Feiern ohne Hoffnung auf Morgengrauen

Techno in Minsk In der belarussischen Hauptstadt entsteht unterhalb des Radars der autoritären Regierung eine subkulturelle Szene, die sich an westlichen Werten und Stilen orientiert.
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Ich trete hinter einen fadenscheinigen Vorhang und stehe plötzlich in einer vollkommen anderen Szenerie: Teilnahmslos und gelangweilt lehnt ein Grüppchen an einer Balustrade und schaut zu, wie sich eine junge Frau unter wohligen Verrenkungen kerzenweise heißes Wachs auf den nackten Oberkörper tropfen lässt. Hinter ihr kauert eine Gestalt in Latexganzkörperanzug in einem engen Käfig, einige Meter weiter wird eine weitere Person in Fetischoutfit von einem finster dreinblickenden, untersetzten Glatzkopf in Anzug und weißem Hemd mit einer neunschwänzigen Katze ausgepeitscht. Was ist denn hier los? Ich stolpere fast über ein wild rumknutschendes Paar, schreite leicht verblüfft zurück auf die andere Seite des Vorhangs und stehe wieder auf dem Dancefloor. Dort läuft humorloser Techno, vorhin spielte irgendein Scherzkeks unter Buhrufen noch eine schrottige Trance-Version von Last Christmas. Der mit Leopardenmuster bekachelte Fußboden korrespondiert herrlich mit den exzentrischen Outfits der Tanzenden: Ich zähle drei Federboas, mehrere Perücken und tatsächlich auch zwei Oberteile in Leopardenoptik. Flamboyante Ausdruckstänzer in Kleidchen verausgeben sich neben kahlrasierten Raverinnen in Trainingsanzügen oder Schlabberpullis von Kappa oder Supreme. Viel Schwarz, viel Glitzer, viel Alkohol. Endlich normale Leute.

Wer hier an Klischees aus der Clubszene Berlins denkt, liegt nicht ganz falsch, nur finden diese Szenen tausend Kilometer weiter östlich statt: Im Berlin Club der belarussisschen Hauptstadt Minsk. Belarus – die Bezeichnung 'Weißrussland' wird hier nur ungern gehört – steht im Westen vor allem als Sinnbild für Rückständigkeit und Repression, die Hauptstadt Minsk erlebt in den letzten Monaten und Jahren jedoch einen subkulturellen Aufschwung, der in deutschen und internationalen Medien nicht unbemerkt geblieben ist. Befeuert durch die globale LGBTQ-Bewegung und den abermaligen Techno-Hype der letzten Jahre, floriert das Minsker Nachtleben noch weitgehend ohne ausländische Gäste, was sich jedoch bald ändern dürfte.

Es ist mein erster Abend, gleich drei Veranstaltungen stehen zur Auswahl: Im etablierten Huligan-Club auf der mit Street Art gesäumten Kastryčnickaja-Straße spielt der New Yorker DJ Evan Baggs, der sonst zwischen Berlin, London, Amsterdam und Ibiza pendelt. Ich entschied mich allerdings gegen das Mainstream-Event und besuchte stattdessen eine Veranstaltung des Kollektivs accidental society. In einem winzigen Offspace wird das Buch Der Klang der Familie von Felix Denk und Sven von Thülen vorgestellt, das hierzulande 2013 bei Suhrkamp erschien und nun erstmals auf Russisch übersetzt wurde. Ich komme zu spät, aus der Lesung ist bereits eine Party geworden. Hier trifft sich die Techno High Society der Stadt, die Klientel hat sich aufgetakelt, es ist eher ein Sehen-und-gesehen-Werden als ein ausschweifender Rave. Zu trinken gibt es Riesling, Fritz Kola oder Club Mate, letztere fast immer turboisiert mit einem sehr großen Schluck Wodka. Die Orientierung an Deutschland ist augenscheinlich.

Gegen 1 Uhr mache ich mich auf den Weg in den bereits erwähnten und nur zwei Straßen weiter gelegenen Berlin Club, dem das allein schon aufgrund seines Namens ebenfalls unterstellt werden darf. Die Location ist viel zu groß und weitläufig für die kaum hundert Leute, die heute hier feiern, die Raumaufteilung unübersichtlich und verwinkelt. Vieles wirkt noch improvisiert, einmal falsch abgebogen steht man unversehens in der unabgeschlossenen Besenkammer zwischen Leitern, Farbtöpfen, Spülmittelflaschen und Putzeimern. Jemand hat in einer ungelenken Kinderschrift BERLIN LOVE DANCE auf die Wand geschmiert, was den zugleich nostalgischen und utopischen Charakter der Location recht gut widerspiegelt. So muss es tatsächlich in den Berliner Clubs Anfang der 90er ausgesehen haben.

Trotz der gutgelaunten Feiergäste mag sich keine echte Wohlfühlatmosphäre einstellen, dafür ist es ein paar Grad zu kalt, außerdem riecht es dolle nach Urin. Vor den renovierungsbedürftigen Toiletten weint ein Mädchen mit grün gefärbten Haaren, ihre Freundin hält ihr einen Schnaps unter die Nase und küsst ihr Tränen aus den Augenwinkeln. Im Raucherbereich frage ich zwei händchenhaltende Jungs mit lackierten Fingernägeln auf Englisch nach einer Zigarette, woraufhin sie verdutzt mit dem Kopf schütteln, mich aber sofort in ein Gespräch verwickeln. Ich fühle mich wie ein Popstar. Da sich bislang nur selten Partypeople aus Deutschland hierher verirren, werde ich überall schnell umringt und beäugt, als wäre ich eine fremde Spezies. Viele wollen mit mir sprechen, ihr Englisch oder Deutsch im echten Leben ausprobieren, Fotos und Videos aufnehmen oder mir einen Drink spendieren. Ich sage natürlich immer Ja. Warum auch nicht?

An der Bar frage ich bei einem Wodka meine Feierbekanntschaft Ljuba, wie es so ist, in Belarus zu feiern. Sie regt sich auf: „Hier gibt es sonst einfach nichts zu tun für junge Leute! Zwar muss man für Drogenbesitz acht Jahre in den Knast und eine Ecstasy-Pille kostet vierzig bis fünfzig Euro, aber dann spart man eben darauf. Wir wollen auch neue Erfahrungen sammeln, ein bisschen Abwechslung in unseren tristen Alltag bringen und außer Feiern gibt es hier nichts zu tun.“ Ich frage sie, was man denn gemacht habe, bevor die Clubs eröffneten, sie rollt genervt mit den Augen: „Nicht nur früher, auch heute noch ist das so, wenn mal ein paar Wochen nichts los ist! Man sitzt in irgendwelchen Wohnzimmern herum und langweilt sich, betrinkt sich, geht ab und zu auf ein miserables Konzert. Die Technowelle und die Drogen bringen wirklich frischen Wind in die Stadt. Man ist sich der Risiken bewusst, tut es aber trotzdem. What else can you do?

Eine weitere Partybesucherin schaltet sich in das Gespräch ein: „Hier im Club können wir so sein, wie wir selbst wollen, niemand kontrolliert uns hier“, so Hanna. Sie ist 22, arbeitet in einer NGO für Frauenrechte und zusätzlich in einer Beratungsstelle für Frauen, die häuslicher Gewalt ausgesetzt sind – ein großes Problem in Belarus, denn die Gesellschaft ist immer noch weitgehend patriarchalisch geprägt. Um ihr Studium der Gender Studies zu beenden, musste sie ins nahegelegene Vilnius ziehen, da ihre Fakultät in Minsk aufgrund unliebsamer Lehrinhalte kurzerhand vom Staat geschlossen wurde. Nach einem allerletzten Wodka verabrede ich mich mit ihr für den Rave am nächsten Wochenende. Kurz bevor ich gehe, bleibe ich an einem aus der Bar herausstehenden Nagel hängen und reiße ein großes Loch in mein neues Lieblings-T-Shirt, bin dafür aber um eine Anekdote reicher.

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In den nächsten Tagen erkunde ich die Stadt. Vor dem megalomanischen Regierungsgebäude, das noch vor dem Zweiten Weltkrieg unter Stalins Ägide errichtet wurde, steht eine gigantische Leninstatue. Wladimir Iljitsch lehnt gebieterisch an einem Pult, seine bekannte Schiffermütze in der Hand, und überblickt das weite Rund des Unabhängigkeitsplatzes, der bis zum Fall der Sowjetunion noch seinen Namen trug. Leere Kolonnaden korinthischer Säulen, bizarre Prachtbauten im Stil des Sozialistischen Klassizismus, prachtvolle Obelisken, bekrönt mit dem fünfzackigen Stern und große Schriftzüge von Coca-Cola oder H&M, die von sozialistischen Fassaden herableuchten, machen das Stadtbild zu einem einzigartig grotesken Architekturerlebnis. Im Nordwesten des Unabhängigkeitsplatzes sitzt auf dem Praspiekt Niezaliežnasci der KGB in einem einschüchternd repräsentativen Gebäude. Gegenüber vom KGB steht eine Büste von Feliks Dzierżyński, seines Zeichens enger Stalin-Vertrauter, erster Chef des ersten russischen Geheimdienstes Tscheka und somit mitverantwortlich für zigtausende, wenn nicht sogar Millionen Tote. Folgt man der Magistrale einige Kilometer in den Nordosten der Stadt, fühlt man sich wie in einem kommunistischen Freiluftmuseum: Überall Plattenbauten, monumentale Denkmäler, Beton. Schließlich erreicht man das architektonische Juwel der Stadt: Die neue Nationalbibliothek – ein Gebäude von ergreifender, perfektionierter Hässlichkeit, 2006 gegen den Protest der Bevölkerung erbaut in der erstaunlich unästhetischen Form eines Rhombenkuboktaeders, wie man in touristischen Broschüren nicht müde wird zu betonen.

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„Warum bist du hierher gekommen?“ lautet die Frage, die mir in fast jedem Gespräch gestellt wird. Für die Einheimischen ist es nur schwer vorstellbar, warum überhaupt jemand aus dem Ausland ernsthaftes Interesse an Belarus haben oder es gar als touristischen Hotspot wahrnehmen könnte. Und noch stimmt es: Hedonistisch orientierter Tourismus findet hier so gut wie überhaupt nicht statt, selbst Lonely Planet als Haus- und Hofverlag aller Individualreisender hat keinen Reiseführer zum Land im Programm. Dabei müssten pfiffige Publizisten ihren Fokus eigentlich schleunigst auf Belarus richten, denn seit Sommer 2018 benötigt man bei der Einreise über den Minsker Flughafen kein Visum mehr. Und Minsk besitzt alles, um zum perfekten Urlaubsziel linksalternativer Großstadt-WG-Bewohner zu avancieren: Craft Beer, Streetfood und Hipster-Café-Chic für die vermeintlich hippen Kosmopoliten, Bier für knapp drei Rubel (umgerechnet etwa ein Euro), Kartoffeln satt sowie Roter-Stern-CCCP-Hammer-und-Sichel-Romantik für das Rucksackprekariat. Und nicht zuletzt Techno.

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„Wir leben zwar in Belarus, aber nicht in Nordkorea!“ antwortet mir die Gastgeberin auf die Frage, ob ein kitschig klingendes Lied staatliche Propaganda sei. Trotzdem ändert sie danach die Musik zum neuen Album von Apparat. Es ist Silvester, ich finde mich in einer spartanisch eingerichteten Wohnung wieder. Es gibt Sekt und Häppchen. Ich zeige den Anwesenden Dinner for One. Belarussische Fernsehtradition ist es, Lukaschenkas Neujahrsansprache um 0 Uhr zu verfolgen. Völkerverständigung, interkultureller Austausch. Per Instagram-Filter setzen wir dem seit 25 Jahren autoritär herrschenden Präsidenten ulkige 2020-Sonnenbrillen und Hündchenohren auf.

Kurz nach ein Uhr mache ich mich auf zur größten alternativen Party der Stadt. Der Hide Club, im März 2019 von Olga (27) und Sergei (35) eröffnet, ist der einzige Club in Minsk, der ausschließlich Techno-Parties veranstaltet und mit einer Kapazität von 800 Personen gleichzeitig der größte Club in Belarus. Sergei organisiert seit 10 Jahren Technoparties, einen anderen Beruf hat er nicht. Den Club haben sie selbst in nur drei Monaten renoviert, zur Eröffnung spielte Szenegröße Anthea aus London noch zwischen Werkzeug und Baugerüsten. Durch konsequentes Booking möchte er sich ein Alleinstellungsmerkmal im Land aufbauen. Das heißt für ihn auch, musikalisch keine Kompromisse eingehen, um mehr Tickets zu verkaufen. Bevor sie ihren eigenen Club eröffneten, zogen sie mit ihrer Technik von Ort zu Ort. Jedes Mal aufs Neue musste die Anlage, das Licht und die Dekoration auf- und nach der Party wieder abgebaut werden. Zum einen soll das HIDE ein Ort für Nerds und Purist_innen sein, an dem hochklassige elektronische Musik gespielt wird. Andererseits geht es Olga und Sergei nicht ausschließlich um Tanzen und Spaß, denn Techno erfülle auch eine integrative soziale Funktion. „Man lernt hier einen anderen Umgang miteinander. Wir orientieren uns da an Kiew und Berlin: Dort kommen Menschen aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen in den Clubs miteinander ins Gespräch. Das fördert das Verständnis und die Toleranz füreinander.“ Im Moment kämen sehr viele junge Leute zu den Partys, weil Techno eben gerade im Trend sei. Sie seien schon zufrieden, wenn 20 Prozent von ihnen länger als ein Jahr bleibt – das sei schon genug, um die Szene am Leben zu halten. Der Laufkundschaft ginge es nur um das Feiern, um das Abschalten nach dem tristen Alltag mit schönen Leuten und günstigen Cocktails, aber ein kleiner Teil sei eben auch an nachhaltiger Veränderung interessiert. Nicht zuletzt sei man von den Gelegenheitsbesucherinnen abhängig, denn „echte Raver haben kein Geld“, so Olga.

Als sich im April letzten Jahres Proteste gegen die Entfernung von Gedenkkreuzen für die mehreren Tausend Opfer der Stalinschen Säuberungen formierten, ließ die Regierung die Aktivistinnen verhaften und kurzzeitig wegsperren. Vergeblich scheint jegliches Aufbäumen, bei der Jugend herrscht wenig Hoffnung auf Veränderung. Wer kann, zieht weg. Feiern und Techno scheinen hier eher auf Eskapismus und Verdrängung denn auf Protest ausgerichtet. Doch wie in Tiflis erkämpfen sich auch in Minsk Raver_innen Freiräume abseits der bestehenden Strukturen und etablieren dadurch wie nebenher einen subkulturellen Knotenpunkt im Niemandsland zwischen Berlin, Kiew und Moskau, dem in den nächsten Jahren bestimmt noch einige Aufmerksamkeit zuteil kommen wird.

Vergleiche zu Tiflis bieten sich an, hinken allerdings. Ist die junge Generation in Georgien vor allem an der EU orientiert, ist die Situation in Belarus ambivalenter. Es herrscht eine unübersichtliche Gemengelage von belarussischen, russischen und polnischen, orthodoxen, katholischen und protestantischen, pro- und anti-westlichen Ansichten vor. Belarus war erst 1991 erstmals unabhängig und ein eigener Staat, somit jahrhundertelang ein Volk von Beherrschten. Das ist eine mögliche Antwort auf die weit verbreitete Autoritätsgläubigkeit und eine passable Erklärung dafür, warum sich Lukaschenka bis heute halten konnte. „Stalin im Kleinformat, als Kleinbürger“ nennt ihn der österreichische Autor und Slavist Martin Pollack.

Mit diesem Hintergrundwissen wirken auch Clubchefin Olgas Aussagen über den in westlichen Medien oft als Diktator bezeichneten Lukaschenka wenig überraschend: „Lukaschenka ist gut für das Land, ich fühle mich außerordentlich frei hier. Ich habe hart gearbeitet und dadurch schon mit 18 meine eigene Wohnung besessen. Für mich hat alles geklappt, ich hatte hier alle Möglichkeiten – nicht zu vergessen haben wir hier ein kostenloses Bildungssystem, sind kostenlos krankenversichert und haben eine kostenlose Gesundheitsvorsorge.“ Darauf angesprochen, was nach Lukaschenka kommen könnte, ist Olga ratlos: „Wir wissen nicht, was passieren wird. Lukaschenka ist eine Schlange, er hat sich und das Land bisher aus jeder kritischen Position herauswinden können. Vielleicht ändert sich auch alles, aber ich glaube, es bleibt alles, wie es ist.“

Olgas Aussagen machen mich stutzig und ich möchte widersprechen, gleichzeitig bin ich um 4 Uhr am Neujahrsmorgen auch nicht wirklich zu komplexen politischen Debatten über postsowjetische Realitäten aufgelegt. Ich bedanke mich für also freundlich für das angenehme Gespräch und kämpfe mich wieder an die Bar, um mir meinen nächsten Gratisdrink abzuholen. Schließlich muss noch ein paar Stunden gefeiert werden.

What else can you do?

12:32 21.01.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Miška Thievel

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