Patientenforum

Satire Medizin Kranksein war gestern. Das Gesundheitswesen braucht vor allem eines: kerngesunde Patienten, die mitdenken.
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„Stillstand ist Rückschritt“, krähte der Mann ins Mikrofon, „Stillstand ist Rückschritt!“.

Der Mann musste es wissen. Schließlich hatte er BWL studiert. Betriebswirtschaftslehre. Allein deshalb durfte er auch allerorten herumsitzen und uralte Weisheiten im innovativ-schmissigen Gewand verticken.

So etwas lernt der BWLer nämlich schon im ersten Semester. Mit abgedroschenen Zitaten bringt sich die Heilslehre der Ökonomie am besten unter die Leute. So hatte es der Mann sogar bis ins Gesundheitswesen geschafft.

Ob er Arzt sei, werde er manchmal gefragt. Nun Arzt sei er nun eigentlich nicht. Denn es hatte sich schon in der Schule allzu bald herausgestellt, dass er dafür oben rum nicht genügend Latten am Zaun haben würde.

Und jetzt war er sogar etwas Besseres als ein Arzt, oder um genauer zu sein, wie ein Arzt wie er sagte, besser sogar wie ein Chefarzt. Er war jetzt an der Spitze der Evolution angekommen:

Er war Krankenkassenvorstand.

Krankenkassenvorstand - das war kein leichter Job. Ständig hatte er neue prunkvolle Gebäude in Innenstadtlagen einzuweihen und sich mit diesem überstudierten uneinsichtigen Ärztepack herumzuschlagen, die nur widerwillig die Praxisgebühren eintrieben und die ihm vor allem immer wieder mit der ollen Kamelle kamen, dass der Mensch keine Maschine sei. Vor Ärzten aufzutreten „um diese mit ins Boot zu holen“ war ihm ein Graus, neulich habe er sich gar dem perfiden Zwischenruf ausgesetzt gesehen, er nutze seine blumige Rhetorik ausschließlich für eine kühle Kosten-Nutzen-Rechnung.

Heute aber hatte er leichtes Spiel. Gerade sprach er zu einem Patientenpublikum einer orthopädischen Reha-Klinik über die Trends im modernen Gesundheitswesen sprechen. Zahlreich saßen Versehrte in ihren Stühlen und lauschten. Dass Reha-Patienten zu allen Vorträgen erscheinen, die in der Klinik geboten werden und jetzt ganz genauso
vor ihm aufgereiht gewesen wären, wenn man zum Bingo geblasen hätte, war ihm geflissentlich egal. Heute konnte er Tacheles reden:

Meine Damen und Herren,

Vieles hat sich getan im Gesundheitswesen in den vergangenen Jahren. Vieles hat sich bereits zum Besseren gewendet:


Krankenkassen konnten sich endlich wieder angemessene Gebäude in die Städte stellen. Klinikvorstände stellen wieder eine starke Fraktion in den renommierten Golfclubs der Städte dar. Gesundheitsminister und KV-Funktionäre sind wieder in der Lage, sich ein paar Grundbedürfnisse zu erfüllen … eine Villa, ein Sportboot, eine Limousine, ab und zu eine Kreuzfahrt.


Einfach so nach Lust und Laune krank zu werden, meine sehr verehrten Damen und Herren, so etwas gehört der Vergangenheit an. Was wir am Ende des Tages brauchen, um die Kuh vom Eis und Sie alle mit ins Boot zu holen, ist eine verantwortungsvoller Umgang mit der Krankheit!


Doch, damit allein ist es nicht getan, versehrte Anwesende. Der strenge Sparkurs muss fortgesetzt werden, und Sie, als Patient, können hier ganz entscheidend mitwirken, indem Sie sich an ein paar simple Verhaltensregeln halten:


1.) Was immer Ihnen widerfährt, versuchen Sie unbedingt, die Zahl Ihrer Arztbesuche und Krankenhausaufenthalte möglichst gering zu halten. Eine Unterarm-Fraktur zum Beispiel sollte Sie weder in Kopflosig- noch in Wehleidigkeit verfallen lassen. Bedenken Sie: Auch ein stramm gewickelter Verband vermag zu stabilisieren und erspart Ihnen gefährliche Röntgenstrahlung.


2.) Plagen Sie Ihren Arzt nicht mit unnötigen Bitten nach Medikament-Verschreibungen. Nur im äußersten Notfall sollten Sie ihn nach einem Privatrezept fragen.


3.) Halten Sie einen Arztbesuch partout für unerlässlich, bedenken Sie bitte auch die tröstlich-therapeutische Wirkung eines liebevollen Hinwendens zu Ihrem Arzt. Den meisten Ärzten geht es finanziell noch schlechter als Ihnen. Führen Sie das Gespräch deshalb einfühlsam und verfolgen Sie nicht vordergründig materielle Interessen wie Ihr Rezept! Unterbrechen Sie wiederum nicht zu früh den Geschäftsbericht Ihres Arztes und beschäftigen Sie sich nicht mit Nebensächlichkeiten wie Ihren frisch abgetrennten Gliedmaßen. So kann kein Vertrauen entstehen. Ärzte, die sich vernachlässigt fühlen, werden früher oder später die Patienten wechseln.


4.) Verschwenden Sie die Zeit der Mediziner auch nicht mit simplen Einfach-Erkrankungen. Ausschließlich mit einem Heuschnupfen vorzusprechen, das ist Luxus und Verschwendung. Durch die gezielte Planung eines Herzinfarkts, einem kompliziertem Oberschenkelhalsbruches und eines Bauchschusses kann die Effizienz Ihrer Behandlung um ein Hundertfaches gesteigert werden.



5.) Nehmen Sie so viele IgeL-Angebote Ihres Arztes in Anspruch wie möglich, auch wenn Ihnen der Stutenmilcheinlauf nicht unbedingt zusagen sollte. Bedenken Sie, dass Golfschläger in diesen schwierigen Zeiten sehr kostspielig sein können.


6.) Bilden Sie sich im Internet selbst medizinisch fort. So können Sie rasch ein profundes Halbwissen aufbauen. Ein Arztbesuch erscheint Ihnen dann häufig entbehrlich.


7.) Hinterfragen Sie nicht provokativ höhere Krankenkassenbeiträge! Auf welche Weise, glauben Sie, können sonst die moderne Kassen-Neubauten mit den Mitarbeiter-Chill-Out-Lounges, finanziert werden?


8.) Haben Sie Verständnis dafür, dass Endoskopien und kleinere operative Eingriffe künftig in Eigenverantwortung selbst und zu Hause durchgeführt werden müssen.


9.) Bedenken Sie bitte, dass auch Rechtsanwälte ihre Daseinsberechtigung haben. Bei kleinstem Zweifel an der Behandlungsmethode Ihres Arztes suchen Sie bitte rechtlichen Rat.


Zum Ende lege ich Ihnen noch einmal ans Herz, meine Damen und Herren: gemeinsam können wir es schaffen. Gehen wir es an, denn Stillstand ist Rückschritt. Und Rückschritt ist der Tod.

Ergriffen klatschten selbst die Einarmigen mit ihrem Nachbarn und als ein Rollstuhlfahrer beim Hinausfahren in der Tür des Saales steckenblieb, krähte eine Frau auf Krücken hinter ihm forsch: „Hey, weiter geht’s … ! Stillstand ist Rückschritt!“

Zufrieden rieb sich der Mann die Hände. Das Gesundheitswesen war auf einem guten Weg.

09:01 03.11.2012
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