Noch weit entfernt von Gleichstellung

Gleichberechtigung Vor 100 Jahren wurde in Deutschland das allgemeine Frauenwahlrecht eingeführt. Doch von einer Gleichstellung der Geschlechter sind wir noch weit entfernt
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Noch weit entfernt von Gleichstellung
Um 1915 demonstrieren auch in New York Frauen für ihr Wahlrecht. Drei Jahre später wurde es in Deutschland eingeführt

Foto: Paul Thompson/Topical Press Agency/Getty Images

Die Finnen waren die ersten

1906 führten sie das allgemeine Frauenwahlrecht als erstes Land in Europa ein und gingen damit sogar noch weiter als Neuseeland, welches zwar bereits 1893 das aktive, jedoch erst 1919 das passive Frauenwahlrecht einführte. Sukzessive zogen immer mehr Staaten nach und heute leben wir in einer Welt, in der – mit Ausnahme von Brunei – das allgemeine Frauenwahlrecht Realität und in den meisten Ländern der Welt sogar Selbstverständlichkeit ist. Und mit einem Festakt im Deutschen Historischen Museum wurde am 12. November in Berlin die Einführung das allgemeinen Wahlrechts für Frauen vor 100 Jahren in Deutschland gefeiert.

Gleichberechtigung ist nicht Gleichstellung

Natürlich ist das auf der einen Seite ein Grund zur Freude. Verglichen mit den Rechten, für welche die Suffragetten vor rund hundert Jahren noch bitter kämpfen mussten, sind wir heute einen ganzen Schritt weiter. Doch auch wenn Frauen und Männer in Deutschland, wie allen anderen europäischen Staaten formal gleichberechtig sind, sind wir von einer "Gleichstellung der Geschlechter in allen Lebensbereichen" noch weit entfernt. Im Gegenteil: Frauen werden nach wie vor in allen möglichen Lebensbereichen strukturell benachteiligt und damit auf Grund ihres Geschlechts diskriminiert.

Gender Pay Gap

Ja, auch entgegen aller Relativierungen: Frauen verdienen weniger als Männer in allen europäischen Staaten, und das liegt nicht nur daran, dass sie im Schnitt schlechter bezahlte Berufe ergreifen als Männer oder öfter in Teilzeit gehen als sie, sondern auch bei gleichem Beschäftigungsverhältnis in vergleichbaren Positionen verdienen Arbeitnehmerinnen faktisch weniger als ihre männlichen Kollegen. Und selbst wenn es "nur" daran läge, dass Frauen andere, schlechter bezahlte Beschäftigungsverhältnisse eingingen als ihre männlichen Kollegen, muss sich hier die Frage nach der sprichwörtlichen Henne und dem Ei gestellt werden. Denn wie die Münchner Soziologin Katrin Auspurg in einer Studie der Ludwigs-Maximilian Universität feststellt, seien es vor allem die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, welche Frauen dazu zwängen, sich mit "weniger zufrieden zu geben". Vereinbarkeit von Beruf und Familie sei hiernach der häufigste Grund, dass Frauen "freiwillig" schlechter bezahlten Tätigkeiten nach- und Beschäftigungsverhältnisse eingehen. Und das hat Konsequenzen: wer weniger verdient, bekommt auch weniger Altersbezüge, wird eher ein Opfer von Altersarmut. Und wer über einen längeren Zeitraum lediglich teilzeitbeschäftigt ist, mindert auch seine Karrierechancen in der Zukunft.

Sexuelle Diskriminierung

Doch es geht um mehr als nur Geld. Wie #MeToo, aber auch statistische Erhebungen im Auftrag der Europäischen Union jüngst wieder beschämend vor Augen führen, sind Frauen immer noch Opfer systematischer sexueller Belästigung am Arbeitsplatz und häuslicher Gewalt. Demnach wurden ein Viertel aller befragten Frauen an einem Punkt in ihrem Leben Opfer mindestens eines der beiden Phänomene. Nicht einmal 10 Prozent der Opfer jedoch würden dies zur Anzeige bringen – aus Angst vor Verlust des Arbeitsplatzes, Vergeltung durch die Täter oder mangelnder Aussicht auf Erfolg vor Gericht. Auch im Fall von Schwangerschaftsabbrüchen ist vor allem die Lage in Deutschland hinsichtlich der sexuellen Selbstbestimmung absolut unzeitgemäß. Dass 2018 noch eine Bundestagsdebatte über Werbeverbot für Schwangerschaftsabbrüche geführt wird, muss jeden aufgeklärten Menschen verständnislos den Kopf schütteln lassen. Denn "grob anstößige Werbung", wie es die FDP beispielsweise weiterhin verboten gewusst haben will, ist ohnehin nach §27 der Berufsordnung der Ärztinnen und Ärzte untersagt. Dass Ärzte weiterhin nach § 219a StGB strafrechtlich belangt werden können, wenn sie darüber informieren, ob sie Schwangerschaftsabbrüche durchführen oder auch nur was deren Risiken sind, lässt Frauen unzureichend aufgeklärt und auch noch der erniedrigenden Situation ausgesetzt, in welcher sie sich in einer sowieso schon emotional sehr schwierigen Lebenslage von Klinik zu Klinik, Praxis zu Praxis durchfragen müssen.

Es braucht einen Paradigmenwechsel

Was ist die Quintessenz, die wir daraus ziehen können, dass Frauen pro forma zwar lange gleichberechtig, doch noch lange nicht gleichgestellt sind? Es kann nur die Erkenntnis sein, dass die Emanzipation der Frau noch lange nicht damit abgeschlossen ist, dass man ihr gleiches Recht vor dem Gesetz zugesteht. Das ist notwendig, ja, aber es ist bei weitem nicht ausreichend. Es muss einen gesamtgesellschaftlichen Konsens darüber geben, dass die Gleichstellung der Geschlechter eine völlig indiskutable Angelegenheit ist, dass Menschenrechte wirklich unveräußerlich und unteilbar sind und absolut und ohne jeden Vorbehalt eine Selbstverständlichkeit sein muss. Und das geht über die Gleichstellung von Mann und Frau hinaus, dass muss auch die LGBTQ+ Frage mit einschließen, in welcher die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit der sich den Menschenrechten verpflichtet erklärten Gesellschaften ungleich größer ist. Top-Down Ansätze, wie ihn die Europäische Kommission zwar richtiger Weise fordert und fördert können eben nur die (notwendigen) Rahmenbedingungen schaffen, die Lebenswirklichkeit muss jedoch kulturell und gesamtgesellschaft verankert werden. Und in dieser Hinsicht ist es noch ein weiter Weg, bevor von einer Gleichstellung der Geschlechter die Rede sein kann.

Dieser Beitrag ist zuerst erschienen auf Standpunkt:Europa

16:59 12.11.2018
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