Blut (und Erde...)

Blutvergießen Eine Einführung in die Geschichte des Blutvergießens im östlichen Europa.
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Vermutlich ist nirgends in Europa die Erde derart mit Blut getränkt, wie in diesen hier von uns ins Visier genommenen Gegenden. Das hat zunächst mit den rauen Sitten zu tun, die in grauer Vorzeit geherrscht haben, dann aber vor allem mit unverhohlenem Machtstreben diverser Akteure und manchmal damit verbunden, auch mit Paranoia, die in diesen Landstrichen gewütet hat. Nicht zuletzt treffen in diesem Gebiet, ähnlich tektonischen Platten, zwei geopolitische Platten aufeinander, die sich aneinander reiben und entsprechende Beben verursachen.

Bei einem Schnelldurchlauf durch die Geschichte des Blutvergießens im östlichen Europa sieht man litauische Krieger, die wie ein schweres Gewitter über die benachbarten russischen Fürstentümer hinweg fegen, um ihren Vasallenstatus abzuschütteln, den Deutschen Ritterorden, der diese Landschaften als Nahrung für seinen Machthunger benutzt, den Mongolensturm, der die russischen Fürstentümer weit über zwei Jahrhunderte lähmt, Polen, Litauer, Russen und Schweden, die um die Vorherrschaft in Osteuropa und im baltischen Raum kämpfen, die Schlachten des I. und II. Weltkrieges, den Holocaust, sowie, nicht zu vergessen, die stalinistische Verfolgung und all das ist klarerweise keine erschöpfende Aufzählung.

Erwähnt werden muss hier auf jeden Fall noch ein Schlüsselereignis Mitte des 17. Jahrhunderts, mit dem ein allmählicher Vorzeichenwechsel in der mittel- und osteuropäischen Geschichte einhergeht: Der Kosakenaufstand in der Ukraine unter Bogdan Chmelnizkij gegen die polnische Vorherrschaft, der in eine Verfolgung aller jener mündete, die die polnische Unterdrückung repräsentierten. Das betraf polnische Adelige, katholische Priester und vor allem Juden, die in einem breiten Volksaufstand hinweg geschlachtet wurden. Man spricht deshalb manchmal auch von einem ersten Holocaust. Dieses Ereignis hat das Judentum tiefgehend erschüttert und geprägt und Spuren dieses Albtraumes lassen sich gewissermaßen bis heute nach verfolgen.

Wir werden uns im Laufe der Zeit nolens volens mit Details dieser blutgetränkten Erdschichten befassen, damit man sich aber richtig was drunter vorstellen kann, hier schon einmal zwei kurze Episoden:

Als der Deutsche Ritterorden im 13. Jahrhundert im Baltikum damit begann, die Stämme der heidnischen Pruzzen bzw. Prussen zu unterwerfen, endete das zunächst in einem großen Aufstand der prussischen Völkerschaften. Die Wirkung der Erhebung war für den Orden im wahrsten Sinne des Wortes verheerend, fast das gesamte eroberte Land ging wieder verloren, eine beträchtlich große Zahl an Rittern büßte mit dem Leben. Doch der Orden gab sich zäh. Mit Hilfe zahlreicher sog. christlicher Kreuzfahrer, vor allem aus dem Reich, aber auch weit darüber hinaus, gelang es in jahrelangem, harten Ringen das Prussenland zurückzuerobern und endgültig zu unterwerfen. Das Ganze lief offiziell unter dem Titel „Christianisierung“, dieser dünne Lack war aber früher oder später ab.

Heiden erschlagen, galt bei den christlichen Rittern als eine Art Kampfsportart und zog über Jahrzehnte zahlreiche Abenteurer an, vom hohen Haupt bis hin zum angehenden Ritter. Einer von ihnen ist der Westfale Stenzel von Bentheim (auch Stenckel, oder Stentzel von Bentheim) . Dass er es trotz seines kurzen Auftrittes im Prussenland in die Aufzeichnungen der Chronisten geschafft hat, hängt mit seiner schier aberwitzigen Leistung zusammen. Gleich bei seiner ersten richtigen Schlacht steht ihm und seinen Kollegen ein Heer der gefürchteten Natanger gegenüber. Die Kreuzfahrer scheinen den Natangern unterlegen zu sein, doch das ficht Stenzel nicht an. Er reitet mit eingelegter Lanze im vollen Galopp auf die Feinde zu, durchbricht die Abwehrreihen und mäht links und rechts alles nieder, was sich ihm in den Weg stellt. Auf diese Weise durchquert er die gesamte Heerschar der Natanger, wendet in ihrem Rücken sein Pferd und möchte auf die selbe Art wieder zurückreiten. Doch der Überraschungseffekt ist diesmal dahin. Die Natanger erholen sich zu schnell von ihrem Schock, stürzen ihn vom Pferd und erschlagen ihn.

Wenn man sich fragt, wieso Stenzel einen derart unbeugsamen Mut aufbrachte, der durchaus das Kreuzfahrerheer hätte mitreißen können, dann liegt die Antwort wohl darin, dass er vor der Schlacht in der Predigt des Bischofs gehört hat, dass die Seelen der im heidnischen Prussenland gefallenen Christen ohne Umweg über das Fegefeuer direkt in den Himmel emporfliegen... Die Natanger haben die Schlacht gewonnen.

Szenenwechsel:

II. Weltkrieg, Litauen.

Die deutschen Truppen haben einen Großteil der westlichen Sowjetunion besetzt und sind sogar bis vor die Tore Moskaus vorgedrungen. Dann aber geht ihr Schlachtenglück verloren und die Sowjetarmee drängt die Deutschen Schritt für Schritt zurück. Im Schatten dieser Ereignisse hat sich in Litauen, das noch von den Deutschen gehalten wird, ein zweites Kriegsgeschehen etabliert: Diverse Partisanengruppen haben sich in den Wäldern vor allem östlich und südlich von Vilnius, das in der Zwischenkriegszeit zu Polen gehört hat, eingenistet und führen den Krieg auf einer zweiten Ebene fort. Das Problem dabei ist: Man hat keine einheitlichen Ziele. Mehr oder weniger sind die Deutschen der Hauptfeind Nr.1, aber man kämpft bereits um eine Nachkriegsordnung. Und da gehen die Meinungen weit auseinander.

Diese Ausgangslage führt zu einem Mehrfrontenkrieg zwischen mehreren dieser Parteien, im Untergrund wie an der Oberfläche, der mitunter ziemlich brutal geführt wird. Neben polnischen, nationallitauischen und sowjetischen Partisanen gibt es noch eine vierte Gruppe im bewaffneten Untergrund und das sind jüdische Kämpfer, Männer wie Frauen, die dem Holocaust entkommen sind. Sie kämpfen buchstäblich um ihr Leben und das machte ihren Aufenthalt in den Wäldern besonders schwer. Diese jüdischen Partisanen sind vor allem "Selbstversorger". Das birgt ein erhöhtes Konfliktpotential mit der Bevölkerung in sich, da sie alles, was sie benötigen, auch ihre Waffen, mittels Gewalt beschaffen müssen. Die sowjetischen Partisanen können zumindest ansatzweise auf eine Versorgung aus Moskau zurückgreifen, substantiell wird diese allerdings erst im Frühjahr 1944.

In den südöstlichen Gegenden Litauens, um die es in dieser Episode geht, leben nicht nur litauische, sondern besonders viele polnische Bauern, die alle durch die Partisanen doppelt unter Druck kommen, denn sie sind bereits von den Deutschen zu einer nicht geringen Abgabenleistung verpflichtet worden.

In dieser Situation bilden die Dörfer bewaffnete Selbstschutzgruppen, die, wie ihre Gegner sagen, auch mit den Deutschen kooperieren, um sich gegen die Partisanen wehren zu können. Es ist umstritten, was für eine Rolle diese Milizen bzw. der dörfliche Selbstschutz beim Widerstand gegen die Partisanen tatsächlich gespielt haben. Die Polen etwa spielen deren Bedeutung herunter, während die jüdische Seite den Milizen und Bauern eine aktive, antisemitisch motivierte Bekämpfung der Partisanen nachsagt. Die jüdischen Partisanen beschuldigen viele Bauern aktiv mit den Deutschen zusammenzuarbeiten. Ihrem eigenen Selbstverständnis nach versuchen die Partisanen, sich vor allem an diesen Bauern schadlos zu halten. Ihre Überfälle sollen einen erzieherischen Charakter haben. Wer eine Bedrohung darstellt, wird gnadenlos angegriffen.

Im noch jungen Jahr 1944 entscheiden sich die Partisanen, an dem Ort Koniuchy (jetzt: Kaniukai, nahe der Weißrussischen Grenze) ein Exempel zu statuieren. Warum gerade dieser Ort ausgewählt wird, ist umstritten. In einem - im doppelten Sinne - Morgengrauen kommt es schließlich zu einem gemeinsamen Angriff sowjetischer und jüdischer Partisanen auf das Dorf. Die Partisanen schießen in die Häuser und stecken diese in Brand, trieben so die Bewohner auf die Straße und nehmen die Flüchtenden dann gezielt unter Feuer. Die Menschen haben wenig Chancen dem Gemetzel zu entkommen. Nach eineinhalb bis zwei Stunden Angriff bleibt ein Haufen toter Dorfbewohner zurück, Männer Frauen und Kinder. Ganze Familien werden ausgerottet. Die Partisanen ziehen ab, ohne dass Sicherheitskräfte ihnen etwas anhaben können.

Am nächsten Tag erscheint eine offizielle Untersuchungskommission am Schauplatz des Geschehens. Die Beamten sind nicht schlecht erstaunt, als sie durch die Ortschaft gehen und das Ausmaß der Zerstörung erkennen. Alles wird gut dokumentiert und fotografiert, die zerstörten Häuser, die Leichen, das Leid, aber die Presse schweigt über den Vorfall. Die deutschen Besatzer werden in Koniuchy an ihr eigenes Verhalten erinnert: Das Ausradieren ganzer Dörfer mitsamt ihrer Einwohner, die schon mal bei lebendigem Leib verbrannt werden, gilt den Deutschen nicht nur in Litauen als probates Mittel zur sog. "Kollektivbestrafung".

Koniuchy entwickelte sich in der Erinnerungskultur vor allem der Polen zu einem Symbol oder auch Synonym für das Unrecht, das der polnischen Bevölkerung durch die prosowjetische und auch jüdische Kriegsführung angetan wurde. Doch auch für die jüdischen Partisanen bildete Koniuchy eine Zäsur: Sie, die aus ganz normalen Familien kamen, mehr oder weniger bürgerlich, die Träume von ihrer Zukunft hatten, sich bilden, für eine bessere Welt eintreten wollten, saßen jetzt in den Wäldern und hatten die Lust am Töten entdeckt. Sich rächen zu können für das erlittene Unrecht, die scheinbar befreiende Kraft des Schießens, jetzt genauso stark zu sein wie die Mörder ihres Volkes, das hat aus ihnen andere Menschen gemacht.

Nachwort:

Die Vorfälle in Koniuchy werden, da verschiedene Volksgruppen involviert gewesen sind und es um verschiedene Interessen gegangen ist, auch entsprechend unterschiedlich dargestellt. Für Polen und Litauen stellen heutzutage die dortigen Geschehnisse ein Kriegsverbrechen dar, wer für die einen ein Held ist, ist für die anderen ein Terrorist. Es ist nicht mehr klar, welche ethnische Zusammensetzung die Dorfbevölkerung tatsächlich hatte. Es spricht einiges dafür, dass es einen erheblichen Anteil an litauischen Einwohnern gab. Auch die genaue Opferzahl ist nicht mehr auszumachen. Namentlich festmachen konnte man später nur 38 Personen, denen auf einem großen Erinnerungskreuz am Schauplatz gedacht wird. Dagegen sprechen Schätzungen und Mutmaßungen von über einhundert bis zu dreihundert Opfern.

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19:22 09.06.2016
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