Das Orbanism Festival hat mich verändert

Netzkultur Die Möglichkeiten, das Internet als Publikations- und Vermarktungsmedium ästhetischer Inhalte zu nutzen, sind nicht ausgeschöpft. Ein rückblickender Erfahrungsbericht.
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Mit Liebe kenne ich mich aus. Das ist doch dieser Moment, wenn ich vor einem weißen Blatt sitze und die Gedanken rasen, im Kopf werfen sich Worte hin und her ein Satz, eine Stimmung, eine Geschichte meistens ein Versehen: Ich bin Schriftstellerin und Schreiben ist Liebe.

Falling in Love

Als Schriftstellerin gehöre ich zur Generation der kaum gehörten und gelesenen Netzautoren.

»Wo hast du veröffentlicht?«

»Ich veröffentliche auf meinem Blog.«

»Ach so, dann bist du ja gar keine Schriftstellerin.«

Veröffentliche ich Texte nicht auf meinem eigenen Blog, gebe ich sie an externe Seiten oder Blogs, die selten dafür zahlen. Warum sollten sie auch? Das Material ist massenhaft in hoher Qualität verfügbar, und je nach Autorenfigur sind die Klicks garantiert. Oder wie ich gerade bei @davidhug auf Twitter las: »Literaturkritik 2015: Seine Texte werden geteilt und geliked‹«.

Mich fast ausschließlich mit Blogbeiträgen in die Öffentlichkeit zu stellen, war eine bewusste Entscheidung für meine literarische Arbeit. Kunst hat für mich keinen Wert, wenn sie allein zu Hause auf dem Schreibtisch existiert. Ein Text lebt davon, gelesen zu werden und seine Wirkung im Lesenden zu entfalten. Kunst lebt von der Rezeption, vom Sicheinfügen in einen kulturellen Kontext. Das Internet ist eine Bereicherung, insofern es Künstlern die Möglichkeit gibt, unabhängig von eher statischen Vermittlungsstrukturen, wie z. B. Verlagen oder Galerien öffentlich in Erscheinung zu treten. Das Veröffentlichen in einem Verlag hat für mich persönlich nur dann einen Mehrwert, wenn meine Texte nicht aus Marketingüberlegungen an den vermeintlichen Geschmack einer breiten Masse angepasst werden müssen.

Bin ich eine Künstlerin?

Das Orbanism-Festival hat genau in dem Zwiespalt angesetzt, man selbst sein und das eigene künstlerische Schaffen aus sich selbst heraus entwickeln zu wollen, um es als etwas Relevantes der kulturellen Sphäre zur Verfügung zu stellen, gleichzeitig aber mit dem Markt und der ewigen Frage konfrontiert zu sein: Bin ich eine Künstlerin?Wirklich? Hat das, was ich tue, überhaupt einen Wert, wenn es sich nicht sichtbar in einem finanziellen Auskommen niederschlägt?

Man muss wohl zunächst einmal unterscheiden zwischen dem Wert und der Relevanz eines Kunstwerkes. Den Wert bestimmt der Markt. Die Relevanz bestimmen Rezipienten. Das Internet ist vor allem ein Raum der Relevanzproduktion, denn es bietet die Möglichkeit, Kunstwerke ohne konkreten Marktwert zu entdecken und zu konsumieren: Ich entdecke einen interessanten Künstler, folge seinem Blog und nehme von da an als Rezipient Teil an seinem künstlerischen Schaffensprozess. Für mich hat sich ein Werk als relevant erwiesen und ich werde beeinflusst, auch, wenn der klassische Markt dies nicht zur Kenntnis nimmt.

Der Künstler selbst bekommt davon in der Regel gar nichts mit. Er überprüft meist nicht, in welcher Frequenz sein Blog gelesen wird, weiß selten, wer ihn liest. Auch Likes oder Retweets sagen nichts darüber aus, wie relevant das Werk ist und was es mit dem Rezipienten macht, vielleicht wurde ja nur geklickt, weil das Beitragsbild hübsch ist oder der Post von einer Person geretweetet wurde, deren Meinung der Leser schätzt. Allerdings denke ich, und ich bin selbst Künstlerin, dass ein Künstler das auch gar nicht wirklich wissen muss. Die Arbeit des Künstlers endet mit dem Fertig- und Zurverfügungstellen eines Artefakts danach wird dieses Teil eines kulturellen Kontextes oder eben nicht. Die erwartbare Verfügbarkeit des Künstlers endet mit dem losgelassenen Kunstwerk.


Macht damit, was ihr wollt

Die Arbeit des Orbanim-Festivals hat erst beim Zurverfügungstellen eingesetzt. Das Konzept dahinter war für mich als Netzautorin gleich plausibel: Ich bin ja daran gewöhnt, meine Inhalte auf einer Plattform zu präsentieren und zu teilen: Hier habt ihr meinen Text, macht damit, was ihr wollt. Teilen bedeutet mitteilen; teilen bedeutet, Teil eines kulturellen Kontextes zu sein. Im Pool des Orbanism-Festivals finden sich Bilder, Videos, Sprachaufnahmen, Texte, Gedichte, Tweets und Collagen, alles zum Thema »falling in love« – gesammelt, verschlagwortet und übersichtlich präsentiert, versehen mit CC-Lizenzen und der Aufforderung, daraus etwas zu machen, es zu remixen was nichts anderes bedeutet als: Hier ist Kunst und nun lasst sie leben, transferiert sie durch euch hindurch in einen kulturellen Kontext hinein. Für weniger netzaffine Menschen wird mit diesem expliziten Angebot die Wahrnehmung dahingehend sensibilisiert, Kunst in deren kulturellem Bewegtsein zu betrachten und aktiv Teil davon zu werden. Der künstlerische Schaffensprozess an sich wird durchleuchtet und sichtbar gemacht, denn kein Werk entsteht kontextlos, es ist immer Teil einer kulturellen Umgebung.

Bedingungslose Offenheit

Das zu denken und daran mitzuwirken erfordert vor allem eines: Offenheit von allen Seiten. Der Künstler muss bereit sein, sein Werk herzugeben, und der Konsument muss verstehen, dass hier jemand einen Teil seiner selbst herschenkt, und zwar bedingungslos,einfach so ohne etwas dafür zurück haben zu wollen. Insofern war das Thema falling in love weise gewählt, verweist es doch auf jene bedingungslose Offenheit, welche für das Lieben grundlegend ist.

Natürlich ist es eine romantische, vielleicht sogar idealistische Phantasie, zu denken, dass damit doch alle gewinnen würden, weil der Künstler die Möglichkeit bekommt, sein Werk zu präsentieren und es anderen zugänglich zu machen, während der Konsument wertvolle Bestandteile seiner kulturellen Umgebung gratis und ohne einschränkende Vermittlungsinstanz erhält. Aber warum nicht Idealistin sein, wenn es doch keine objektiven Marker gibt, die fähig wären, den Wert bzw. die Relevanz eines Kunstwerkes eindeutig festzulegen? Wenn diese Prozesse ohnehin zufallsbestimmt sind, können wir im Internet, wo potenziell alles zur Verfügung stehen kann, den künstlerischen Inhalten zugestehen, sich allein ihren Weg zu suchen, und zwar aus sich selbst heraus.

Lebendige Kunst

Bestehen bleibt die Frage, wovon ein Künstler leben soll. Kann das Internet zu einem Raum werden, in dem man seine Werke offen präsentiert und zur Verfügung zu stellt, ohne materiell leer auszugehen? Das Orbanism-Festival hat einen performativen Anstoß zu dieser Diskussion gegeben, und es hat sich gezeigt, dass zumindest Künstler motiviert sind, ihre Werke loszulassen. Vergleichbare Bewusstwerdungs- und Entscheidungsprozesse bei Konsumenten werden vermutlich länger brauchen und noch viele Anlässe zum Sichselbsterproben brauchen.

Mir persönlich hat das Festival gezeigt, dass ich mit meinem Anliegen nicht alleine bin. Viele Künstler teilen meinen Impuls, lieber aus sich herauszugehen und das eigene Werk zur Verfügung zu stellen, als es zurückzuhalten. Ich habe als Teil einer Gemeinschaft erfahren, dass Inhalte ihren eigenen Weg finden können und dass Offenheit kein Ideal bleiben muss.

Durch das Öffnen und Teilen der eigenen Produktivität erfährt man eine Belebung, von der die Kunst, der Künstler und die Rezipienten nur profitieren können. Offenheit ist ein aktiver Bestandteil von lebendiger Kultur.

Sarah Berger
14:45 10.03.2016
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milchhonig

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