Wie magistral ist das denn?

Eisenbahn Bekommt Stuttgart einen neuen Bahnhof, verkürzt sich die Reise nach Bratislava um 128 Minuten. Dann fahren wir doch mal los

Es geht gleich gut los. Der Zug von Stuttgart nach München hat acht Minuten Verspätung. Das ist viel, wenn man bedenkt, dass er erst vor 40 Minuten in Karlsruhe eingesetzt wurde. Es ist sehr viel, wenn man einen Anschlusszug erreichen muss und nur 13 Minuten Zeit zum Umsteigen hat. Wenn das so weitergeht, wird die Reise nach Bratislava drei Tage dauern.

Stuttgart ­– Bratislava ist die Kernstrecke der „Magistrale für Europa“, jener visionären Eisenbahnidee, eine Hochgeschwindigkeitstrasse quer durch Europa von Westen nach Osten zu legen. Von Paris bis in die Slowakei und nach Ungarn. Stuttgart – Bratislava, das sind heute noch acht Stunden und 39 Minuten Fahrzeit. Drei Mal umsteigen. Die Strecke soll 2020, wenn der Stuttgarter Bahnhof tiefer gelegt und um 90 Grad gedreht wurde, die Bahnstrecken in Bayern um- und in Österreich ausgebaut sind und wenn man die Umsteigezeiten wegrechnet, 128 Minuten schneller sein. Die Magistrale ist eines der ehrgeizigsten Transportvorhaben der EU.

Aber all das kann auch scheitern, wenn am kommenden Sonntag in Baden-Württemberg über Stuttgart 21 abgestimmt wird. All das kann scheitern, wenn die Baden-Württemberger das Projekt ablehnen.

Stuttgart 21. Was war das nochmal? Die Kurzversion: Viele Stuttgarter wollen nicht, dass ihre Stadt einen der modernsten Bahnhöfe der Welt bekommt. Sie wollen, dass alles so bleibt wie bisher. Der Bau würde wohl ungefähr sieben Milliarden Euro oder so kosten. Die könne man, so die Gegner, anders besser einsetzen. Nach einem hochpolitischen Stress- und Wahljahr 2011 einigte man sich auf eine Volksabstimmung. Wenn nun am Sonntag mindestens ein Drittel der 7,5 Millionen Stimmberechtigten des Landes Baden-Württemberg für das S 21-Kündigungsgesetz stimmen, dann kippt die grün-rote Landesregierung den Bau. Das wäre ein Novum. Das wäre eine Sensation. Das ist nicht: unmöglich. Es ist also angezeigt, die Strecke, um die sich alles dreht, mal abzufahren.

Mit inzwischen 13-minütiger Verspätung rollt der IC 2261 aus dem Stuttgarter Hauptbahnhof. Rechter Hand sieht man durch das Zugfenster die Protestler, die ihre Zeltlager strategisch um die schützenswerten Bäume des Schlossparks aufgebaut haben und nun, eine Woche vor der Abstimmung, zu Hochform auflaufen. Es gilt als unrealistisch, dass ein Drittel der Bevölkerung dem Kündigungsgesetz zustimmen wird. Vieles deutet darauf hin, dass es auf die demokratisch absurde Situation hinauslaufen wird, dass eine Mehrheit den Bau stoppen will, aber diese Mehrheit weniger ist als ein Drittel der Bevölkerung.

Bahnfahren als Stresstest

Eines der Hauptargumente der Befürworter: das steigende Passagieraufkommen in der Region erfordert einen Neubau. Der Großraumwagen an diesem Mittwochvormittag: zur Hälfte gefüllt. Eine kleine Umfrage unter den 47 Passagieren ergibt: 28 sind für JA, also für das S 21-Kündigungsgesetz, also gegen den Bau (wobei ein junger Mann, Typ Jura-Student, kichernd darauf hinweist, dass viele aufgrund der komplizierten Vorlage-Formulierung wahrscheinlich NEIN stimmen werden, in dem Glauben, sie hätten gegen Stuttgart 21 votiert). 13 sind dagegen. Drei sind unentschlossen, zwei sind Touristen aus Korea, einer will sich nicht äußern.

Die Stuttgart-21-Befürworter im Zug sind mehrheitlich Pendler. Ihre Haltung ist pragmatisch. Das ganze Projekt sei natürlich der Wahnsinn, aber die neue Trasse nach Ulm soll 26 Minuten bringen. Das würde heißen, man ist 26 Minuten früher zu Hause. Der Jurastudent hakt sofort ein: Noch Mitte der 1990er seien die Züge nach Ulm 18 Minuten schneller gewesen als heute, weil die Gleise in besserem Zustand waren. Hätte man nicht mit dem Geld die alten Gleise reparieren und … ein Hagel an Argumenten prasselt auf ihn nieder. Die beiden Lager, das ist sofort klar, führen solche Diskussionen nicht zum ersten Mal.

Einer der beiden Koreaner, der dem Streit offensichtlich gelauscht hatte, fragt plötzlich auf Englisch, um was es gehe. Ein Pendler erklärt ihm kurz das Projekt und sagt dann, Stuttgart 21 sei „the birth of the Rage-Bürger!“ Der Koreaner versteht nicht. „The biggest political movement since the war“, lehnt sich der Jura-Student etwas aus dem Fenster, „one of the protesters was bleeding from the eyes, police violence!“ Der Koreaner immer noch ungläubig: „Just because of a train station?“ Wir im Chor: „Yes!“

Ulm erreichen wir mit 14-minütiger Verspätung. Die Türen öffnen sich, Passagiere drängen raus, neue kommen rein, ein bisschen Stau, ein wenig Unklarheit wegen fehlender Reservierungen. Von draußen weht kalte Luft herein, aber auf der Stirn bilden sich Schweißperlen, wegen der 13 Minuten Umsteigezeit in München droht der ganze Magistrale-Trip zu scheitern.

Bahnfahren in Deutschland ist sowieso schon eine Zumutung, mit Umsteigen ist es ein Stresstest. Ständig muss man mit außerplanmäßigen Verspätungen rechnen, überlegt, hadert, nervt den Schaffner, lauscht den Ansagen. Ulm ­– Augsburg dauert heute rund 40 Minuten, in Zukunft wird das in 28 gehen. Augsburg ­– München in 18 statt 37. Das ist alles egal. Die Stuttgart-21-Vision wirkt jetzt gerade lächerlich. Als ob es darum ginge, Fahrtzeiten zu verkürzen. Es wäre dem Bahnfahrer schon viel geholfen, wenn die vorhandenen Fahrpläne pünktlich eingehalten würden. Eine ältere Frau schräg gegenüber, Typ BahnCard-100-Besitzerin, hat alles schon gesehen und den guten Tipp, sich in den vordersten Waggon zu setzen; München sei ein Kopfbahnhof, so wäre man schneller draußen und am nächsten Gleis. Sie würde gegen den Bau stimmen. Warum? „Ab einem gewissen Alter ist man gegen alles Neue“.

Kurz vor München versinkt die Welt im Nebel. Schlagartig verstummen alle Gespräche, sogar das hässliche Baby, das seit Ulm unaufhörlich geschrien hat, beruhigt sich. Zugfahren, schrieb die britische Schriftstellerin Lisa Saint Aubin de Terán, verquicke die widersprüchlichen Empfindungen von Erregung und Besänftigung. Das sei funktional und sinnlich zugleich. Sobald sie an Zugfahren denke, erinnere sie sich an ein beruhigendes Schlaflied, das Wiegen, Wispern, Schaukeln, und schon beginne der Blick sich besinnend nach innen und beobachtend nach außen zu richten.

Sie muss in einem anderen Jahrhundert gelebt haben. In einer Zeit, als Reisen noch cool war. Als man nicht umsteigen musste. Als man noch den Orient-Express nahm, um nach Budapest zu gelangen, als man im „Bordbistro“ noch von livrierten Kellern bedient wurde und als Verspätungen nicht „vorausfahrenden Zügen“ geschuldet waren, sondern Zugüberfällen. Kurz: eine Zeit, als der Weg das Ziel war. Heute ist das Eisenbahnfahren ein trostloses Gewerbe.

Plötzlich sind wir in München. Wie durch ein Wunder hat der Zug die Verspätung aufgeholt, der Schaffner grinst zufrieden, die wenigen Passagiere stolpern auf den Perron.

Umsteigen in den Rail Jet 69 der Österreichischen Bundesbahn, kurz ÖBB. Dieser neue „Premium-Zug“ ist ebenfalls Teil der Magistrale-Offensive. Die unverstellbaren Sitzlehnen im 90-Grad-Winkel laden nicht zum Verweilen ein, es könnten also protestantische fünf Stunden bis Wien werden. Der Zug: gähnend leer. Leerer noch als auf der Strecke von Stuttgart nach München. An einem Mittwoch! Für wen ist die Magistrale eigentlich da?

Im Abteil sitzen ein offensichtlich stressgeplagter deutscher Geschäftsmann und eine ältere Frau mit schönen Falten um die Augen, die sich wie Fächer spannen, wenn sie lächelt. Sie trägt eine frivole Brille und liest Jack Kerouac auf Französisch („Sur la route“). Ab und zu schaut sie auf und lächelt. In Salzburg verlässt die Dame den Zug, es waren die kürzesten anderthalb Stunden der Weltgeschichte. Bald wird der Zug für die Strecke nur noch 60 Minuten brauchen. Man sollte sie verbieten! Die Strecke verlängern! Verlangsamen!

Die nächsten vier Stunden passiert: nichts. Der Zug ist leer, der Schaffner hat keine Lust, über die Magistrale zu reden, und eine ältere Frau fragt: „Ja, haben die Stuttgarter denn keinen Bahnhof?“

Man hat viel Zeit zum Nachdenken. Über den Unsinn des Reisens. Über sich. Über Stuttgart 21. Der Plan stammt aus den 1980ern. Ursprünglich war es eine fixe Immobilienidee: wenn man Bahnhof und Gleise unter die Erde verlegt, erhält man prima Bauland in bester Lage, das man teuer verhökern kann. Die Konzeption war etwas ungenau (der Bahnhof sollte unter der Erde nur noch acht Gleise besitzen statt, wie bisher, 17), der Finanzplan war kurzsichtig wie eine alte Frau. Trotzdem sagten alle ja: Stadt, Land, Flughafen, Deutsche Bahn, EU. Das Projekt ging durch alle Gremien. Überlebte alle Einspruch-Fristen. Und dann kam der Wutbürger.

Viel Zeit zum Nachdenken

Inzwischen weiß man: den „Wutbürgern“ ging es nicht, oder nicht nur, um den Bahnhof. Sie waren wütend auf die Landesregierung, auf die Bahn, auf sich selbst. Und plötzlich hatten sie das Gefühl: Es geht noch was. Ordnung hat nur so lange Bestand, bis jemand sie ändert. Es war eine Art politisches Erwachen, wie man es in Deutschland lange nicht erlebt hatte. Aber hätten sie sich nicht für etwas anderes als einen alten Schlosspark einsetzen können? Gegen etwas anderes kämpfen können? Soziale Ungerechtigkeit? Rassismus? Sexismus?

Die Gedanken schweifen ab. Der Rhythmus des Zuges beruhigt den Strom der Bilder im Kopf. Hinter Linz ein Anflug von Langeweile. Man will rausschauen, aber draußen ist es dunkel. Das eigene Gesicht spiegelt sich im Fenster. Was 90 Minuten im Yoga-Sitz nie leisten konnten, schafft vierstündiges Verharren im ÖBB-Sessel: Die Hektik vom Morgen in Stuttgart ist fern wie ein anderes Leben. Keine Frage mehr nach dem Wohin, dem Warum, dem Wieso-immer-ich? Es wird recht ruhig und überschaubar im Kopf. Man erlebt nichts, metaphorisch und in echt: Es gibt kein Internet, kein Fernsehen, keine Menschen, mit denen man sprechen will oder muss. Aber auch kein Film rollt vor dem inneren Auge, kein Selbst begegnet einem. Und doch mochte man, als der Zug pünktlich auf die Minute in Wien einrollte, am liebsten gar nicht aufstehen, sondern ewig weiterfahren.

In Wien ist man fast am Ziel. Zuerst aber muss man die U3 bis zur Endhaltestelle Simmering nehmen. U-Bahn? Wie magistral ist das denn? Die 38 Minuten, die wir zukünftig auf der Strecke zwischen München und Wien einsparen, verliert man beim Verlaufen im U-Bahn-Schacht. Aber Wien hat sein eigenes Stuttgart 21. Es heißt „Wien Hauptbahnhof“, soll 2015 fertig sein und kostet Milliarden. Dafür erhält die Stadt einen komplexen Durchgangsbahnhof, der architektonisch ungefähr in der gleichen Liga wie Stuttgart 21 spielt, aber ebenerdig ist. Wenn jemand Wutbürger braucht, dann Wien.

Auf dem Minibahnhof Simmering warten einige Dutzend Passagiere auf den Zug nach Bratislava. Es ist die letzte Etappe, sie wird 66 Minuten dauern, bald nur noch 35. Zum ersten Mal auf dieser Magistral-Tour ist ein Zug gerammelt voll. Und die Stimmung ausgelassen. Es sind vor allem Slowaken, die in Wien arbeiten und in der Slowakei leben. Zwischen den Ländern herrscht reger Waren- und Personenverkehr. Das Magistral-Projekt, so scheint es, wäre hier ein echter Gewinn. Jemand macht ein Bier auf, ein anderer bietet Slivovica an. Die letzte Etappe vergeht wie, nun ja, im Flug.

21.32 Uhr, Bratislava hlavná stanica. Endlich! Die Magistral-Reise endet pünktlich im ost-grauen, ziemlich dreckigen Hauptbahnhof von Bratislava. Der Ort besitzt eine Schönheit, die kein Reiseprospekt kennt. Das Bier im Bahnhofs-Buffet kostet 95 Cent. Wenn es die Möglichkeit gäbe, würde man lieber in Bratislava als in Stuttgart leben. Und man würde mit der Eisenbahn hinfahren.

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07:00 27.11.2011
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