Wrrrrooooommmmm!

Alltagskino Unser Autor Mikael Krogerus braucht eine Pause von der WM und denkt an das einzige Hobby, das er hat: Nachts durch leere Großstädte fahren. Und hier ist der Film dazu

Was habe ich gesehen?C'était un Rendezvous(1976), Laufzeit: 8 min 30 Regie: Claude Lelouch.

Worum geht es?


Ein achtminütiger Höllenritt in einem Mercedes 450SEL durch Paris im Morgengrauen. Die Kamera ist irgendwie vorne am Auto befestigt und damit praktisch auf Kantsteinhöhe. Es geht los auf der Porte Dauphine, wo der Wagen aus einem Tunnel schießt und die Avenue Foch hinunterbrettert. Das Tempo ist hoch, aber man ahnt bereits: Da geht noch mehr. Bald sind wir am Arc de Triomphe und fahren über die Champs-Elysees zum Place de la Concorde. Der Film hat das Tempo eines richtig guten Thrillers: Wir hören das Heulen des Motors, das Schalten der Gänge, das Quietschen der Reifen. Immer wieder trägt es den Wagen auf die linke Spur, im letzten Moment reißt der unsichtbare Fahrer das Steuer nach rechts.

Über den Quai des Tuileries – wer Paris kennt, wird an dieser Stelle feuchte Augen kriegen – gelangen wir am Louvre auf die Avenue de L’Opéra. Rote Ampeln werden ignoriert, Vorfahrten übersehen, Autos geschnitten. Beim Sainte-Trinité, glaube ich, verengen sich die Straßen zu Gassen. Immer wieder passieren wir vereinzelte Fußgänger, die Müllabfuhr, Tauben flattern verschreckt davon. Dann irgendwann ein U-Turn und rauf zur Sacre-Coeur. Abrupt bleibt der Wagen stehen. Im Rücken die Basilika, vor uns die pulsierende Stadt. Eine blonde Frau kommt die Stufen hoch. Der Fahrer steigt aus. Die Auflösung: ein Mann auf dem Weg zu einem Rendez-vous. Ich lege mich ungern fest, aber es ist der schönste Dokumentarfilm, der je gedreht wurde.

Warum habe ich es gesehen?

Ich brauchte eine WM-Pause und dachte an das einzige Hobby, was ich habe: Nachts durch leere Großstädte fahren.

Was bleibt?

Nur Idioten sehen in diesem Film einen Porno führ Autobahnraser. Der Film ist eine Liebeserklärung an Paris, an die Nacht. An die Liebe.

Was sagt mein grünes Gewissen?


Auto fahren ist das Rauchen der 2010er-Jahre. Ungesund, asozial, dumm. Aber nicht nur schlecht. Schlecht sind die Momente, wo wir das Auto benutzen, weil wir glauben, es sei praktischer. Und bequemer. Wenn wir wild schimpfend mit dem Auto zur Arbeit fahren (anstatt mit der viel schnelleren U-Bahn oder dem viel gesünderen Fahrrad), dann machen wir etwas falsch. Gut aber ist das Auto, wenn man es als Genussmittel einsetzt. Oder als Fluchtmittel vor der Wirklichkeit. Wenn wir also sinnlos durch die Nacht cruisen oder an einem Sonntag ziellos umherfahren, dann sind wir nah dran an der Apotheose von Ferdinand Porsche, der vor langer Zeit ahnte, dass es den Autos dereinst wie den Pferden ergehen wird: Als Transportmittel sind sie überholt, aber als Freizeitbeschäftigung gibt es heute mehr Pferde als vor 200 Jahren. In einer besseren Welt stelle ich mir vor, dass man mit dem Auto weniger pendelt, weniger Routinefahrten und mehr Sonntagsfahrten macht. Das Auto wäre wieder das, was es für uns als Kind war: ein Spielzeug. Das könnte passen.

Der beste Dialog: „Wrrrrrrrrooooooooommmmmm. Wrrrrrrroooomm. Wrrrrrroooooommmm“ 
(Der Sound stammt natürlich, wie Auto-Aficionados unter den Lesern richtig erkannt haben, nicht von dem Mercedes 450SEL – den es ja nur als Automatik gab –, sondern von einem Ferrari 275GTB.)

Was sehe ich als nächstes?Maradona von Kusturica.




Unser Kolumnist Mikael Krogerus sieht sich jede Woche einen Film an oder auch mal eine ganze WM. tat er genau das und machte damit seinen Sohn sehr glücklich.Vergangene Woche

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15:20 25.06.2010
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Ausgabe 38/2020

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