Vorsicht, Nacktheit!

Zensur, YouTube Sexuell explizite Inhalte sind auf YouTube verboten - aber ist nackt immer gleich explizit?
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Die umfassenden Richtlinien, die YouTube 2019 erlassen hatte, um der Verbreitung von Propaganda, Hass und Hetze entgegenzuwirken, wirkten sich auch auf gewisse Kunstkanäle aus. Mit bedauerlichen Folgen.

Klar, YouTube ist ein international wirkender Konzern mit nationalen, nämlich US-amerikanischen Standards und damit von den dort vorherrschenden Moralvorstellungen geprägt. Prüderie auf der einen Seite, ausufernde Pornoindustrie auf der anderen. Das ist kein zufälliger Zusammenhang.

Der Kanal “Croquis Café” zeigt männliche und weibliche Aktmodelle in ein- bis fünfminütigen Posen und erfreut sich auf YouTube über 317.000 Abonnenten. Mittlerweile sind die meisten Videos gelöscht worden und verweisen nur noch auf die Platform Vimeo, die sich dieser Zensur (noch) entziehen konnte.

Während es selbstverständlich sinnvoll ist, rassistische, sexistische oder diskriminierende Inhalte von öffentlichen Portalen zu entfernen, ist es schwer nachvollziehbar, warum die Inhalte des Croquis Café entfernt wurden.

In den Richtlinien von YouTube heißt es, dass u.a. “Nacktheit oder teilweise Nacktheit zum Zweck der sexuellen Befriedigung” nicht gezeigt werden dürfe. Diese Klausel bezieht sich aber auf pornografische Inhalte und diese sollten sich doch deutlich von Aktmodellen zum Zweck des figürlichen Zeichnens abgrenzen lassen. In etwa so, wie es okay ist, Michelangelos David zu zeigen, nicht aber einen erigierten Penis vor der Kamera hin und her zu schwingen.

Der menschliche Körper ist nicht per se Sexualobjekt. Klar kann sich jetzt jemand selbst befriedigen, indem er sich die meist verrenkten Posen der Aktmodelle anschaut, aber zu diesem Zweck eignet sich YouPorn nun wirklich mehr. Allein die Möglichkeit der sexuellen Befriedigung darf nicht zur Entfernung des Dargestellten führen. Dann wären wir ja wieder ganz schnell dabei, die Person im Minirock für den sexuellen Übergriff des Täters verantwortlich zu machen, das Aktmodell für die anzüglichen Gedanken des Betrachters.

Indem wir jegliche Nacktheit löschen, als gäbe es sie nicht, tabuisieren wir den menschlichen Körper und erschweren damit einen natürlichen Umgang mit ihm. Wer Nippel sieht, muss nicht gleich an Sex denken und dazu benötigen wir mehr Nippel in entsexualisierten Kontexten wie dem Croquis Café. Und wir brauchen einen öffentlichen Diskurs über das, was versteckt wird.

10:42 22.04.2020
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Geschrieben von

Milja Ella Lajoie

Milja Ella Lajoie ist Lehrerin für die Fächer Englisch und Latein. Sie reist gerne, liest viel, schreibt exzessiv und jongliert couragiert.
Milja Ella Lajoie

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