Hier bin ich Figur, hier darf ich's sein

Twitter Auf der Suche nach dem Menschen hinter 140-Zeichen gerät die Figur in den Schlagschatten. Warum uns die Realität einer Twitterexistenz zwangsläufig enttäuschen muss
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Hier bin ich Figur, hier darf ich's sein
Foto: Bethany Clarke/Getty Images

„Ich habe gestern @NeinQuarterly gesehen!“ sagt meine Freundin und eine leichte Brise Aufregung liegt ihr im Gesicht. Aber dann merke ich: Das ist gar keine Aufregung – das ist vor allem Stolz, denn – Sie hat IHN gesehen. Neinquarterlywas? Genau – Wer ist das? Um es kurz zu machen: @NeinQuarterly ist mit knapp 64,000 Followern ein echter Star auf Twitter, und zwar einer dieser Sorte, der erst durch das Medium selbst zum Star wurde. Zeitonline nennt ihn liebevoll (vermutlich auch aus marketingtechnischen Gründen): Twitterphilosoph. Er ist dieser Typ mit dem Adornoavatar – was wohl den eigentlichen Gehalt an Zynismus in seinen Tweets ausmacht.

Wir sitzen also auf dieser Veranstaltung – dem Katersalon 2.0 über 140 Zeichen – meine Freundin und ich, selbst eingeschworene Twitterer, und warten auf die Gesichter hinter den destillierten Worten. @NeinQuarterly wird auch auftreten. Aber sie hatte ihn schon gesehen, am Abend zuvor bei Zeitonline im Gespräch mit Bernd Ulrich. Soll ich ihr erzählen, dass ich @NeinQuarterly schon kenne? Dass ich ihn schon vor zwei Jahren kennen gelernt hatte, in Berlin – als @milch_honig twitterte: „Hat jemand Lust auf ein Bier?“ und @NeinQuarterly zur Abwechslung mal nicht mit Nein antwortete. Aber das wäre eine Lüge. @NeinQuarterly habe ich nie kennen gelernt – aber dafür Eric Jarosinski.

Wie war das damals – vor zwei Jahren? Und wie ist das heute, wenn diese Twitterstars hinter ihren Avataren hervortreten und hups – echte Menschen sind. Desillusionierung ist an dieser Stelle das Stichwort. Das Spannende an Twitter war schon immer das Nicht-ganz-Mensch-sein-müssen. Sich auf reine, gezwungen minimalistische Sprache zurückziehen zu können, bedeutet vor allem, sich selbst raus nehmen zu können, sich genau auf das zu reduzieren, was es ist: geschriebene Worte. Man schreibt. Man schreibt, während man auf der Toilette sitzt, während man in Gammelklamotten im Bett liegt, während man alleine zuhause Tiefkühlpizza mampf. So ist das nämlich. Man schreibt, weil man ist. Und dieses Schreiben folgt selten einem genauen Ziel oder Vorgabe – das kommt einfach so aus einem heraus, ganz im Sinne von: Ich schreibe also bin ich.

Später dann, wenn all das, was man so geschrieben hat, während man einfach nur so da war, während einfach nur der eine oder andere Gedanke in seiner ganzen Absurdität einfach mal raus musste; wenn all das dann schön gelistet in einer Timeline steht, garniert mit einem schicken Avatar und einem lustigen biographischen Text – ja dann, dann erkennt man plötzlich, dass man aus dem Nichts eine Figur kreiert hat. Dann erkennt man plötzlich, dass es diesen Teil in einem selbst gibt, der genau das ist, was man da auf Twitter lesen kann – und auf Twitter ist man das, genau das und nicht mehr oder weniger.

Spätestens seit der Postmoderne wissen wir, dass der Autor seinen Text niemals so weit einholen kann, wie der Rezipient selben interpretieren kann. Eine Interpretation verweist immer auch schon über den Text hinaus. Für Twitter bedeutet das, dass die Rezipienten im gleichen Maße an der Figurenbildung beteiligt sind wie die Menschen hinter den Figuren selbst. Jeder baut sich seine eigene Timeline zusammen aus jenen Figuren, welche das eigene Leben bereichern. @NeinQuarterly ist in meiner Timeline, weil er für mich vor allem ein weinerlicher Zyniker ist – eben diese Sorte von Nihilist, die vom Aussterben bedroht ist. Und diese Begriffe sagen schon alles: Kein Mensch kann diese Allgemeinplätze einholen. Begegnet man also dem Menschen, muss man erkennen, dass er mehr ist als diese paar Begriffe, auf welche man seine Figur bringen kann.

Dennoch sind wir enttäuscht – auch wenn es niemand wirklich zugibt. Begegnet man dem Schöpfer einer Twitterexistenz, muss man Figur und Mensch irgendwie zusammen bringen. Aber muss man das wirklich? Kann man die Figur nicht als das begreifen was sie ist: eine Figur? Eine Persona, die sich aus nichts anderem als Worten zusammen setzt und nicht zuletzt aus meiner ganz eigenen Interpretation dieser Worte – also letztlich zum großen Teil auch aus mir selbst besteht. Und der Mensch? Der ist eben ein Mensch und der ist in der Lage, diese Figur zu kreieren, aber er kann noch viel mehr (oder vielleicht kann er in der Realität auch gar nichts, auch möglich). Ich darf dann nicht bei der Figur stehen bleiben, sondern habe die Möglichkeit, mich auf einen ganzen Menschen einlassen zu können, wenn ich das denn will. Und ich denke: Diese Möglichkeit sollte man auf jeden Fall immer nutzen.

Desillusionierung bedeutet also in erster Linie die Aufdeckung meiner Selbsttäuschung über das Menschsein der Figur. Im Moment der Begegnung erkenne ich, dass ich es auf Twitter mit einer Creatio zu tun habe und nur in Teilen mit dem Schöpfer. Selbst wenn ich beharrlich nach dem Menschen dahinter suche, finden kann ich ihn nur, wenn ich mich auf ihn einlasse und zwar unabhängig seiner Twitterexistenz. Bleibt noch die Frage, warum wir überhaupt hinter jeder Figur nach dem realen Menschen suchen. Vielleicht können wir einfach nicht anders.

MH
14:46 19.03.2014
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Geschrieben von

milchhonig

Ich wollte niemals Mensch sein. Figur reicht völlig.
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milchhonig

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