Wie kann man Hegel aktualisieren?

Alltagskino Unser Kolumnist Mikael Krogerus schaut einen Dokumentarfilm über Slavoj Žižek. Der macht ihm Mut, dass man auch eine unüberschaubere Welt durchschauen kann

Was habe ich gesehen?
Žižek! von Astra Taylor, 2005, Laufzeit: 73 Minuten.

Warum habe ich es gesehen?
Die brillante US-Lyrikerin Fork Burke, eine Freundin meiner Frau, hat den Youtube-Clip auf Facebook gepostet. I like!

Worum geht es?
Unser Lieblingstheoretiker Slavoj Žižek wurde 2003 von der damals nur 24-jährigen Astra Taylor für einen Dokfilm um die halbe Welt begleitet. Ljubljana, Buenos Aires, New York – egal wo er ist, Žižek hat eine, wie der Werber sagt, hohe Selbstähnlichkeit. Man erkennt ihn sofort wieder: sein nervöses An-die-Nase-Greifen, sein Lispeln, sein charmant-lustiges Englisch, seine sich assoziativ-verästelnden Monologe. Dann ist da seine Wut, seine rhetorische Brillanz, sein Kokettieren mit der eigenen Popularität, vor allem aber: seine Inhalte. Žižek über Veränderung: "Die meisten Menschen wollen zwar eine radikale Veränderung, aber zeitgleich wollen wir unser relativ gutes Leben weiterführen. Es ist wie Robespierre sagte: 'Wir wollen eine Revolution ohne Revolution.'"

Žižek über seinen kleinen Sohn (oder ist es sein Neffe?), Žižek also über diesen kleinen Jungen: "Ich liebe ihn, aber meine Perspektive ist Zeit; wie kann ich also mit ihm Zeit verbringen ohne zu nervös zu werden, weil ich wieder weiterarbeiten möchte?" Žižek über Hollywoodfilme: "Wenn Sie wirklich wissen wollen, was ideologisch abgeht, vergessen Sie das wirkliche Leben, schauen Sie Filme. Sie geben uns nicht, was wir begehren, sie sagen uns, was wir begehren sollen."

Was bleibt?
In dem Film versucht die Regisseurin – glaube ich – zu zeigen, wie Žižek wirklich ist. Ihre Hypothese: Er ist wirklich so, wie er vorgibt zu sein – immer am Theoretisieren, Analysieren, Provozieren. Selbst im Bett oder im Spiel mit Kleinkindern. Das ist natürlich eine törichte These. Die Vorstellung eines wahren Ichs, einer Wirklichkeit hinter der Maske ist ungefähr soweit weg von Žižeks Werken wie Norwegen von einem EU-Beitritt.

Warum ist Žižek interessant?
Zusammen mit Noam Chomsky, Judith Butler und – mit Abstrichen, weil niemand seine Texte versteht – Giorgio Agamben, bildet Žižek so etwas wie die Popband unter den Welterklärern. Ihre Botschaften sind radikal und anders – und der intellektuelle Nachwuchs ergötzt sich an ihnen über alle Maßen. Die drei anderen sind "Zitierautoritäten" für akademische Arbeiten, während Žižek der Liebling der Journalisten ist. In unseren schlaflosen Nächten träumen wir davon, ein Interview mit ihm zu führen, das, wie ein befreundeter Journalist begeistert erzählte, davon lebt, dass man eigentlich nur Stichworte geben muss. Ein Interview mit ihm in einer Schweizer Wochenzeitung begann zum Beispiel so:

Slavoj Žižek, Sie sind heute einer der wichtigsten, zumindest meistgelesenen Philo...


Hier, das ist ein kleines Detail, das kennen Sie vielleicht nur aus sehr guten deutschen Kaffeehäusern, dieses kleine Schälchen hier. Wenn Sie den Teebeutel in die Untertasse legen, wird das Teeglas nass. Aber nicht mit diesem Schälchen. Also, nun fangen wir doch einfach an.

Als ein Philosoph, der aus...

Noch etwas – dieser Süßstoff hier, ein Diet-Sweetener. Man kann ihn hier kriegen, aber man muss ihn verlangen. Sorry, let’s go.

Vielleicht ist es ein Klischee, aber...

Klischees sind immer wahr, speziell rassistische, das ist meine Regel. Es überrascht mich immer wieder, wie wahr Klischees sind.


Wer sollte den Film sehen?
Alle, die das Gefühl haben, die Welt sei zu kompliziert geworden, um sich zu engagieren. Žižek zeigt auf eine lustvolle, ansteckende Art, dass man auch eine unüberschaubare Welt durchschauen kann; dass man aber innere Widersprüche aushalten muss.

Diese Frage stellt sich Žižek:
Wie kann man Hegel aktualisieren?

Diese Frage stellt der Film:
Bedeutet die Ansprache eines größeren Publikums unvermeidbar den Verlust akademischer Tiefe?

Der beste Satz:
I don´t like the notion of universal love, I don´t love the world. I am somewhere in between: I hate the world and I am indifferent to it.

Was sehe ich als nächstes?
The Sound of Music.

Unser Kolumnist Mikael Krogerus sieht sich jede Woche einen Film an. Vergangene Woche sah er
Black Water.

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14:50 07.01.2011
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