Ausgabe 41/2021

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