Der Irrglaube der Deutschen

Flüchtlingskrise Zu behaupten, dass Flüchtlinge nicht integriert werden können, ist falsch. Doch eine einfache Lösung gibt es nicht. Wir werden anfangen müssen, zu teilen
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Der Irrglaube der Deutschen
Ein Willkommensschild in Berlin-Tempelhof

Foto: JOHN MACDOUGALL/AFP/Getty Images

Das „Kippen der Stimmung“ wird förmlich herbeigeredet. Selbst bisweilen linksorientierte Politiker verfallen regelrecht einer gewissen Panik, und reden davon, Deutschland werde überfordert; könne die Massen an Flüchtlingen nicht mehr integrieren. Sie verfallen den diffusen Parolen konservativer Politiker und Medien, die Obergrenzen, Kontingente oder gar totale Abschottung fordern. Jeder überlegt fieberhaft, wie sich die vielen Flüchtlinge nur integrieren ließen, wie sich die Herausforderung bezahlen lässt, ohne selbst nennenswerte Abstriche machen zu müssen.

Zugegeben: Von einem gewissen Standpunkt aus haben ebenjene Konservative recht. Es wird zukünftig nicht mehr möglich sein, so weiter zu leben wie bisher. Tatsache ist, dass ein Großteil der Flüchtlinge – ob aus dem Nahen Osten oder Nordafrika – aus prekären Verhältnissen zu uns kommen und Deutschland bzw. Europa finanziell betrachtet nicht bereichert. Auch ist richtig, dass nicht alle Flüchtlinge europäische „Musterschüler“ sein werden und sich problemlos in ein zumeist grundlegend neues Gesellschaftsgefüge einordnen werden. Ja, es wird Probleme geben. Ja, auch wir werden uns verändern.

Doch genau hier liegt der springende Punkt. Die fast schon neurotische Suche nach einer Lösung, die es ermöglicht, dass die Deutschen so weiter leben können wie bisher, ist das tatsächliche Problem. Verzweifelt werden Obergrenzen gefordert, und überall streiten Politiker über die Illusion eines Plan B.

Den allermeisten ist nicht klar, oder wollen nicht akzeptieren, dass es einen solchen Plan B nicht gibt. Wir können nicht weiter in unserem Wohlstand verharren, die Augen verschließen und so tun, als seien wir in keinster Weise betroffen, verantwortlich, gar schuldig. Wir können nicht weiter unbehelligt auf der „Insel der Seligen“, wie der Kapitalismuskritiker Wolfgang Streeck es nannte, leben und so weiter machen wie bisher. Aktuelle Zahlen zur Reichtumsverteilung bestätigen dies nur.

Denn nüchtern betrachtet blendet der reiche Westen folgende Tatsache aus: Zum großen Teil sind wir es, die dazu beitragen, dass Menschen in anderen Regionen der Welt unter erbärmlichen Bedingungen leben müssen. Es ist das natürliche Wesen des Kapitalismus, dass die einen profitieren und die anderen ausgebeutet werden. Die banale Wahrheit, dass es uns gut geht, weil andere leiden müssen, wird allzu oft als Floskel denunziert und mit Verachtung gegenübergetreten.

Nun bekommen wir die Rechnung für die lange Zeit, die wir in Wohlstand, Unbekümmertheit und Naivität gelebt haben. Es ist immer nur eine Frage der Zeit gewesen, bis wir für unsere kaltblütige Abschottung und unser unbekümmertes Wegschauen bezahlen müssen. Ein weiteres Abschotten, wenn überhaupt noch möglich, würde die Kapitulation und die verheerenden Folgen des Kapitalismus lediglich hinauszögern und die Krise zu einem späteren Zeitpunkt deutlich dramatischer ausfallen lassen. Denn dann kämen Klimaflüchtlinge, ebenfalls nicht zuletzt aus dem globalisierten Kapitalismus resultierend, noch hinzu.

Die klassische Lösung, wie die Deutschen sie sich wünschen, gibt es nicht. Die tatsächliche Wahrheit fällt weitaus nüchterner aus: Als Konsequent aus jahrzehntelanger Ausnutzung der Globalisierung ist nun die Zeit gekommen, einzusehen, dass wir an Reichtum abbauen, mehr gesellschaftliche Probleme kriegen werden und anfangen müssen zu teilen. Lindern kann diesen zwangsläufigen Prozess nur die drastische und konsequente Umverteilung der Reichtümer von oben nach unten. Nötig wäre endlich, die Zeit nicht mehr für die fieberhafte Suche nach einem Plan B zu verschwenden, sondern den Tatsachen ins Auge zu sehen, und die Kraft auf Integration und Umverteilung zu lenken. Alle Flüchtlinge, und lass es nochmal eine Million mehr sein, können, wenn am Reichtum Abstriche gemacht werden, integriert werden. Einziger Haken: Es wird Probleme geben. Damit müssen wir, zum großen Teil selbst verschuldet, leben.

00:27 28.01.2016
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