Eine Putzfrau musst Du haben!

Emanzipation Schwarzarbeit im Haushalt. Emanzipation nur für Privilegierte? Wenn Frauen Frauen ausbeuten
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Eine Putzfrau musst Du haben!

Foto: Mychele Daniau/AFP/Getty Images

Keine Frage, Putzen ist eine normale Dienstleistung und ein ehrenwerter Job. In Berlin allerdings werden viele, oft osteuropäische, Putzfrauen illegal beschäftigt. Das lässt sich aus einer Studie der HBS schließen. Demnach beschäftigen bundesweit 4,36 Millionen Haushalte Hausangestellte, von denen aber nur 126 000 als sozialversicherungspflichtig oder Minijobber angemeldet waren. 95% der Hausangestellten arbeiten ohne Arbeitsvertrag. Dabei handelt es sich aller Wahrscheinlichkeit nach vor allem um Frauen, überwiegend Migrantinnen und Pendelmigrantinnen, die vorrangig aus Osteuropa stammen, aber auch aus Lateinamerika, Asien und Afrika.

Schwarzarbeit im Haushalt ist also weit verbreitet. So verbreitet, dass sie, wie ich kürzlich erleben durfte, mittlerweile zum Gegenstand gepflegten Smalltalks avancieren konnte.

Es war an einem angenehm milden Nachmittag in Berlin. Ein Treffen von Müttern und Kindern im vertrauten Kreise. Der Kaffeetisch, stilvoll gedeckt mit von der „Putzfrau“ gebügelten Stoffservietten. Und schon sind sie beim Thema: „Putzfrauen“. Schon werden behaglich Empfehlungen ausgetauscht, über die jeweiligen Vorzüge und Nachteile von Katharyna*, Agnieszka* oder Ewa*. Die Eine, ja „die spricht kein Wort Deutsch, aber dafür bügelt sie und ist auch sonst sehr patent.“ „Also wenn die für dich die Richtige ist... Ich hatte mit ihr nur Probleme. Trotz mehrmaliger Aufforderung hat sie einfach nicht die Lampen und das Sideboard staubgewischt, was ja auch echt total ärgerlich war.“ Und, nun ja, es war „schon irgendwie peinlich, aber leider war man gezwungen, sie zu entlassen.“ Dann „nimmt man doch lieber die Putzfrau aus Polen.“ Bei der weiß man wenigstens, „dass sie ihre Kinder wegen der Arbeit nicht jahrelang in der Ukraine bei den Großeltern zurück lässt.“ Verständnisvolles Nicken in der Runde.

Und wie ist das mit der Schwarzarbeit? Nun, man „hat ja angeboten, das Arbeitsverhältnis zu legalisieren.“ Allerdings, „die wollte ja nicht.“ Na dann...

Es ist offensichtlich, dass dieser Zweig der Schattenwirtschaft im Allgemeinen unter ,Kavaliersdelikt‘ läuft. Laut einer Forsa Umfrage halten nur 5% der Befragten Schwarzarbeit im Haushalt für bedenklich. Und so scheint es für viele gar kein Widerspruch zu sein, Schwarzarbeit am Bau oder Ausbeutung von Arbeiterinnen und Arbeitern in China moralisch zu verurteilen und gleichzeitig illegal eine Haushaltshilfe aus Polen oder der Ukraine zu beschäftigen. Einfach Geld auf den Küchentisch und fertig. Wer fühlt sich da schon als Lohndrücker, Steuerhinterzieher oder gar Ausbeuter?

Im Gegenteil, es wird damit geprotzt. Ein Putzfrau zu ,haben‘ scheint zu einer Art Statussymbol geworden zu sein, ein Ausweis des sozialen Ranges, ein Gütesiegel gelungener Emanzipation. Der typische Arbeitgeber/die Arbeitgeberin verfügt über ein Haushaltsnettoeinkommen von über 2000 Euro, hat Abitur und ist gebildet. Wer putzen lässt, ist also meist beruflich erfolgreich und gesellschaftlich arriviert.

Nun frage ich mich: Wie kann es sein, dass kultivierten Frauen, zu deren distinktivem Selbstverständnis freilich ein überdurchschnittliches Maß an sozialem und ökologischem Bewusstsein gehört - also jene Klientel des privilegierten, mondänen, meist grün wählenden „neuen Bürgertums“ - wie kann es also sein, dass ihnen gar nicht auffällt, wenn sie selbst es sind, die diese Werte missachten?

Arbeitsverhältnisse, in denen die Grenzen zur Ausbeutung fließend sind und die Rechtssicherheit gleich null. Wer bezahlt zum Beispiel, wenn die Putzhilfe am Arbeitsplatz stürzt und dadurch berufsunfähig wird? Oder, wenn sie auf dem nicht gerade kurzen Anfahrtsweg von Polen folgenschwer verunglückt? Welche Sicherheit hat sie? Welche hat ihre Familie? Unfallversicherung und Altersabsicherung sind eben nicht nur lästig und teuer, sondern auch bedeutende humanitäre Errungenschaften. Ganz zu schweigen von Kündigungsschutz, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und Urlaubsgeld. Haben sich die honorigen Ladies diese Fragen gestellt? Haben sie Vorkehrungen getroffen? Oder pflegen sie opportun eine Kultur auserlesenen Desinteresses?

Diskriminierung von Frauen in der Hausarbeit wird kurzerhand outgesourced, wegorganisiert zu denen, die es mit sich machen lassen: Frauen aus Billiglohnländern.

Jede der oben beschriebenen Makellos-Muttis profitiert von Mindeststandards bezüglich Lohn, Arbeitsschutz und Sozialleistungen. Ihren Putzfrauen gestehen sie das nicht zu. Wer hier das Wort Ausbeutung fallen lässt, wird schnell zur Persona non grata. Gerne fühlt sich die neue Bürgerin nämlich als Gönnerin. Sie nutzt nicht etwa das wirtschaftliche Gefälle zu unseren Nachbarinnen aus, oder deren ausländerspezifische Hilflosigkeit, wie mangelnde Sprach- und Rechtskenntnisse. Nein, gerade wegen des Gefälles können die ,Perlen‘ sich glücklich schätzen, ihr Geld nicht auch noch versteuern zu müssen. In ihrer gefühlten Güte verwechseln die Arbeitgeberinnen offenbar Anspruchsdenken mit Anstand und eine dicke Brieftasche mit moralischer Integrität.

Sie sind nicht alleine damit. Emanzipation ist längst auch arriviert zum sozialen Privileg, zum Distinktionsmerkmal von aufdringlich schlechtem Geschmack. Denn - es besteht ein erheblicher Unterschied zwischen dem ernsthaften Anspruch sich sozial verantwortlich zu verhalten, und dem Versuch egoistische Besitzstandswahrung mit sozialem und ökologischem Gehabe zu bemänteln. ,Wertkonservativ‘ bedeutet eben nicht Ausbeutung.

Und so haftet ein Makel an den Muttis, der sich nicht einfach wegwischen lässt. Auch nicht von einer "Putzfrau".


*Namen geändert

15:17 19.04.2013
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