Wer will sonntags nicht lieber ausschlafen?

Alltagskino Unser Kolumnist schaut seine Lieblings-Simpson-Folge. Und die bietet wirklich alles, was die Simpsons ausmacht: das Menschliche, das Provokative und das Größenwahnsinnige

Was habe ich gesehen?
Homer The Heretic (Deutsch: Ein gotteslästerliches Leben – Die Simpsons) 3. Folge, 4. Staffel, von George Meyer. Laufzeit: 23 Minuten.

Warum habe ich es gesehen?
Ich lese zurzeit And Here's The Kicker – Conversations with 21 Top Humor Writers On Their Craft. („And Here's The Kicker“ bedeutet in etwa: „Und hier kommt die Pointe“.) Der Vanity-Fair-Schreiber Mike Sacks interviewt also einige der absoluten Topshots der amerikanischen Comedy-Schreiberszene. David Sedaris etwa. Oder Dan Mazer (den Borat/Ali G-Texter). Und George Meyer. Ich kannte den Namen auch nicht. Es ist der Autor einiger meiner allerliebsten Simpson-Episoden. Und er ist, das kommt im Interview raus, einer der besten in der hohen Kunst des Re-Writes. Das Re-Writing, nur unzureichend mit Redigieren übersetzbar, handelt davon, Texte besser zu machen als sie sind. Das, was der Autor meint, noch besser zu sagen.

Herkömmliches Redigieren, wie man es aus Zeitungsredaktionen und Lektoraten kennt, handelt all zu oft davon, einen Text so hinzubiegen, wie der Redakteur ihn gern hätte, Sprache zu nivellieren und unpassenden Humor zu unterdrücken. Wenn ich an all die Texte denke, die ich selber acht- und lieblos runterredigiert habe, wird mir ganz schlecht. Gutes Redigieren, von Journalisten gern „Handwerk“ genannt, glauben die meisten zu beherrschen, dabei ist es wie das Einhorn – man hört immer wieder Gerüchte, aber gesehen habe ich es noch nie. George also gilt unter Simpsons-Schreibern als der beste Re-Writer, derjenige, der ein Skript besser, schärfer, lustiger machen kann. Meyer ist seit Anfang an bei den Simpsons, früher hat er auch selber geschrieben. Dies ist meine Lieblingsepisode von ihm.

Worum geht es?
Homer hat keine Lust mehr, in die Kirche zu gehen. Also entschließt er sich eines Sonntags, einfach zu Hause zu bleiben und beginnt "den besten Tag meines Lebens", während Maggie, Lisa und Bart bei eisigen Temperaturen in der Kirche frieren. Mit seinem Verhalten zieht Homer schnell den Zorn Gottes auf sich, der ihn in einem Traum heimsucht. Homer gründet daraufhin seine eigene Kirche, alles geht schief und am Ende muss ihm Gott über sein Scheitern hinwegtrösten.

Was bleibt?
Es ist ein Klassiker. Alles, was die Simpsons je ausgemacht hat, ist dabei: das Menschliche (wer will sonntags nicht lieber ausschlafen?!), die Provokation (Kirchenaustritt), das Irre (Gottes Zwiegespräche mit Homer), das Größenwahnsinnige (Homer gründet eigene Kirche), nochmal das Menschliche (Homer scheitert), das Versöhnliche (am Ende schläft Homer wieder im Gottesdienst).

Der beste Dialog:
Gott: "Du hast gesündigt." Homer: "Ich bin kein schlechter Mann; ich arbeite hart, ich liebe meine Kinder, ich verstehe bloß nicht, warum ich den halben Sonntag in der Kirche verbringen muss, um mir sagen zu lassen, dass ich in die Hölle komme." Gott: "Hm… stimmt eigentlich." (Wenn Gott so ist wie in den Simpsons-Folgen, könnte man sich überlegen, wieder gläubig zu werden.)

Unvergesslich auch Homers Beziehung zu Gott in einer anderen Episode: "Wenn Gott bloß noch am Leben wäre, um das sehen zu können" (Homer beim Anblick einer Sternschnuppe).

Was sehe ich als nächstes?
Soylent Green von Richard Fleischer.

Unser Kolumnist Mikael Krogerus sieht sich jede Woche einen zufällig ausgewählten Film. Vergangene Woche sah er

Shaun das Schaf

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