Schärfer als ein Pfeil

Jüdische Kultur Viele Gruppen versuchen sich an Konzertlesungen zu jüdischer Literatur und Musik. Wenigen gelingt dies so überzeugend und liebevoll wie dem Quartett "Teatrino".
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Irgendwo in München. Eine Kleinkunstbühne. Gedimmtes Licht. Leise Klarinettentöne schleichen in den Raum. Eine sehnsüchtige Melodie, gewebt aus Wehmut und Heiterkeit, diesem ewigen Stimmungspaar der Klezmermusik. Klarinettist Johannes Berlinger betritt die Bühne – hinter ihm treten die drei Ensemblemitglieder von „Teatrino“ auf. Florian L. Arnold ist Autor und Zeichner, er gibt dem Abend die Lesestimme. Sein Vater Siegfried C. Arnold, selbst Komponist und Chorleiter, arrangierte die Lieder und Melodien des Abends. Und Sängerin Gabriele Fischer-Berlinger trägt mit ihrem fesselnden, vibratofreien Sopran die Stimmungen mal in anrührend traurige, mal in überbordend heitere Gefilde. Der Abend ist tatsächlich „schärfer als ein Pfeil“, was sich direkt auf das jüdische Sprichwort „Das Wort ist schärfer als ein Pfeil“ bezieht. Nach Auftritten rund um das biedere Ulm herum nun eine Tour rund um die bayerische Landeshauptstadt herum. Es sind viele gekommen, kein Platz mehr frei.

Die vier Akteure, die gemeinsam mit dem "Theater Erbach" diese wohlproportionierte Hommage an den jüdischen Humor kreierten, vermeiden klug die Fettnäpfchen, die diese Thematik bei leichtfertiger Handhabung mit sich bringt. Statt dessen wird man Zeuge einer beachtlichen Kenntnis und Zuneigung zur jüdischen Kultur. Trotz oder wegen der Brüche durch die Vorgänge des Holocaust begegnete man Autoren und Komponisten, die übersehen und vergessen wurden oder aus ganz anderen Zusammenhängen bekannt sind. Ein Beispiel: Groucho und Harpo Marx, zwei der legendären „Marx Brothers“. Wer hätte vermutet, daß diese beiden Komiker der klassischen Screwball-Komödie angenehme Autoren sind, die das eigene, absurdkomische Leben zwischen Vaudeville und Broadway in geistreiche Worte zu kleiden verstanden? Oder Wolfgang Hildesheimer, der kluge Autor poetischer Absurditäten, der sein literarisches Werk mit augenzwinkernden "vergeblichen Aufzeichnungen" beendete?

Weisheiten jüdischer Welterfahrung

Dies zu transportieren bedurfte es eines Kenners und Liebhabers dieser besonderen Literatur. Das ist Florian L. Arnold, der den trockenen Humor kongenial zu präsentieren verstand. Reich an Anekdoten und augenzwinkernder Lebenslust ist diese abendfüllende Begegnung mit der Weisheit jüdischer Weltsicht. Siegfried C. Arnold, den Florian L. Arnold ganz treffend als „lebendes Anekdotenlexikon“ vorstellt, weiß schier endlos aus dem Füllhorn verschmitzter Witze und Redewendungen, ja selbst aus dem Repertoire der jüdischen Flüche zu zitieren: „Alle Zähne sollen Dir ausfallen bis auf zwei – einer soll dir weh tun und du sollst nicht wissen, welcher Zahn!“

Der musikalische Rahmen orientiert sich am klassischen Klezmer – und wird doch durch Seitenpfade aufgebrochen. Da ist der „Soundtrack“ der 20er Jahre, als jüdische Filmemacher, Autoren, Humoristen und Komponisten ihren erheblichen Anteil zu den Roaring Twenties beitrugen. Arnold senior am Piano, Gabriele Fischer als Sängerin und Johannes Berlinger, der Giora-Feidmann-erprobte Klarinettist wissen diese Melodien mit Verve zu entfalten.

Das Publikum: bezaubert, verblüfft, traurig

Damit ist im Theater Erbach ein Abend gelungen, der zwar ganz auf der derzeitigen Welle der jüdisch-zentrierten Literaturabende schwimmt, aber mit mehr Tiefgang eine weitaus bedeutungsvollere Erkenntnis in diese Kultur gibt, die uns so viel näher ist als wir ahnen.

Am Ende ist das Publikum bezaubert. Auf dem Weg in die Nacht summt mancher die Klezmerlieder nach. Andere lächeln noch über die Geschichten.
Die dunkle Zeit der „Shoah“ hat diese schöne Konzertlesung nicht ausgeklammert. Und doch hat man in den unendlichen Gefilden des jüdischen Humors Lichtpunkte erblickt, die nachzulesen, nachzuhören, über die nachzudenken sich lohnt.

Das Quartett Teatrino besteht seit 2004. Mehr über die Akteure unter wortzirkus.wordpress.com oder www.schlosstheater-erbach.de

16:10 18.01.2014
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Geschrieben von

Mimikos, Christoph

Ich schreibe über Kultur und Kunst. In Deutschland und in der Schweiz.
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Mimikos, Christoph

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