Wozu sind Kriegsfilme da?

52 Filme - 52 Wochen Damit sie einen traumatisieren und man hinterher Alpträume bekommt, meint unser Autor. Und hat sich daher statt "Das Boot" lieber erstmal "Komm und sieh" angesehen

Was habe ich gesehen?
Komm und sieh (1985), Laufzeit: 146 min, Regie: Elim Klimow.

Warum habe ich es gesehen?

Letzte Woche fragte ich die Community nach dem besten Kriegsfilm aller Zeiten. Die Antwort war ebenso interessant wie überwältigend (wer sich für Kriegsfilme interessiert, dem empfehle ich die Kommentare auf freitag.de. Ich entschied mich gegen Das Boot, nachdem Blogger Ed2murrow sich abschätzig über den Film geäußert hatte und für Komm und sieh, weil Leser Nton schrieb: „Allerdings verschafft dieser Film einem Albträume“. Kriegsfilme sollten Alpträume verschaffen, denke ich. In der Videothek meines Vertrauens sagte mein Filmdealer noch mit ernster Miene: „Dieser Film wird dich traumatisieren“.

Worum geht es?
Es ist das Jahr 1943, Mitglieder einer SS-Sondereinheit sind tief ins Feindesgebiet eingedrungen. Ein Junge, Fljora, ungefähr 12 oder 13, schließt sich gegen den Willen seiner Mutter den Partisanen an. Der Junge, der fast noch ein Kind ist, wird bald viel älter sein (und auch viel älter aussehen).
Im Partisanenlager verliebt er sich in die junge Frau Glascha, die er im Laufe des Films aus den Augen verliert und gegen Ende wieder trifft, wenn auch anders als erwartet. Sowieso kommt vieles anders als erwartet im Leben des kleinen Fljora. Die Partisanen nehmen ihn nicht ernst, beim ersten Bombenangriff verliert er das Gehör –und lange Zeit hört auch der Zuschauer nur das Tinnitus-Fiepen mit dumpfen Geräuschen im Hintergrund. Erst allmählich kehrt der eigentliche Filmton zurück. Nach einer alptraumhaften Odyssee schließt sich Fljora einem Flüchtlingstrupp an. In den folgenden 60 Minuten müssen wir hilflos mit ansehen, wie die Dorfbevölkerung in eine Scheune getrieben und verbrannt wird. Fljora entkommt. Nachdem die SS abgezogen ist, greifen die Partisanen ein paar Deutsche und Kollaborateure auf. Nach einigem hin und her werden sie erschossen. Die Geschichte beruht lose auf wahren Massakern einer deutschen SS-Sondereinheit im heutigen Weißrussland.

Was bleibt?
Der Film erzählt den Werdegang des kleinen Jungen als eine gänzlich unheroische Parabel auf die Sinnlosigkeit des Krieges. Mut, Standhaftigkeit, Patriotismus sind hier nur selbstmörderische Worthülsen. Das ist gut. Andererseits ist der Film streckenweise ich bisschen too much. Die wie Halbmenschen gezeichneten Deutschen, deren Anführer einen Lemuren auf der Schulter trägt: plakativ. Die angedeutete Liebesgeschichte zwischen dem Jungen und der Frau: kitschig. Das gefeierte Ende des Films – als der Junge seinen ersten Schuß abgibt (auf ein Porträt Hitlers) und damit die Geschichte rückgängig machen will – für mich: pathetisch. Mich nervten auch die etwas überladenen Bilder. Im ersten Drittel trottet ein Kranich (Symbol wofür?) hinter dem Mädchen und dem Jungen her (warum?). Die junge Frau schaut groß in die Kamera. Der Junge schaut groß in die Kamera. Es regnet. Der Junge hinkt (warum?). Sekunden später, hinkt er nicht mehr (warum?). So geht das die ersten 90 Minuten. Ein Freund von mir, kriegsfilm-affin, wollte an dieser Stelle zum Testspiel Deutschland –Schweden (0:0) umschalten.

Die stärkste Szene?

Als die Deutschen, betrunken und entrückt, auf die in Flammen stehende Scheune mit den eingesperrten Dorfbewohnern das Feuer eröffnen, gibt es eine kurze Einstellung, in der man einen SS-Mann sieht, der sich beim Nachladen kurz die Tränen aus dem Augen wischt. Gab es damals? Oder waren es alles kalte Mörder? Wie ist das überhaupt, hilflose, unschuldige Menschen zu ermorden? Fragen an den Krieg.

War dies der beste Kriegsfilm?

Ja und Nein. Nein, weil ihm für mein Dafürhalten die Angst fehlte. Der Film war, wenn man so will, die sowjetrussische Antwort auf Platoon (ebenfalls 1986). Nicht mein Lieblingsfilm, aber sagen wir so, nach Platoon hatte ich Alpträume, nach Komm und sieh, schlief ich ruhig.
Ja, weil Klimow mit seinem Film einen meisterlichen, hochpolitischen Spagat wagte: er zeigt das Elend des Krieges, die Brutalität der Deutschen, das Opfer der Russen. Das war erwartbar. Aber Klimow ging noch weiter: am Ende des Film scheint das Opfer so groß, dass man sogar, wie rapanui völlig richtig beobachtete, „die entscheidende Legitimation der Sowjetunion, den Sieg über Hitlerdeutschland, in Frage stellt“. Und das alles 1985! Starker Stoff.

Der Film in einem Satz?

Wäre der Film ein Song, dann wäre die Hookline das alternde Mondgesicht des Jungen, das ständig mal angst- mal hasserfüllt in die Kamera starrt; meisterhaft, verstörend. Nach 146 Minuten dann aber auch: genug.

Was sehe ich als nächstes?

Leser Calvin stellte die gute Frage nach dem „besten, kriegsverherrlichenden Kriegsfilm“. Werde dem nachgehen.

Unser Kolumnist Mikael Krogerus sieht sich jede Woche einen Film an. Vergangene Woche sah er Tuntematon sotilas.

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14:00 19.11.2010
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Ausgabe 42/2021

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