Eine Inszenierung des Scheiterns

Theater Wenn das Feuilleton nicht in der Lage ist, das Autorentheater zu verstehen, haben wir wirklich ein Problem. Gedanken zu Falk Richters FEAR
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Eine Inszenierung des Scheiterns
Gelähmtsein gegenüber den Zuständen (Lise Risom Olsen, Bernardo Arias Porras, Kay Bartholomäus Schulze, Jakob Yaw, Alina Stiegler, Denis Kuhnert, Tilman Strauß)
Foto: Arno Declair/Schaubühne

PROTECT ME von Falk Richter, aufgeführt in der Schaubühne, war damals eines der wenigen Ereignisse, von denen ich heute sagen kann: Das hat mein Leben verändert. Ich schätze Falk Richter für seine Inszenierungen, die mit radikaler Sprachgewalt in das Innenleben seiner Figuren einbrechen, es umstülpen und offen legen und damit seinen Zuschauer auf sehr hohem intellektuellen Niveau herausfordern, sich auf eine Reise in das je eigene Selbst zu begeben. Endlich ein intellektueller Theatermacher, der keine Rücksicht darauf nimmt, allgemein verständlich zu sein, der ein intelligentes, belesenes Publikum bedient und fordert, der mich bombardiert mit intellektueller Ich-Schwere. Falk Richter: You're rock'n roll.

Einigermaßen gespannt war ich auf sein neustes Stück FEAR und nach dem Besuch tatsächlich enttäuscht – ich habe mir mehr erwartet: Mehr Herausforderung, mehr intellektuellen Scheiß, mehr Reise ins Innerste. Und doch ist es ohne Frage eines der besten Stücke, welches momentan an der Schaubühne inszeniert wird.

Nur eines wundert mich: Was sollen diese ganzen negativen Rezensionen? Wo ich auch hinschaue, durch die Bank weg wird das Stück sehr kritisch betrachtet – was an sich ja immer gut ist. Leider bleiben die Rezensierenden aber intellektuell weit hinter dem Stück zurück – und das finde ich ziemlich problematisch.

„Wir sind die anderen.“, sagt Darsteller Frank Willens am Ende einer imposanten Reise durch den zeitgenössischen Rechtsruck. „Ich weiß, es klingt pathetisch.“ JA! Natürlich klingt es pathetisch. Mit voller Absicht! Die „Anderen“ im Verhältnis zu wem? Am Ende dieses Stückes liegt auf der Hand: Diese „Anderen“, die gibt es nicht – es gibt keine starke Gruppierung gegen den plötzlich aufgekommenen Rechtspopulismus. Das „Andere“ ist eine diffuse, verwirrte Masse, die sich in einer linksintellektuellen Blase verschanzt und so tut, als würde es das „da Draußen“ gar nicht geben.

In seinem neuen Recherchestück FEAR setzt sich der Dramatiker und Regisseur Falk Richter mit dem rechtspopulistischen Drive der Gegenwart auseinander – es ist ein Montagestück. Richter arbeitet mit den Parolen und Figuren der diversen rechtspopulistischen Strömungen; u.a. Pegida, AfD und Demo für alle stehen im Mittelpunkt seiner Betrachtung. Dabei changiert die Darstellung zwischen Beschreibung, Montage von Liveaufnahmen, Bildern und Inszenierung diverser Ängste. „Wie kann man gegen diese totgeglaubten Hasstiraden argumentieren? Wie argumentiert man gegen tote Gedanken?“ fragen sich die Darsteller und weil sie selbst keine Antwort darauf finden, zerstören sie das Bühnenbild, welches sie zuvor selbst aufgebaut hatten aus Bildern von Pegida-Demos, aus Parolen, Bannern und Bildern führender reaktionärer Kräfte. Zum Schutz ihrer linksintellektuellen Blase bauen sie sich einen Garten Eden. Hier sind die Mauern grün aber es sind Mauern. Hier wird Musik gespielt und gelacht, alles ist gut.

Wer aus diesem Stück raus geht und glaubt, Falk Richter sähe in diesem Garten Eden, im linksintellektuellen Verschanzen mit Guerillagardening und Lattemacchiato-Müttern, einen Lösungsansatz, hat sich vermutlich ein anderes Stück angeschaut. Falk Richter ist nicht auf der Suche nach einer Lösung – er sieht seine Aufgabe im Darstellen, im Sammeln von Begebenheiten und Persönlichkeiten, im Dokumentieren des gegenwärtigen Zustands. Sowieso frage ich mich, warum ein Künstler plötzlich in der Pflicht stehen soll, ein politisches Problem zu lösen.

Was auf der Bühne wie Improvisation aussieht, ist natürlich Inszenierung – jede Bewegung ist geplant, jeder Satz tausendmal geprobt, alles ist Fake, wenn man so will – es ist Theater! Wenn der Schauspieler so tut, als würden seine Eltern im Publikum sitzen und er könne jetzt nicht die Wahrheit über die Nazivergangenheit seiner Familie sagen – Inszenierung! Wenn die Schauspieler plötzlich aus ihrer Rolle fallen, anfangen zu lachen und sich irgendwie alles in Wohlgefallen auflöst – Inszenierung! Niemals sollte dieses Stück „alte hässliche Frauen“ heißen – auch das ist Bestandteil der Inszenierung.

Die Stärke dieses Stücks besteht darin, den Status Quo in radikaler Härte zu durchleuchten und zu zeigen: Sorry, ich verstehe diese ganze Scheiße selbst nicht und ich weiß absolut nicht, wie ich damit umgehen soll. Ich bin verloren und verzweifelt und am liebsten würde ich mich verstecken an einem Ort, an dem alles noch gut ist. Aber NICHTS ist gut.

Falk Richter dekonstruiert in FEAR nicht nur die rechtspopulistischen Parolen sondern auch und vor allem die Unfähigkeit zur Handlung, das Gelähmtsein gegenüber den Zuständen, den permanenten Versuch, sich ihnen zu entziehen und daran zu scheitern, die Verzweiflung, nicht vorwärts zu kommen. Vor allem verweist er auf das Scheitern selbst. „Wir sind die Anderen“ – mehr Scheitern kann es nicht geben.

13:33 09.11.2015
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Geschrieben von

milchhonig

Ich wollte niemals Mensch sein. Figur reicht völlig.
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milchhonig

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