Eine Welt ohne Prostitution ist möglich

Prostitution Politik und ProstitutionsbefürworterInnen reden sich die Prostitution schön und verklären Ausbeutung und Zwang zu Freiwilligkeit und Selbstbestimmung.
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Der geplante Konsens zur Neuregelung des Prostitutionsgesetzes ist vorerst gescheitert. Nach wie vor gehört das Forum vor allem jenen „sexpositiven“ Feministinnen, die Prostitution als Weg zur sexuellen Selbstbestimmung der Frau verklären. Kritik am System Prostitution wird mit pauschalen Parolen wie „Hurenhass“ und Shitstorms auf Twitter und anderen Medien zum Schweigen gebracht.
Der „sexpositive“ Feminismus dieser Akteurinnen bezieht seine vermeintlich feministische Analyse zur Prostitution aus vergangenen, damals sehr wichtigen Aktionen. Ende der 60er Jahre, als Pornos und Prostitution aus „sittlichen“ Gründen gesetzlich noch sehr eingeschränkt wurden, war es tatsächlich ein Zeichen der sexuellen Befreiung, gegen diese Gesetze zu revoltieren. Damals ging es um Sex, um Freiheit. Heute jedoch ist die Sexindustrie ein 9 Milliarden Dollar schwerer Moloch. Vorrangig geht es dort um Selbstbefriedigung am lebenden Objekt, aber in der Hauptsache geht es nur um Geld.
In ihrem Nutzerbeitrag auf dem Freitag wiederholt Sonja Dolinsek die tausendfach widerlegten Mythen der Sexarbeiterlobby. Schon der Begriff „Sexarbeit“ ist ein neoliberales Konstrukt, das von Zuhältern und Menschenhändlern geschaffen und von den selbsternannten sexpositiven Feministinnen bereitwillig übernommen wurde. Ehemalige Prostituierte, die sich für ein Sexkaufverbot einsetzen, lehnen den Begriff vehement ab.

Legale Prostitution braucht den Menschenhandel

Nach der Pornografie ist der einträgliche Arm der Sexindustrie die Zwangsprostitution, Studien wie die des DIW Berlin belegen den eindeutigen Zusammenhang zwischen legaler Prostitution und Menschenhandel. Über ganz Europa hat sich eine „Frauenhandelsindustrie“ mit jährlich 270.000 Opfern ausgebreitet, mit Zielland Deutschland, denn hier ist Prostitution legal, weitgehend unkontrolliert und vor allem gewinnbringend.
Daran beteiligt sind verschiedene Milieu-Gruppen, des organisierten Verbrechens. Dahinter und darüber stehen saubere Geschäftsmänner mit Millioneneinkommen. Legale Prostitution braucht die Zwangsprostitution, weil die Nachfrage nach sich prostituierenden Frauen über Freiwilligkeit allein nicht gedeckt werden kann. Die Hälfte der Opfer ist unter 21 – ein Grund, warum die Anhebung des Mindestalters auf 21 sinnvoll ist. Zugleich ist es ein Verbrechen, das sich ohne die Aussagen der Frauen so gut wie unmöglich beweisen lässt. Die oft sehr jungen Mädchen werden mit falschen Versprechungen nach Deutschland gelockt. Dann folgt die Initiationsvergewaltigung, die zum Zweck hat, den Widerstand der Frau zu brechen. Die Syndikate haben ihre eigenen Männer zu diesem Zweck.
Die Behauptung, der Menschenhandel sei seit dem Prostitutionsgesetz von 2002 sei gesunken, ist zynisch. Dolinsek bezieht sich auf Polizeistatistiken, die sogar die Polizei selbst als nicht beweiskräftig beurteilt. Ein sehr viel realistischeres Bild gibt es hier. http://www.kriminalpolizei.de/themen/kriminalitaet/detailansicht-kriminalitaet/artikel/ausser-kontrolle.html - legale Prostitution schafft die Nachfrage für den Menschenhandel und zugleich sorgt sie für den legalen Anstrich, hinter dem Menschenhändler sich, ihre Opfer und vor allem ihre Profite verstecken können.
Jede Nacht werden in Deutschland 150 Millionen Euro mit Prostitution umgesetzt. Wie viele davon mit Zwangsprostitution erwirtschaftet werden, lässt sich nicht feststellen, weil sich eben die Zwangsprostitution dank des Prostitutionsgesetzes von 2002 so gut wie nicht mehr nachweisen lässt. Der Menschenhandelsparagraf wurde konsequent aufgeweicht, die Anforderungen der EU zu Menschenhandel wurden in Deutschland auch nach Jahren nicht umgesetzt. So wird Menschenhandel nach und nach stillschweigend gesellschaftsfähig.
Immer wieder wird in der Debatte angeführt, Zwangsprostitution sei bereits verboten.
Doch offensichtlich hilft dieses Verbot wenig, so lange Prostitution vollkommen unkontrolliert legal ist. Wie lange Zwangsprostitution – ein Begriff, den die Lobby ohnehin ablehnt, weil er so „negativ besetzt ist“ überhaupt noch illegal sein wird, ist fraglich, denn ProstitutionsverfechterInnen arbeiten unermüdlich an einer Rehabilitierung des Images von MenschenhänderInnen und ZuhälterInnen – und beraten als ProstitutionsverfechterInnen die höchsten Kreise der deutschen Politik.

Hunderttausendfache Ausbeutung

Schätzungen des Statistischen Bundesamtes zu Folge prostituieren sich in Deutschland rund 400.000 Frauen (wahrscheinlich liegt die Zahl tatsächlich viel höher, denn die 400.000 stammen aus dem Jahr 2002). Über 90 Prozent der Prostituierten sind Frauen, die meisten Osteuropäerinnen und davon wieder ein großer Teil Romafrauen, die aufgrund ihrer europaweiten Diskriminierung vom „normalen“ Arbeitsmarkt ohnehin ausgeschlossen sind.
Sonja Dolinsek spricht in ihrem Nutzerbeitrag nur von Frauen – und ignoriert damit die steigenden Zahlen männlicher Prostituierter, die sich hier in Deutschland ausschließlich aus Armutsgründen prostituieren – sie sind fast immer hetereosexuell und landen in der mann-männlichen Prostitution.
Der Berufsverband für erotische und sexuelle Dienstleistungen besteht im Gegensatz dazu aus ein paar hundert Frauen, die entweder nicht mehr aktiv sind oder tatsächlich frei und selbstbestimmt in eigenen Wohnungen, Studios oder als Escort arbeiten. Sie sind eine absolute Minderheit und nicht repräsentativ für das, was Prostitution in Deutschland bedeutet. Trotz alledem sitzen sie in jeder Talkshow und auf jedem, auch linkem, Podium. Sie sind dagegen, ein Mindestalter für Prostitution einzuführen, mit dem Argument, man könne dann die unter 21 Jahre alten Prostituierten weniger „schützen“. Welche Art von Schutz ist in einer vollkommen unregulierten Branche denn bitte sehr gemeint?
Stattdessen wird in diesem Zusammenhang eine besondere Begleitung dieser Altersgruppe auch durch „Althuren“ gefordert – das eigentliche Ziel hinter dieser angeblichen Sorge um das Wohlergehen dieser jungen Frauen (und Männer und Trans*) besteht darin, auch diese Altersgruppe in Bordelle vermitteln zu dürfen oder in eigenen (oder angemieteten) Wohnungen bei der sexuellen Ausbeutung „beraten“ zu dürfen, was im Moment durch die gültige Gesetzeslage zu Menschenhandel, die diese Altersgruppe (noch) schützt, verhindert wird. Es geht also um die weitere Aushebelung von Schutzbestimmungen unter dem Deckmantel des Schutzes. Sogar der Deutsche Frauenrat hat diese Forderung übernommen.

Jenseits der „Sexarbeits“-Mythen

Prostitution ist ein Job ohne jede Aufstiegs- oder Ausstiegschancen. Die Frauen leben mit enormen Gesundheitsrisiken, ohne jede soziale Absicherung. Seit 2000 sind in Deutschland 36 Prostituierte ermordet, unzählige weitere während der Ausübung ihres Berufs verletzt oder vergewaltigt worden. Studien belegen eindeutig den Zusammenhang zwischen sexueller Gewalt in der Kindheit und dem späteren Weg in die Prostitution. Die in der Prostitution erlebten Traumata sind vergleichbar mit dem, was Folteropfer erleben. Die Frauen stimmen dem Sex mit diesen Männern nicht zu. Dieser Sex ist nicht freiwillig. Ihr Consent, die Zustimmung zum Sex, wird mit Geld und nicht selten mit der Gewalt der Hintermänner umgangen.
Gerade die Käuflichkeit führt dazu, dass die Freier ein menschenverachtendes Anspruchsdenken an die Frauen haben, das sie nicht selten mit Gewalt durchsetzen. Neuester Trend: Diese Vergewaltigungen zu filmen und auf Sexvideo-Kanälen hochzuladen.
Wer wissen will, wie abfällig sich Freier über Prostituierte äußern, kann unter http://freiersblick.wordpress.com/ nachlesen, wie sie sich offen in Freierforen äußern. Wenn jemand Hurenhass sucht, der findet ihn hier.
Nur um das klarzustellen: Nicht jede Prostituierte zerbricht an ihrem Job. Aber die meisten tragen psychische und physische Folgen davon. Und jede davon ist eine zu viel – und sie sind die Mehrzahl. Die Minderheit, die gut damit zurechtkommt, sind aber jene, die am lautesten auftritt und die versehrte Mehrzahl zum Schweigen bringt. 89 Prozent der Frauen würden sofort aussteigen, wenn sie könnten.
Dolinsek nimmt dennoch für sich in Anspruch, für Prostituierte – in ihrem Jargon „Sexarbeiterinnen“ zu sprechen. Dabei ignoriert sie, dass viele Überlebende der Prostitution sich international für ein Sexkaufverbot einsetzen.
Weiter kriminalisiert das nordische Modell prostituierte Personen nicht – sie erhalten umfassende Ausstiegshilfen. Bestraft werden ausschließlich die Sexkäufer, Zuhälterei und Bordellbetrieb.
Jüngst wurde das norwegische Gesetz zum Sexkauf evaluiert – und zeigte die positiven Ergebnisse des Gesetzes für die Gesellschaft.

Der Zynismus des Freiwilligkeitsbegriffs

VerfechterInnen der Prostitution betonen immer wieder zwei Begriffe: Selbstbestimmung und Freiwilligkeit. Die Debatte um Freiwilligkeit und Selbstbestimmung ist absurd. In den seltensten Fällen gehen Menschen der Prostitution aus Lust nach, sondern aus ökonomischer Not und Alternativlosigkeit. Das ist das Gegenteil von Freiheit. Es liegt im Wesen des Kapitalismus aus allem eine Ware zu machen, aus Körpern Produktionsmittel. Es ist dem Widerstand der Gesellschaft – insbesondere der Linken – zu verdanken, dass wir keine Sklaverei und keine Kinderarbeit mehr haben. Schließlich dürfen wir weder unsere Organe verkaufen noch unsere Gebärmütter verleihen – obwohl es sehr wohl eine Nachfrage dafür gibt und Menschen, die verzweifelt genug sind, um diese Nachfrage zu erfüllen.
Prostitution ist eine zutiefst patriarchale Institution. Jede ehrlich geführte feministische Analyse zeigt das. Sie ist keineswegs das „älteste“ Gewerbe der Welt, sondern hat ihren Ursprung in der Sklaverei, dem Inbegriff der Unterdrückung. Viele Gesellschaften lebten Jahrtausende ohne Prostitution. Konkret: Der Mensch braucht die Prostitution nicht, sondern nur das Patriarchat, katalysiert durch den globalen, ungehemmten Kapitalismus, der alles zur Ware macht.
Die Unfähigkeit zur Patriarchatskritik wiederum liegt daran, dass es im Zuge des Postfeminismus so furchtbar unschick wurde, Begriffe wie „Patriarchat“ zu verwenden. Wir sind doch jetzt alle gender, also Konstrukte, Geschlechterrollen sind kreative Spielmöglichkeit, nicht Machtinstrumente gegen uns. Oder wir sind postgender oder irgendwas. Verbessert hat das unsere Situation als Frauen kein Stück.

Das organisierte Verbrechen ist jetzt salonfähig

Hinter fast allen Bordellen und FKK Clubs steht das organisierte Verbrechen und sie werden von Rockerbanden gesteuert, doch offiziell in den Papieren stehen harmlose Strohmänner, alles wird sauber über Anwälte und Notare abgewickelt, heißt irgendwie GmbH oder Co KG. Frauen werden unter Ausnutzung ökonomischer Nöte oder sogar kultureller Umstände wie Vodoo-Ritualen in ihrer Heimat dazu gezwungen, sich hier zu prostituieren. Das klingt zu absurd, um wahr zu sein, aber es geschieht, es passiert da draußen.
Der Vorwurf vom Hurenhass wird von Leuten erhoben, die ihre wissenschaftliche Karriere darauf aufgebaut haben, Prostitution zur sexuellen Befreiung zu erklären. Da passt das mit der Ausbeutung natürlich nicht so gut.
Der Vorwurf ist absurd:
Wer Leiharbeit kritisiert, kritisiert auch nicht den Leiharbeiter, sondern den, der davon profitiert. In unserem Fall der deutsche Fiskus, die Mafia und die Investoren ins Rotlichtmilieu. Man stelle sich das Gleiche mal mit der Waffenlobby oder der Bundeswehr vor, die ähnlich tödlich und traumatisierend sind, aber immerhin einer stärkeren gesetzlichen Reglementierung unterliegen – und die von allen Linken kategorisch abgelehnt werden. Große Teile der Politik lassen sich von einer Lobby einwickeln, die eng verbunden ist mit dem organisierten Verbrechen, die Milliardenumsätze macht, auf Kosten von Frauenkörpern, die aus den Armenhäusern Europas kommen oder auf Bestellung von den Menschenhändlerringen angeliefert werden.
Es ist so weit gekommen, dass Pressesprecher großer Bordelle im Saarland von der Gesellschaft Dankbarkeit erwarten, weil sie ja Jobs für diese Frauen schaffen. Das ist neoliberales Gedankengut, das es bis weit nach links geschafft hat und an Zynismus kaum zu überbieten ist.

Machen wir den Schlussstrich

Prostitution ist falsch, denn sie zementiert die Ausbeutung und Unterdrückung der Ärmsten und Rechtlosen. Theodor Adorno hat es in der Minima moralia geschrieben: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ Wir können die Prostitution nur abschaffen, indem wir endlich die gesellschaftliche Einstellung zu Frauen ändern und einen radikalen Perspektivenwechsel anstoßen. In der Praxis heißt es vor allem,die Nachfrage beenden – und das bedeutet, die Freier zu kriminalisieren, jene Freier, Männer, die glauben, der Staat habe ihrer Lust, ihrem Begehren, ihren Macht- oder sonstigen Ansprüchen eine gut verwaltete Infrastruktur auf Kosten von Frauen hinzustellen. Die Verkehr ohne Kondom nachfragen, die gegen den Willen der Frauen den Verkehr mit ihnen filmen und auf Videoplattformen hochladen und die Frauen in frauenverachtendster Weise auf Freierforen auch noch bewerten. Der Weg dahin ist das Nordische Model. Schweden ist nachweislich das Land mit einer der geringsten Raten an Menschenhandel – und Prostituiertenmorden.
Prostitution tötet, Prostitution zerstört Körper und Seelen. Die Politik weigert sich, zu erkennen, was Prostitution wirklich ist: Ein System der Ausbeutung, der absoluten Entfremdung, das von der organisierten Kriminalität nach neoliberalen Gesetzen durchstrukturiert ist. Ein durch die politische Legalisierung vollkommen unkontrolliertes Verbrechen an Hunderttausenden von Frauen mitten unter uns. Ein System, das es uns unmöglich macht, als Mann und Frau einander zu begegnen und freie und selbstbestimmte Sexualität auszuleben.

In einer gleichberechtigten und freien Gesellschaft kann kein Platz sein für Prostitution. Wir als Gesellschaft sind gefordert, hier den Schlussstrich zu ziehen. Wir könnten uns gleichberechtigt gegenüberstehen, wenn kein Körper mehr käuflich ist, kein Körper mehr mit Gewalt genommen werden kann, wenn es Sexualität gibt abseits von Prostitution, Porno und Sexismus, die beide nur Marketinginstrumente sind, denen es nur um das ganz große Geschäft mit den Fantasien onanierender oder nur ihre eigene Lust befriedigende Männer geht. Geschlechterfrieden ist das Wort. In Schweden und Norwegen ist er zum Greifen nah. Eine Welt ohne Prostitution ist möglich.

03:18 16.08.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Mira Sigel

Mira Sigel ist feministische Bloggerin bei www.diestoerenfriedas.de und Mitglied von Abolition 2014
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